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Handball-Interview

25.01.2019

Werden diese Jungs Weltmeister?

Deutschland im Handball-Fieber: Uwe Gensheimer, Matthias Musche und Fabian Wiede (von links) feiern einen der WM-Siege der Nationalmannschaft.
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Deutschland im Handball-Fieber: Uwe Gensheimer, Matthias Musche und Fabian Wiede (von links) feiern einen der WM-Siege der Nationalmannschaft.
Bild: Soren Stache/dpa

Deutschland hat Gunther Kotschmar überrascht, aber der Vöhringer Trainer hat einen anderen Favoriten. Wie er die Chancen für einen Boom sieht und warum ein Neymar für ihn in diesem Sport unvorstellbar ist

Eine ganz einfache Einstiegsfrage: Wer wird Weltmeister und warum, Herr Kotschmar?

Das ist viel eher eine schwierige und beinahe unfaire Frage. Ich traue es nämlich drei der vier Mannschaften zu, die im Halbfinale stehen: Deutschland, Frankreich und Dänemark. Für mich sind lediglich die Norweger Außenseiter. Aber ich soll mich ja festlegen und deswegen sage ich: Deutschland gewinnt im Halbfinale gegen Norwegen, Dänemark gewinnt gegen Frankreich und im Endspiel sind die Dänen meiner Ansicht nach leicht favorisiert. Also: Dänemark wird Weltmeister.

Warum ist Dänemark besser als Deutschland?

Deutschland hat nicht diesen herausragenden Einzelspieler etwa im Rückraum, der mit Toren aus dem Nichts Spiele entscheidet. Andere Nationen haben diese Spieler: Frankreich mit Nikola Karabatic, Island mit Aron Palmarsson und vor allem Dänemark mit Mikkel Hansen. Die Dänen haben außerdem im Endspiel in Herning Heimrecht und wenn sie Weltmeister werden, dann würde mein Tipp stimmen, den ich schon vor dem Turnier abgegeben habe. Deutschland hatte ich gar nicht so viel zugetraut. Aber ich muss zugeben, dass die Mannschaft das bisher überragend macht: Ein gutes Kollektiv und eine Abwehr, die so stark ist, dass man selbst gar nicht so viele Tore werfen muss, um Spiele zu gewinnen.

Machen diese Abwehrschlachten das deutsche Spiel nicht auch ein Stück weit unattraktiv?

Das sehe ich nicht so. Abwehr kann Spaß machen. Die Defense-Rufe in den Arenen in Berlin und Köln kommen ja nicht von ungefähr. Ein Abwehrspezialist wie Patrick Wiencek ist einer der neuen Lieblinge der Massen. Die deutschen Spieler nehmen mit ihrer spürbaren Begeisterung und ihrer Gestik das Publikum sowieso mit. Das machen sie ebenfalls sehr gut und sicher auch bewusst.

Was halten Sie von ihrem Kollegen Christian Prokop und was können Sie von ihm lernen? Der Bundestrainer hat vor einem Jahr bei der Europameisterschaft in Kroatien das Halbfinale klar verpasst und galt als gescheitert.

Prokop kommt sehr sympathisch und fachkundig rüber. Es funktioniert offensichtlich gut und das spricht für die hohe soziale Kompetenz aller Beteiligten. Zwei Dinge gefallen mir bei ihm besonders gut: Er gibt der Mannschaft in den Auszeiten ein paar Möglichkeiten vor und die kann sich dann eine rauspicken. Und er schaut in einem Spiel nie nach hinten, sondern immer nach vorn und auf mögliche Lösungen. Es wäre vermessen zu sagen, dass wir an der Basis vom besten Trainer in Deutschland nichts mehr lernen könnten.

Rechnen Sie damit, dass die Weltmeisterschaft einen Handball-Boom in Deutschland auslöst?

Die mediale Aufbereitung im öffentlich-rechtlichen Fernsehen könnte besser sein: Spielende, zwei Sätze und dann fängt der Spielfilm an. Aber wir Handballer wollen ja nicht undankbar sein. Optimistisch stimmt auf der anderen Seite die Tatsache, dass auch Spiele von sogenannten kleinen Mannschaften wie Chile mit den deutschstämmigen Feuchtmann-Brüdern oder Österreich gut besucht sind. Für die Österreicher freut mich das besonders, denn deren Torhüter Nikola Marinovic ist ein guter Bekannter von mir. Eine Stunde nach seiner Nachnominierung bin ich mit ihm noch bei einer Geburtstagsfeier in Ottobeuren zusammengesessen.

Das Beispiel Eishockey macht wenig Mut. Nach Olympia-Silber vor einem Jahr gab es jedenfalls keinen Boom.

Man kann die Sportarten nicht wirklich vergleichen. Was brauche ich denn, um Handball zu spielen? Eine Halle, zwei Tore, einen Ball und Turnschuhe. Eishockey ist viel aufwendiger. Letztlich wird es darauf ankommen, dass die deutschen Handballvereine etwas aus dieser Weltmeisterschaft und der Begeisterung machen.

Wären ein paar Änderungen im Regelwerk hilfreich? Etwa wie im Basketball eine Shotclock statt der Schiedsrichter, die auf den ersten Blick nach Gutdünken auf Zeitspiel entscheiden? Oder eine strengere Ahndung der vielen kleinen Fouls, für die es bisher nur Freiwürfe gibt, die der Mannschaft des gefoulten Spielers in der Regel nichts bringen?

Gerade beim Zeitspiel entsteht beim Laien vermutlich manchmal der Eindruck der Willkür. Aber ich bin selbst Schiedsrichter und nach meiner Einschätzung machen das die Schiris bei der WM bisher sehr gut und konsequent. Und was wäre denn das Ergebnis der Einführung einer Shotclock wie im Basketball? Wenn eine Mannschaft mit drei Toren führt, dann spielt sie vor einem Wurf die Zeit runter und alle Zuschauer langweilen sich fürchterlich. Die von Ihnen angesprochenen Fouls sind Teil des Spiels, Teil der Abwehrarbeit und manchmal ist es Teil des Angriffskonzepts, sich foulen zu lassen. Man muss sich von dem Gedanken lösen, dass das unfaire oder unsportliche Aktionen sind. Die sind bei uns im Handball sowieso ganz selten. Da prallen Kolosse aufeinander, hinterher reicht man sich die Hand und es gibt keine Schauspielerei. Ein Neymar wäre im Handball unvorstellbar. Interview: Pit Meier

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