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Vöhringen

17.06.2017

Wie er Schwaben lieben gelernt hat

Catello D’Auria ist vor 57 Jahren nach Deutschland gekommen. Und hier in Vöhringen ist seine Heimat, in der ist er im wahrsten Sinne des Wortes angekommen.

In unserer neuen Serie stellen wir Menschen vor, die aus dem Ausland in die Region gezogen sind – ihre Schicksale und Leidenswege. Heute: Catello D’Auria aus Vöhringen.

Mit einem Umzug über Staatsgrenzen hinweg beginnt oft ein völlig neues Leben: Die Gründe die Heimat zu verlassen sind vielfältig, der Schritt ist meist gut überlegt. Doch es fällt schwer, das Gewohnte hinter sich zu lassen und in eine ungewisse Zukunft zu gehen. In unserer neuen Serie „Angekommen“ stellen wir Menschen vor, die es trotzdem gewagt haben – und die in der Region eine neue Heimat gefunden haben. Hier geht es um ihre Geschichten, ihre Schicksale und Leidenswege.

Diese Begrüßung ist wirklich außergewöhnlich: Denn wann wird man schon mit einem Dichterwort von Goethe ins Haus gebeten. Catello D’Auria steht im Türrahmen und zitiert, „was sucht ihr, mächtig und gelind, ihr Himmelstöne, mich im Staube? Klingt dort umher, wo weiche Menschen sind, die Botschaft hör‘ ich wohl, allein mir fehlt der Glaube.“ Catello, wie man ihnen nennen darf, strahlt, die Augen blitzen, diese Überraschung ist gelungen. „Das ist aus dem Faust, den habe ich ganz gelesen.“ Catello schwärmt vom Land der Dichter und Denker, er liebt Opern, Konzerte, die Regale sind mit Büchern in deutscher Sprache prall gefüllt. In Vöhringen fühlt er sich zu Hause.

Catello kommt aus Triest, darauf legt er Wert. Dass die Stadt an der Adria einmal ein „Terretorio libero di Trieste“ und damit autonom war, erfüllt sein Herz immer noch mit Stolz. Seit 1954 untersteht die Stadt italienischer Verwaltung. „Das ging nicht ohne Proteste vor sich. Aber in Rom hatte man dafür kein Verständnis. Uns ging es bis dahin gut, aber seit der Angliederung an Italien ging es der Wirtschaft nicht mehr so gut.“ Plötzlich war der gelernte Schreiner arbeitslos. Für ihn kam nur eines in Frage, nach Deutschland zu gehen, schon immer ein Traumziel für ihn.

Triest zu verlassen war für ihn nicht sehr schmerzlich. Ihm machte das Klima zu schaffen, vor allem die Bora, was wörtlich übersetzt heißt, kalter Windstoß. Jene sind zwischen Triest und der kroatischen Adria-Küste immer wieder zu spüren. Reichlich ungemütlich, sagt Catello.

1960 kam er nach Vöhringen. Es war ein glücklicher Zufall, das Arbeitsamt hatte ihn in die Gemeinde an der Iller vermittelt. Catello arbeitete in einer Schreinerei. Eine Wohnung fand er bei Familie Doll, „ich wurde so herzlich aufgenommen. Vielleicht lag es daran, dass Dolls Heimatvertriebene waren.“ Catello freute es, in deutscher Umgebung zu sein. Sein erstes Ziel war das Erlernen der deutschen Sprache, die er heute fließend mit charmant italienischem Akzent spricht.

„Ich hatte ein Kofferradio, trug es immer bei mir und lernte Vokabeln.“ So eignete er sich die deutsche Sprache schnell an. Heimweh kannte er nicht. „Wieso auch? Mein Vater starb im Konzentrationslager Buchenwald, meine Mutter bald danach aus Kummer. Ich war also allein und wuchs ohne den Schutz und die Geborgenheit einer Familie auf.“ Er blieb auch allein. „Es gab zwar ein paar Bekanntschaften, aber geheiratet habe ich nicht.“

Seine Deutschkenntnisse verbesserten sich schnell. Gerne erinnert er sich daran, dass er Dolmetscher in einer Fahrschule war. „Zehn Italiener wollten den deutschen Führerschein erwerben und da war ich als Übersetzer tätig.“

Seine Liebe zur deutschen Literatur entdeckte er zunächst in der italienischen Fassung von Goethes Faust. Dann machte er sich daran, das Meisterwerk in Deutsch zu lesen. Einfach war das nicht, aber wer Catello kennt, weiß, dass er hartnäckig und sich selbst gegenüber unnachgiebig ist.

Als Familie Doll daran ging, ein Haus zu bauen, beteiligte er sich daran. Als Schreiner war er geschickt und von der Elektrik versteht er auch etwas. Jetzt gehört ihm eine Wohnung. Catello D’Auria fühlt sich in Vöhringen zu Hause, „ich bin ein Vöhringer“. Heimweh hat er nicht. In der evangelischen Martin-Luther-Gemeinde ist er bekannt als: „der Catello“. Immer hilfsbereit, stets freundlich und zeigt immer wieder eine erfrischende Selbstironie. Wenn man Catello reden hört, glaubt man, einen Philosophen vor sich zu haben. Er macht sich Gedanken über Gott und die Welt und lehnt jeden religiösen Fanatismus ab.

Dass man es mit einem Denker zu tun hat, verrät schon die Literatur auf seinem Wohnzimmertisch. „Urknall, Weltall und das Leben“, geschrieben vom Astrophysiker Harald Lesch ist seine derzeitige Lektüre. Für die italienische Oper – speziell die von Verdi – hat er ein besonderes Faible. Er kennt alle großen Sänger und Sängerinnen, die Callas, Tebaldi, Guiseppe di Stefano und über allem steht Luciano Pavarotti, „der Tenor mit der unvergleichlichen Stimme“. Er mag auch das Ulmer Theater. Aber mit den modernen Inszenierungen hat er es nicht so. „Troubadour mit Leuten, die Maschinenpistolen halten, nein, das ist nichts für mich.“

Dann bemüht er noch einmal Goethe und umreißt damit seine Anhänglichkeit zu Vöhringen. „Ich höre schon des Dorfs Getümmel, hier ist des Volkes wahrer Himmel. Zufrieden jauchzet groß und klein, hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein.“

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