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19.12.2019

Wohnung gesucht: Flüchtlinge und Asylhelfer stoßen auf Hürden

Eine eigene erschwingliche Wohnung zu finden, ist für Flüchtlinge nicht einfach. Auch Flüchtlingshelfer wissen das nur allzu gut. „Wer keine Kontakte hat, hat fast keine Chance“, sagt Integrationsberater Daniel Sperl.
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Eine eigene erschwingliche Wohnung zu finden, ist für Flüchtlinge nicht einfach. Auch Flüchtlingshelfer wissen das nur allzu gut. „Wer keine Kontakte hat, hat fast keine Chance“, sagt Integrationsberater Daniel Sperl.
Bild: Daniel Karmann, dpa (Symbolbild)

Plus Wohnungen zu finden, ist für Geflüchtete oftmals schwierig. Auch Asylhelfer gelangen bei der Suche nach erschwinglichen Angeboten an ihre Grenzen. Ein Text über denkwürdige Erfahrungen und tragische Geschichten.

Janaale Ibrahim sitzt in einem Büro im Illertisser Mehrgenerationenhaus, hat seinen kleinen Sohn Ilyaas auf dem Schoß. Das Kleinkind lässt sich mit einer Breze füttern, später gibt ihm sein Papa ein Fläschchen. Auf den ersten Blick ein idyllisches Familienbild. Auf den zweiten Blick allerdings offenbart sich ein tragisches Schicksal.

Der 27-jährige Vater ist Witwer. Seine Frau starb an Tuberkulose. Als sie erkrankte, war sie bereits schwanger. Ärzte holten das Kind, Ilyaas, per Kaiserschnitt – zwei Wochen vor dem Tod der Mutter. Sie befand sich gerade mal im sechsten Monat ihrer Schwangerschaft. Als Frühchen ist Ilyaas stark entwicklungsverzögert. Im März wird er zwei Jahre alt und hat gerade gelernt, sich eigenständig vom Bauch auf den Rücken zu drehen. Gesunde Kinder können das mit etwa einem halben Jahr.

Ibrahim hat einen Termin bei Integrationsberater Daniel Sperl. Es geht wieder einmal um seine schier endlos lange Suche nach einer Wohnung. Derzeit lebt der Vater, der vor vier Jahren aus Somalia nach Deutschland kam, in einer Asylunterkunft in Altenstadt. Dort bewohnt er ein Zimmer mit Ilyaas und seinem zweiten Sohn, dem bald dreijährigen Ibrahim. Bad und Küche teilen sie sich mit den übrigen Bewohnern der Unterkunft.

Wohnung gesucht: Flüchtlinge und Asylhelfer stoßen auf Hürden

Der Somalier ist ein sogenannter Fehlbeleger, also ein Flüchtling, der den Status „anerkannt“ und deshalb keinen Anspruch mehr auf einen Platz in einer Asylunterkunft hat. Sie alle tun sich schwer damit, eine eigene Wohnung zu finden. Dabei hatte Janaale Ibrahim diese Odyssee eigentlich schon hinter sich. Vor dem Tod der Frau lebte die Familie in einer Wohnung in Pfuhl, die mit zwei Zimmern ausreichend Platz geboten hatte. Als dann Ilyaas da war, musste die Familie ausziehen. Denn der Bub braucht eine besondere Betreuung durch einen Pflegedienst – und in Pfuhl gab es keinen, der das leisten konnte.

Integrationsberater: "Wer keine Kontakte hat, hat fast keine Chance.“

Integrationsberater Daniel Sperl sagt zum Thema Wohnungssuche: „Es ist gerade für alle schwer. Aber wer keine Kontakte hat, hat fast keine Chance.“ Dabei hat er Verständnis für die Wohnungseigentümer, die sich Mieter mit festem Einkommen wünschen. Deren Bedenken hält er entgegen, dass auch das Jobcenter die Miete zuverlässig überweise. Er hofft, für Ibrahim möglichst bald eine Zwei-Zimmer-Wohnung zu finden. Denn das Schicksal des Somaliers bewegt auch Sperl, der rund 200 Geflüchtete betreut, besonders. Im besten Fall sollte sich die Wohnung in Neu-Ulm befinden oder so gelegen sein, dass der Zug gut zu erreichen ist. Ilyaas soll bald einen Kindergarten besuchen. Für ihn kommt aber nur eine Einrichtung in Ulm infrage, die die notwendige Betreuung bieten kann. Die Zeit dränge außerdem, weil der Vater nach afrikanischen Fürsorgegepflogenheiten inzwischen eine zweite Frau in Afrika geheiratet habe, so Sperl. Das Verfahren zum Familiennachzug laufe derzeit.

Fehlbeleger wie Ibrahim, die dringend eine Wohnung suchen, gibt es viele: Das Landratsamt registriert zum Stichtag, 5. Dezember dieses Jahres, 154 Personen im Landkreis Neu-Ulm. Hilfe bekommen sie etwa von Wohnungslotsen – Ehrenamtlichen, die bei der Integrationsstelle der Behörde eine Weiterbildung gemacht haben. Doch die sind, so teilt es das Landratsamt mit, ebenfalls an den Belastungsgrenzen angelangt. Sie können nicht allen Anfragen nachkommen. Mit der Diakonie wurde folgendes Projekt durchgeführt: Im Rahmen einer Mieterqualifizierung wurden Asylhelfer geschult, sodass sie den Geflüchteten alles Wichtige zu Themen wie Mülltrennung, Brandschutz, Ruhezeiten, Heizen und Lüften beibringen können. Zudem erstellen die Helfer Bewerbungsmappen mit Wohnungssuchenden.

Bild: Franziska Wolfinger

Wie schwierig sich die Suche nach Wohnungen für Geflüchtete gestalten kann, weiß auch die Asylkontaktgruppe „Menschen begegnen Menschen“ Babenhausen-Kirchhaslach nur allzu gut. Und auch, welche tragischen Geschichten bisweilen damit verwoben sind. Vorsitzender Adi Hoesle erzählt von einer syrischen Familie: Vater, Mutter, drei Kinder, das jüngste wurde in Deutschland geboren. Deren Wohnung sei zu klein geworden. Das ist laut Hoesle insbesondere deshalb ein Problem, weil die Mutter eine Knochenmarktransplantation benötigt hatte und nun Ruhe bräuchte – was wohl kaum möglich ist, wenn sich fünf Personen zwei Zimmer plus Bad und Küche teilen. „Seit einem Jahr suchen wir nach einer neuen Wohnung – keine Chance“, sagt Hoesle. Frustration klingt mit. Die Familie werde wohl demnächst in ein neues Bundesland ziehen, wo ein Verwandter wohnt und die Mieten günstiger sind.

Immer wieder bekommen Asylhelfer zu spüren, welcher Druck auf dem freien Wohnungsmarkt lastet. Auch der Fachkräftemangel spiele dabei eine Rolle: Arbeiter, die für eine gewisse Zeit in Unternehmen angestellt sind, suchen immerhin auch Orte zum Wohnen. Sogenannte Monteurszimmer entstehen in Häusern, deren Vermietung auf Zeit lukrativ für die Eigentümer sei.

Generell ist die Nachfrage nach Wohnungen hoch – was sich auf die Mieten auswirkt. Man sei in einer vergleichsweise kleinen Kommune wie Babenhausen plötzlich mit Summen konfrontiert, die man früher nicht für möglich gehalten hätte, sagt Hoesle: „Es ist völlig absurd, was sich da tut.“ Er will betonen, dass diese Situation nicht nur Geflüchtete, sondern auch Einheimische betreffe. Die Flüchtlinge gehörten allerdings mit zu den letzten, die zum Zug kämen.

Sind Auswege in Sicht? „Von unserer Seite gibt es keine Lösung“, bedauert Hoesle. „Wir fühlen uns da allein gelassen.“ Aus seiner Sicht müssten Kommunen und die Politik den sozialen Wohnungsbau ordentlich ankurbeln. So wandte sich der Vorsitzende jüngst an den Markt Babenhausen, um auf das Problem hinzuweisen und nach kommunalen Wohnungen zu fragen.

Kontakt:Wer bei der Wohnungssuche für Janaale Ibrahim und seine Kinder behilflich sein kann, kann sich mit Integrationsberater Daniel Sperl in Verbindung setzen. Seine Telefonnummer: 0176/45565112; seine E-Mail-Adresse: d.sperl@diakonie-neu-ulm.de

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