Flackernde Laternen, knisternde Feuerstellen und Schaffelle auf Holzstühlen: Für Lukas Huttner beginnt nun wieder die Saison der historischen Feste und Ritterspiele. Es ist für ihn wie eine Zeitreise ins Jahr 1225. Schon als kleiner Junge wusste der Vöhringer, wie sehr ihn das damalige Leben begeistert. „Als Bub habe ich die Kulissen des Mittelalters geliebt und dabei gefühlt: Das ist meine Welt, ich bin ein Ritter“, erinnert er sich. Heute ist der 30-Jährige Vorsitzender des Vereins Armati Equites – die „gewappneten Reiter“.
Unter der Woche arbeitet Huttner ganz zeitgemäß als Fachkraft im Baugewerbe. Am Wochenende tauscht er Arbeitskleidung gegen die Gewandung der historischen Figur des Guy II. de Dampierre ein. Am ersten Mai-Wochenende organisiert er mit seinem Verein die historischen Festtage am Schloss von Neuburg an der Kammel im Landkreis Günzburg. Zu diesem Spektakel werden rund 8000 Gäste erwartet.
Viele Mitglieder des Vereins nähen ihre Gewandung selbst
Dafür hat der Verein 27 Lagergruppen eingeladen, die das schöne Gelände rund um das Schloss in ein Dorf aus einer anderen Zeit verwandeln. So sind etwa Schmiede, Fellhändler, Glasbläser und Schnapsbrenner dabei. Für Lukas Huttner ist das der Moment, in dem er in seinem Element ist. Er atmet tief ein und spürt sofort die einzigartige Atmosphäre, die ihm viel bedeutet: Der Geruch von offenem Feuer, Kräutern, Speisen oder gegerbtem Leder. Auf mittelalterlichen Veranstaltungen herrscht eine besondere Stimmung. Wer über den belebten Markt schlendert, hört die Händler, die lautstark ihre Ware anpreisen. Ein Medicus bietet zahlreiche Naturheilmittel feil. Auf der Bühne begleitet mittelalterliche Musik die historischen Tänze. Bei den Festtagen in Neuburg sind auch ungefähr 800 Künstlerinnen und Künstler dabei: Gaukler, Falkner, Musiker und Tänzer.
Für dieses Hobby investiert Huttner sehr viel Zeit. Seine Freundin Nadja Pollack, die im Spiel auch die Gattin des Ritters darstellt, schwärmt von der Rolle und dem Gefühl, das die Vereinsarbeit mit sich bringt. „Unser Hobby ermöglicht uns, vom Alltag abzuschalten“, sagt sie. „Ich schätze dadurch auch wieder die kleinen Dinge im Leben mehr.“ Bei ihren Lagern schlafen sie in einfachen Zelten, kochen am Feuer und besinnen sich auf die historische Zeit.
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Authentizität ist den beiden wichtig. Dazu gehört natürlich auch die sorgfältig ausgewählte Gewandung. So, wie viele andere Vereinsmitglieder, näht auch Huttner die Kleidung selbst. Über einer langen Tunika im kräftigen Blau trägt er einen leuchtend roten Surcot, was man auch als Überwurf bezeichnen kann. Dieser ist mit einem Leoparden verziert. An den Füßen trägt er wendegenähte Lederstiefel, die nach historischem Vorbild gefertigt wurden. Er bedeckt seinen Kopf mit einer beigen Bundhaube aus Leinen und darüber einer flachen Kappe. Ein beschlagener Gürtel hält ein Pater Noster, das mittelalterliche Gebetsband. Um den Hals hängen ein Bronzekreuz und das Vereinsemblem – letzteres ist das einzige Stück ohne historischen Bezug.
Feuershow und Showkampf mit Schwert stehen bei Armati Equites im Fokus
Huttner hatte die historische Figur, die er heute verkörpert, zufällig entdeckt und war sofort von deren Persönlichkeit beeindruckt. Der echte Guy II. de Dampierre war ein Machtmensch am französischen Hof - und laut der Geschichtsbücher ein brillanter Stratege. „Er ist mit wenig Ressourcen sehr weit gekommen“, sagt Huttner. Ihn fasziniert das militärische Geschick und der Einfluss des Adligen. In der Rolle dieser Figur will er nicht nur einfach das Kostüm tragen, sondern auch dessen Einstellung leben und verkörpern.
All das erwacht bei den Showkämpfen vor dem Publikum. Bei den Armati Equites stehen Feuershow und Showkampf mit Schwert im Fokus. „Im Gefecht entfaltet sich der Charakter der Figuren“, schildert Huttner. „Da hauchen wir ihnen Farbe ein.“ Von den 60 Mitgliedern werden viele verschiedene Menschen dargestellt: Edeldamen, Knappen, Mägde, Medici oder Pagen. Einzige Regel: Die Epoche muss stimmen. Alles spielt sich zwischen 1150 und 1250 ab.
Dafür wird hart gearbeitet. Wöchentlich trainiert die Gruppe Schwertkampf, Tänze und Feuershows. Beim Fest in Neuburg tragen sie die Verantwortung, aber sie sind sonst auch fast den ganzen Sommer lang und auch im Rest des Jahres sehr oft als Darsteller bei anderen Veranstaltungen dabei.
„Dieses Hobby sucht einen aus“, sagt Huttner schmunzelnd. Dabei beschreibt er auch, dass das Lagerleben dazu beiträgt zu entschleunigen. Zu seinem Verein kämen vor allem jene Menschen, die diesen behäbigen Rhythmus bereits in sich tragen. „Stress aus dem Alltag hat bei uns keinen Platz. Hier gehen die Uhren anders.“
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