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Illertissen

05.12.2018

Wenn nur noch finstere Gedanken den Alltag prägen

Die Zahl der psychisch Kranken ist in den vergangenen Jahren gestiegen. Laut Sandra Winkler vom Bezirk Schwaben ist es die zweithäufigste Diagnosegruppe.
Bild: Julian Stratenschulte, dpa (Symbol)

Plus In Illertissen gibt es seit rund acht Jahren eine Tagesstätte für psychisch Kranke. Die Anzahl der Betroffenen steigt – aber die Stigmatisierung bleibt.

„Oft sitzt da ein grünes Männchen auf der Schulter“, sagt Till Bauer. Das „grüne Männchen“ gebe den Betroffenen Anweisungen, lenke sie ab, irritiere sie und schaffe es im schlimmsten Fall sogar, die eigene Wahrnehmung zu stören. Manchmal so sehr, dass sich die Persönlichkeit des Betroffenen spalte. „Es ist da, aber andere können es nicht sehen“, erklärt der Leiter der sozialpsychiatrischen Tagesstätte in Illertissen. Das „grüne Männchen“ – für Bauer ist es ein Beispiel, wenn man so will eine personifizierte, psychische Erkrankung.

Bauer ist neu in der sozialpsychiatrischen Tagesstätte in Illertissen am Unteren Graben. Erst seit Oktober hält er dort die Strippen in der Hand. Die Einrichtung gibt es schon wesentlich länger: Im März 2010 wurde die Tagesstätte, in deren Räumen unter anderem auch die Drogen- und Suchtberatung untergerbacht ist, eröffnet. Rund acht Jahre lang befand sich die Tagesstätte auf zwei Stockwerken verteilt in der Nähe der Illertalklinik. Seit kurzem können sich Menschen mit Depressionen, Schizophrenie oder Angst- und Zwangsstörungen in neue Räume begeben und dort gemeinsam kochen, basteln oder häkeln. Das sozialpsychiatrische Zentrum ist umgezogen: Ein paar Häuser weiter, dafür aber behindertengerecht, mit einem größeren Gruppenraum und alles ist auf einem Stockwerk untergebracht. „Die Folien mit dem Schriftzug ’Diakonie‘ kommen noch an die Fenster“, erklärt Bauer.

Depressionen: Viele Betroffene werden nach wie vor stigmatisiert

Vor manche Einrichtungen, die sie kenne, werde gar nichts angebracht, sagt Arbeitserzieherin Anni Heudorfer. Denn immer noch würden Menschen mit psychischen Krankheiten heutzutage stigmatisiert werden, so die Mitarbeiterin der Tagesstätte. Obwohl die Gesellschaft für das Thema sensibilisiert werde. Heudorfer kennt sich aus: Seit 25 Jahren arbeitet sie in diesem Bereich. Während dieser Jahre stand sie vielen Menschen zur Seite, hat ihnen geholfen, viel mit ihnen geredet, gebastelt und gekocht. Eben jene Dinge, die zu einem Alltag dazugehören. Das müsse oft wieder erlernt werden, Schritt für Schritt. Heudorfer leitet beispielsweise eine Holzwerkstatt, in der die Betroffenen unter anderem Insektenhotels anfertigen. Ihre Kollegin, Ergotherapeutin Claudia Mack, betreut die Besucher beim Häkeln und Bügeln. Interessierte können ihre Wäsche in der Tagesstätte abgeben, die Besucher bügeln die Kleidung und bekommen dafür eine „Motivationspauschale“. „Viele wissen nicht einmal, dass es uns hier gibt“, sagt Mack. Doch für die Betroffenen seien solche alltäglichen Dinge wie Bügeln ein immenser Fortschritt.

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Was alle drei Mitarbeiter bemerken, ist, dass die Anzahl psychisch kranker Menschen während der vergangenen Jahre rapide angestiegen ist. Das belegt auch Sozialpädagogin Sandra Winkler vom Bezirk Schwaben. Psychische Erkrankungen seien die zweithäufigste Diagnosegruppe, teilt sie mit. Die Folge davon sind häufig Frühverrentungen. Aber auch immer mehr junge Menschen seien von Depressionen oder Angststörungen betroffen, sagen die Mitarbeiter in Illertissen. Die Besucher der Tagesstätte am Unteren Graben seien jedoch meist ältere Menschen, häufig Frauen. Die Jugendlichen würden zwar zunächst zu Gesprächen kommen, blieben dann aber weg, sagt Mack, die Depression als Volkskrankheit bezeichnet. Und Heudorfer betont: „So eine Krankheit kann jeden treffen.“

Psyche: Immer mehr Kranke

Ziel der Mitarbeiter ist es, den psychisch Kranken wieder einen normalen Alltag zu ermöglichen, im besten Fall sogar eine Arbeitsstelle für sie zu finden. Das Leben soll so gut es geht wieder so sein, wie vor der Erkrankung. Diese kündigt sich meist schleichend an, oft gab es ein traumatisches Erlebnis in der Vergangenheit: „Manche sagen, ich komme gar nicht mehr aus dem Bett“, erklärt Arbeitserzieherin Heudorfer. Ergotherapeutin Mack ergänzt: „Kleinste Aufgaben, wie einen Arzttermin zu vereinbaren, überfordert viele.“ Andere könnten nicht mehr einkaufen oder Zug fahren. Sich dann einzugestehen, dass etwas nicht stimmt, sei für Betroffene extrem schwer. Gleiches gilt für Angehörige der psychisch Kranken, die hilflos miterleben, wie sich ein ihnen nahestehender Mensch abkapselt und mehr und mehr seiner Krankheit zum Opfer fällt.

Die erste Hürde sei für Betroffenen ein Arztbesuch, anschließend folgen meist Besuche beim Psychotherapeuten, dann werde in manchen Fällen die Tagesstätte empfohlen. Diese können psychisch Kranke nach einem Info-Gespräch freiwillig besuchen. Träger der Einrichtung, die für Erkrankte aus dem südlichen Landkreis angeboten wird, ist die Diakonie. Finanziert wird sie über den Bezirk Schwaben. Heißt: Die Besucher müssen nichts zahlen, bekommen teilweise sogar die Fahrtkosten erstattet.

Denn auch das ist wichtig: Geld spiele bei dem Weg zurück in die Normalität eine entscheidende Rolle, sagt Leiter Till Bauer. Viele Kranke hätten ihren Arbeitsplatz verloren, lebten von Grundsicherung, so der Pädagoge. Die Einrichtung versuche den Kranken auch dabei unter die Arme zu greifen, veranstalte Ausflüge und Fahrten.

Info: Am Freitag findet zwischen 13 und 15 Uhr ein Tag der offenen Tür statt: Illertissen, Unterer Graben 7.

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