Zwei Frauen, die so verschieden sind wie Tag und Nacht: Edith Piaf, klein, zierlich, mit frechem Mundwerk, durch ihre atemberaubende Stimme auf der Straße entdeckt. Marlene Dietrich, blond, mit preußischen Tugenden groß geworden, die mit dem Film „Der blaue Engel“ von Josef von Sternberg Anfang der 30er-Jahre ihre Karriere begann. Die Geschichte dieser Freundschaft war für Daniel Große Boymann und Thomas Kahry Anlass, ein Theaterstück zu schreiben, die Idee dazu lieferte David Winterberg. Im Vöhringer Kulturzentrum war „Spatz und Engel“ die letzte Veranstaltung der Spielzeit.
Die Autoren versuchten, sich an der Vita der Frauen zu orientieren. Aber da gibt es wohl mehr Vermutungen als belegbare Fakten. Ein Grund, dass der erste Teil ein wenig dünn ausfiel. Ganz im Gegenteil dazu der zweite Teil nach der Pause – da entwickelte sich ein emotionales Crescendo.
„Spatz und Engel“: Das Vöhringer Publikum will Balladen hören
Das Leben der Ikonen aus der Hochblüte des Chansons erlaubt auch einen Blick in die Privatsphäre der Künstlerinnen. Im Stück gibt es eine erotische Beziehung beider Frauen. Marlene, die über das ungezügelte Leben ihrer Freundin Edith fast mütterlich wacht, während Edith alles, was reglementiert ist, hasst. Waren sie lesbisch oder nicht? Im Grund spielt es keine gravierende Rolle.
Das Publikum will Balladen hören: „Sag‘ mir, wo die Blumen sind“, ein Lied, das Dietrich nach amerikanischer Vorlage geschrieben hat, und „La vie en rose“, der Erfolgstitel von Edith Piaf. Über flotte Sprüche wird gelacht, aber der Wunsch, die bekannten Chansons zu hören, ist beim Publikum zum Greifen nah.
Ein solches Theaterstück kann nur erfolgversprechend sein, wenn man die richtigen Sängerinnen engagiert. Heleen Joor verkörpert Edith Piaf, sie steht im traditionell kleinen Schwarzen, zierlich, fast zerbrechlich auf der Bühne und füllt mit voluminöser Stimme den Raum. Ihre Gestik, die leicht gebeugte Haltung, ihre bewegungslos angewinkelten Arme, das weiße Gesicht mit ihrem in fortschreitendem Alter schütter gewordenen Haar: das alles ist „die“ Piaf.
Daneben Susanne Rader als Marlene Dietrich. Ihre Eleganz, die aristokratische Haltung, ihr Gang und die kühle Schönheit in geschmackvollen Roben überzeugen. Große Stimme hatte die Dietrich nie, sie liebte die leisen Töne, mischte ein bisschen parlando (leicht redend) hinein und wird ihrer Rolle voll gerecht. Die Gegensätzlichkeit beider Frauen in Sprache und Auftreten macht den Reiz aus.
Die Inszenierung – eigentlich gut gemacht – vergibt dramaturgisch ein fulminantes Finale
Inhaltlich bindet das Stück Piafs menschliche Tragödien und körperliche Zusammenbrüche, verursacht durch Abhängigkeit von Alkohol und Drogen, ein. Der Spatz von Paris wurde nur 47 Jahre alt, während Marlene Dietrich mit 91 Jahren starb.
Das Script beinhaltet einen fiktiven Abgesang: Die gebrechliche Marlene liegt im Bett und die bereits verstorbene Edith turnt auf dem wenigen Mobiliar herum.
Die Inszenierung – eigentlich gut gemacht – vergibt dramaturgisch ein fulminantes Finale. Das ist der Moment, als die todkranke Edith Piaf aus dem Bett vor den geschlossenen Vorhang tritt und mit einer unwahrscheinlichen Empathie das Lied ihrer Lieder singt und damit ihr Leben beschreibt, „Non, rien de rien, je ne regrette rien“ – „Nein, ich bereue nichts.“
Heleen Joor schafft mit Empathie und großer Stimme, die Arme ausgebreitet, den Kopf zurückgelegt, das Bekenntnis des Lebens der Piaf emotional ins Publikum zu tragen. Die Intensität dieses Augenblicks verfehlt ihre Wirkung nicht. Es folgt ein Beifallssturm, vermischt mit vereinzelten Bravorufen. Aber auch das fiktive Ende wird gewürdigt, Standing Ovations beweisen, wie tief diese Geschichte beider so unterschiedlichen Frauen die Zuhörer berührt hat. Es ist ein Finale des Abos, das ein Ausrufezeichen verdient.
Um kommentieren zu können, müssen Sie angemeldet sein.
AnmeldenSie haben noch kein Konto? Kostenfrei registrieren