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Freiwilliges Soziales Jahr

23.03.2018

Darauf bereitet dich die Schule nicht vor

Krankenwagen fahren, Puls messen, Patienten beistehen: Maria Lehner ist als FSJlerin fest in die Arbeitsabläufe beim Rettungsdienst eingebunden.
Bild: Maria Lehner

K!ar.Texterin Maria erklärt, welche Herausforderungen beim FSJ im Rettungsdienst lauern und wie man die Schicksale der Patienten nicht an sich ranlässt.

Leuchtend rote Uniform, Autos mit blauem Blinklicht, den Piepser am Gürtel hängen – das ist das Bild, das wohl jeder vom Rettungsdienst im Kopf hat. Wie genau der Alltag im Rettungsdienst und Krankentransport wirklich aussieht, davon haben aber die wenigsten eine konkrete Vorstellung. Die vielen Facetten dieser Arbeit – oft auch fernab von Drama und filmreifer Action – sind Vielen unbekannt, ebenso wie die Möglichkeiten, im Rettungsdienst mitzuarbeiten. Eine dieser Möglichkeiten ist ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) wie ich es gerade ableiste.

Für Maria stand früh fest: Ich will mein FSJ beim Rettungsdienst machen.
Bild: Matthias Becker (Archiv)

Auf die Idee, ein FSJ im Rettungsdienst zu machen, kommt man natürlich nicht von heute auf morgen. Da ich aber schon länger als Sanitäterin beim Roten Kreuz bin, stand die Entscheidung bei mir recht schnell fest: Der Krankentransport sollte es werden. Da der Krankentransport zum Rettungsdienst gehört, wurde ich in meinen ersten vier Wochen erst mal zum sogenannten Rettungsdiensthelfer ausgebildet. In dieser Zeit habe ich so Einiges über den menschlichen Körper und seine akuten Erkrankungen gelernt, eine Menge mögliche Notfälle geprobt und ganz viel praktisch geübt.

Nach bestandener Prüfung ging es dann gleich auf die Rettungswache und erst einmal noch als Praktikantin auf den Krankentransportwagen. Die ersten zwei Wochen hatte ich also noch Zeit, mich komplett einzugewöhnen und mit den ganzen Abläufen vertraut zu machen. Danach bin ich dann schon als "zweiter Mann" – oder in meinem Fall Frau – im Auto gesessen.

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Wie sieht ein typischer Arbeitstag auf der Rettungswache aus?

In der Früh geht es natürlich erst einmal zum Umziehen, rein in die leuchtend rote Schutzkleidung und raus zum Auto. Dort wird dann das Material gecheckt und auch das Fahrzeug selber, denn als Fahrerin bin ich ja dafür verantwortlich. Wenn dann der erste Einsatz als normaler Krankentransport – also kein Notfall – reinkommt, steigen wir ins Auto und fahren zum Patienten an die Wohnung oder zum Krankenhaus, um ihn abzuholen.

Dort angelangt kommen wir zunächst mit dem Patienten ins Gespräch, damit er sich bei uns sicher und möglichst wohl fühlt. Während der Fahrt betreut ihn dann mein Kollege und ich sorge dafür, dass wir sicher ans Ziel kommen und übernehme das Funken mit der Leitstelle.

Auch schockierende Momente gehören dazu

Bereits nach kurzer Zeit habe ich gemerkt, dass ich ganz anders an die Menschen rangehe und kaum mehr Berührungsängste habe. Genauso war es aber auch eine ordentliche Umstellung, täglich acht Stunden zu arbeiten, bis zu 350 Kilometer mit dem Krankenwagen zu fahren und immer wieder körperlich gefordert zu sein. Außerdem muss ich darauf achten, die Bedürfnisse meiner Patienten ernst zu nehmen, ihre persönlichen Schicksale aber nicht „mit nach Hause zu nehmen“.

Besonders eindrucksvoll und manchmal auch schockierend finde ich die unterschiedlichen Situationen, in denen wir mit unseren Patienten in Kontakt kommen. Die Lebens- und Leidensgeschichten zu hören und zu sehen, wie isoliert manche Menschen von ihren Mitmenschen leben oder aber, wie rührend sich Familienmitglieder umeinander kümmern. Auf diese Erfahrungen kann einen keine Schule vorbereiten!

Und wenn mir doch mal ein Einsatz nah geht, kann ich immer auf das offene Ohr meiner Kollegen auf der Rettungswache vertrauen. Bei uns herrscht eine tolle Kameradschaft, bei der man auch als FSJler als vollwertiges Mitglied aufgenommen wird. Trotz der Umgewöhnung und der Anstrengungen ist es doch ein sehr schönes Gefühl, die Dankbarkeit der oftmals älteren Menschen zu spüren. Sie sind froh, dass wir uns die Zeit für sie nehmen, ihnen zuhören und beispielsweise auch die Anmeldung im Krankenhaus für sie übernehmen.

Neben der eigentlichen Arbeit fahren wir FSJler mehrmals im Jahr zusammen auf Seminare. Dort werden wir von erfahrenen Sozialpädagogen betreut, die uns für verschiedene soziale Themen zum Beispiel Leben mit Behinderung, Organspende oder kulturelle Verschiedenheiten sensibilisieren. Mal kommen Referenten vorbei, mal versuchen wir uns in der Selbsterfahrung im Rollstuhl. Bei den Treffen tauschen wir auch untereinander unsere Erfahrungen aus, denn wir absolvieren unser FSJ in den unterschiedlichsten Bereichen. Die vielen Einblicke und Erfahrungen, die ich bis jetzt schon gesammelt habe, hätte ich sicher vermisst, wenn ich gleich zum Studieren gegangen wäre.

Auf freiwilliger Basis werde ich dann auch noch die Ausbildung zur Rettungssanitäterin abschließen. Ich habe bereits Praktika im Krankenhaus absolviert und fahre immer wieder als Praktikantin im Rettungswagen zu den Notfällen mit, um Erfahrung zu sammeln. Dabei lerne ich, auch in stressigen Situationen zu funktionieren, was mir auch in vielen anderen Momenten im Leben hilft. Noch dazu habe ich dadurch gleich ein erstes berufliches Standbein und kann zum Beispiel neben dem Studium weiterhin ehrenamtlich Rettungsdienst fahren. Fazit: Ein FSJ kann ich also jedem empfehlen, der nach der Schulzeit erst einmal unzählige wichtige Erfahrungen fürs Leben sammeln möchte.

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