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Ulm/Kreis Neu-Ulm

17.08.2018

Wie stabil sind unsere Brücken?

Baustelle auf der Gänstorbrücke mit gesperrten Fahrspuren.
Bild: Andreas Brücken

Das Unglück von Genua hat auch Experten verunsichert – und könnte zu einem Umdenken in der Region in der Region führen.

Was, wenn es auch hier geschieht? Was, wenn eine Brücke ihre Last nicht mehr tragen kann? Die eingestürzte Autobahnbrücke in der italienischen Hafenstadt Genua hat Dutzende Menschen in den Tod gerissen. In der Doppelstadt gelten die Bauwerke als Sorgenkinder. Allein in Ulm stammt etwa die Hälfte der 234 Brücken und Unterführungen aus den 60er- und 70er-Jahren. Viele müssen bald generalsaniert werden, manche sogar neu gebaut. Könnten sie einstürzen?

„Ganz ausschließen kann man das nicht, weil wir nicht in die Brücken hineinsehen können“, sagt Gerhard Fraidel, der städtische Brückenexperte. Doch akute Sorgen macht er sich nicht. Die Stadt prüfe nach strengen Vorgaben: alle sechs Jahre eine Hauptuntersuchung, alle drei Jahre eine Zwischenuntersuchung, jährlich eine Sichtprüfung und zusätzliche Kontrollen durch den Bauhof, die teilweise sogar im Wochentakt stattfinden.

Autobahnen: Brücken auf der A8 und auf der A7 sind nicht gefährdet

Auf den Autobahnen sieht es nicht anders aus: Die Bauwerke werden nach den gleichen Regeln getestet. Leo Weiß, stellvertretender Leiter der zuständigen Dienststelle der Autobahndirektion Südbayern in Kempten, macht sich keine Sorgen: „Wir haben und hatten da keine einzige Brücke, die in Einsturzgefahr wäre“, sagt er. Die A8 ist erst vor Kurzem ausgebaut worden, auch auf der A7 gebe es keine ernsten Probleme. Im Einzelfall werde dort häufiger geprüft als vorgeschrieben. Nur einmal, vor dem sechsstreifigen Ausbau der A8, ließ die Autobahndirektion sicherheitshalber eine zusätzliche Stütze an einer Brücke zwischen Günzburg und Augsburg anbringen. Die Übergangslösung erwies sich als nicht notwendig. Doch Weiß sagt: „Aufs Absacken lassen wir es nicht ankommen. Normalerweise wird man viel früher tätig.“

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Tätig geworden sind auch die Städte Ulm und Neu-Ulm erst vor Kurzem wieder: Seit Ende Juni sind zwei der vier Spuren der maroden Gänstorbrücke über die Donau gesperrt. „So eine Sperrung sehen wir jetzt gelassener“, sagt Gerhard Fraidel, der die Abteilung Verkehrsinfrastruktur der Stadt Ulm leitet. Auch in anderen Fällen könnte die Verwaltung in Zukunft auf Nummer sicher gehen. Man werde sich kritische Stellen nun im Zweifel einmal mehr ansehen, sagt Fraidel. Die Bilder der eingestürzten Autobahnbrücke in Genua haben ihn schockiert. „Man schluckt schon und denkt drüber nach: Hoffentlich schauen wir alles an, hoffentlich merken wir alles.“

Ulm: Sicherheitssysteme sollen Probleme frühzeitig erkennen

Eine entscheidende Frage ist aus Sicht des Ulmer Brückenexperten: Ist es im Voraus erkennbar, dass ein Bauwerk versagt? Bei den größten Ulmer Verkehrswegen droht ein plötzlicher Absturz wohl nicht. Die Gänstorbrücke, die Adenauerbrücke, die Wallstraßenbrücke, die Blautalbrücke und die Brücke über das Blaubeurer Tor sind allesamt so gebaut, dass sich die stählernen Tragseile dehnen. Die Bauwerke würden also wohl um einige Zentimeter absacken, aber nicht komplett durchbrechen.

Die größten Sorgenkinder sind bekannt: Die Beringerbrücke ist schon seit Längerem für Autos gesperrt. Auf anderen Bauwerken hat die Stadt Ulm Kontrollmechanismen installiert. Sie funktionieren so: Fährt ein Lastwagen über die Brücke, entstehen kleine Risse. Diese sollten anschließend wieder zurückgehen. Tun sie das nicht, schlägt das System Alarm. Eine solche Anlage ist auf der Adenauerbrücke installiert. Auf der Gänstorbrücke zeichnet das Sicherheitssystem auch Töne auf: „Wenn der Stahl reißen würde, hätte das einen speziellen Klang“, erklärt Fraidel. Die Anlage erkennt das und gibt die Warnung weiter. An der Ludwig-Erhard-Brücke misst die Kontrollanlage die Feuchtigkeit, weil dort die sogenannte Abdichtung beschädigt ist.

Verkehr hat massiv zugenommen

Dass die Bauwerke überstrapaziert sind, ist für Fraidel keine Überraschung. In den Unterlagen des Abteilungsleiters befindet sich ein Foto. Es zeigt einen einzelnen zweiachsigen Lastwagen mit Anhänger, dazu die Beschriftung: „Ringbrücke mit Schwerlastverkehr“. Ringbrücke wurde die Adenauerbrücke früher genannt, die Aufnahme stammt aus der Zeit kurz nach ihrem Bau. Der Schwerlastverkehr von heute wiegt das Dreifache. Und dass nur ein Lastwagen zur gleichen Zeit dort fährt, ist mindestens ungewöhnlich.

Eine Ferndiagnose der Probleme an der Brücke in Genua wollen weder Fraidel noch Weiß abgeben. Doch der Vize-Chef der Kemptener Autobahndirektion sagt: „Ich bin froh, dass wir keine solche Brücke haben.“ Denn durch die raffinierte Konstruktion des eingestürzten Bauwerks seien viele Teile für die Statik relevant gewesen. Bei den massiveren Brücken in der Region müssen die Prüfer deutlich weniger Punkte unter die Lupe nehmen. „Wir haben nie die Angst gehabt, dass uns eine Brücke einstürzt“, betont Weiß.

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