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Neu-Ulm

13.07.2016

Zwischen Modenschau und Magerwahn

Vor der Kamera gab sich Model Kera Rachel Cook stets selbstbewusst. Doch hinter der Fassade sah es oftmals anders aus, sagt sie heute.
Bild: Ralph Geiling

Einst war Kera Rachel Cook Kandidatin bei Heidi Klums TV-Show „Germany’s Next Topmodel“. Nun besuchte sie ein Neu-Ulmer Gymnasium und offenbarte viel Privates.

An manchen Tagen hat Kera Rachel Cook so viel gegessen, dass ihr schlecht wurde. Eine Pizza, drei Donuts, Chips, dazu Salami und Schokolade. Sie hasste sich dafür. Auf dem Laufsteg, wenn die Scheinwerfer leuchteten, setzte sie trotzdem ihr Lächeln auf. Sie posierte oft im Bikini, auch bei der Casting-Sendung Germany’s Next Topmodel. Irgendwann hat die heute 28-Jährige beschlossen, die Achterbahnfahrt zu beenden und sich selbst zu lieben.

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Gespannt hören die Schüler des Bertha-von-Suttner-Gymnasiums in Pfuhl der jungen Frau zu, die auf der Aulabühne von ihrer Vergangenheit zwischen Modeschau und Magersucht erzählt. Cook wirkt selbstbewusst, spricht mit lauter Stimme und gestikuliert viel. „Was meint ihr: Was können denn Ursachen für Essstörungen sein?“, fragt sie. Zögerlich heben ein paar Schüler die Hand: „Schicksalsschläge vielleicht“ – „Stress in der Schule“ – „Mobbing“ – „Probleme in der Familie“. Cook nickt und erklärt, wie man mit Anzeichen für Bulimie, Mager- oder Esssucht umgehen sollte. Man könnte Sorgen um einen Freund etwa einer Lehrerin anvertrauen, rät sie.

Zum Beispiel Lore Kindermann, die in dem Neu-Ulmer Gymnasium für Suchtprävention zuständig ist und Cook eingeladen hat. Auch sie sei als Jugendliche mit der Krankheit in Berührung gekommen, verrät die Kunstlehrerin ihren Schülern der siebten und achten Klassen zu Beginn des Vortrags. „Damals war man noch nicht auf das Thema Magersucht sensibilisiert. Das soll bei euch anders sein“, sagt sie. Denn sie weiß, dass es in jedem Jahrgang Schüler gibt, vor allem Mädchen in der Pubertät, die sich zu viele Gedanken um ihre Figur machen.

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Seit etwa einem Jahr verfolgt Cook das Ziel, Jugendliche über die Gründe und Folgen von Magerwahn aufzuklären. Die Studentin hielt rund 120 Vorträge vor Schülern, aber auch Eltern. Ihr Appell lautet: „Gesundheit ist wichtiger als Schönheit.“ Dabei offenbart sie vieles aus ihrer eigenen Vergangenheit, denn auch sie kämpfte gegen eine Essstörung. Auf einer Leinwand zeigt sie viele Fotos von sich – etwa mit frustrierter Miene nach einem Fressanfall oder leicht bekleidet als Unterwäschemodel.

Angefangen hätte alles in der Grundschulzeit, erzählt sie. Damals überragte sie die anderen Kinder um einen Kopf, fühlte sich als Außenseiterin. Für die Scheidung der Eltern gab sich das Mädchen selbst die Schuld. Dann setzte sie sich das Ziel, Schauspielerin zu werden. „Wenn mich die anderen mögen und feiern, muss ich es selbst nicht tun“, spukten die Gedanken damals in ihrem Kopf. Mit 15 Jahren ist sie über einen Workshop zum Modeln gekommen. „Die fanden mich gut, wollten Fotos machen. Aber ich sollte zuerst abnehmen.“ Daraufhin setzte sich ein Teufelskreis in Gang: Fitnessstudio, eine Liste verbotener Lebensmittel, Misswahlen, Fressattacken, Abführmittel, Besuche beim Psychologen. „Das Verhalten hatte mich im Griff, nicht umgekehrt“, urteilt Cook rückblickend.

Besonders schlimm sei es geworden, als sie nach dem Abi in einer Schauspielschule in Hamburg aufgenommen wurde. „Ich konnte nicht mehr. Deshalb habe ich mich für eine stationäre Therapie entschieden. Ich war dort ein paar Wochen lang.“ Danach sei es ihr besser gegangen. Der Wunsch, über den roten Teppich zu schreiten, blieb. Und so bewarb sie sich 2010 bei Heidi Klum, um Germany’s Next Topmodel zu werden. Ihr Ziel: Mindestens bis zum Umstyling kommen und möglichst viele Shootings mitmachen. „Ich bin 19. geworden und ohne Begründung rausgeflogen.“ Heute kann sie ganz nüchtern darüber reden. Damals hätte es sich für sie wie ein Schlag ins Gesicht angefühlt, der das Selbstwertgefühl gefährlich ins Wanken brachte. Da sie ihren Traum nicht aufgeben wollte, wechselte sie in einen anderen Zweig der Modelbranche: Mit Kleidergröße 42 und gerade wegen ihrer Kurven arbeitete sie international als Plus-Size-Model.

Dass sie heute in Klassenzimmern steht und Schüler dazu aufruft, sich nichts aus Schönheitsidealen zu machen, die Fernsehen und Zeitschriften vermitteln, hat sie einem Lebenswandel zu verdanken. Sie beendete im vergangenen Jahr ihre Modelkarriere, da sie nicht länger Teil der Modeindustrie und des Schönheitswahns sein wollte, wie sie sagt. Ihre Erfahrungen will Cook nutzen, um Vorbild zu sein. Und tatsächlich kommen einige Schülerinnen auf sie zu, die der Vortrag zum Nachdenken brachte: Sie vertrauen Cook Probleme im Umgang mit ihrer Ernährung und ihrem Körper an.

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