i
Bild: Pressestelle Bistum Passau
Bild: Pressestelle Bistum Passau

Der 19-jährige Josef Wagner aus Kühbach besucht das Priesterseminar in Passau.

Kühbach
03.05.2018

Ein 19-Jähriger will Priester werden

Von Samuel Jacker

Josef Wagner besucht das Priesterseminar in Passau. In Youtube-Videos spricht der 19-Jährige über Nächstenliebe und die Freude am Glauben.

Ein junger Mann läuft ins Bild und setzt sich auf eine Bank in einer Kirche. Hinter ihm ist der Altarraum zu sehen. Er lächelt in die Kamera und beginnt, über die Freude am Glauben zu sprechen. So beginnt ein Youtube-Video von Josef Wagner aus Kühbach. Er veröffentlichte es zusammen mit der Pressestelle des Bistums Passau.

Der 19-Jährige ist in Passau Priesterseminarist. Das Priesterseminar ist ein sogenanntes Propädeutikum und das erste Jahr der Priesterausbildung. Die aktuell elf Seminaristen aus Bayern werden in Passau ins geistliche Leben eingeführt und auf das Theologiestudium vorbereitet. Drei von ihnen stammen aus der Diözese Augsburg, darunter Josef Wagner. Die meisten sind ihm zufolge Anfang 20. Einige wenige, sogenannte Spätberufene, 30 oder gar 40 Jahre alt.

Berufswunsch Priester: Die Eltern waren nicht begeistert, auf Instagram gab es Anfeindungen

Der 19-Jährige hatte bereits vor dem Priesterseminar das Ziel, in sozialen Medien aktiv zu werden. Mit Beginn des Priesterseminars in Passau im September 2017 eröffnete er einen Instagram-Kanal mit dem Titel „derboivomseminar“. Die Pressestelle des Bistums Passau wurde so auf ihn aufmerksam. Unter gleichem Namen betreiben sie und Wagner zusammen eine Serie auf dem Youtube-Kanal des Bistums.

Redakteure der Pressestelle stehen hinter der Kamera. Für die Inhalte ist Wagner selbst verantwortlich, wie er mitteilt: „Ich lasse mich vom Moment inspirieren und von dem, was mich gerade bewegt. Dabei kann ich nur meine eigene Meinung sagen, weil ich noch keine theologische Kompetenz habe.“ Mit den zwei- bis dreiminütigen Clips wolle er jungen Menschen Einblicke in die Kirche vermitteln: „Ich will das Mysterium um das Priesterseminar lüften, weil viele Leute davon falsche Vorstellungen haben.“ Bereits, als er bekannt gab, ins Priesterseminar zu gehen, sei er auf Instagram angefeindet worden, erzählt Josef Wagner. Er weiß: „Man muss damit leben, unpopuläre Entscheidungen zu treffen, wenn man Priester werden will.“

Seine Eltern seien von seiner Entscheidung nicht überrascht gewesen. Sie hätten sein Interesse längst bemerkt. „Positiv angetan waren sie nicht“, sagt Wagner. „Ihnen ist jedoch sehr wichtig, dass es mir gut geht und mir gefällt, was ich tue.“

Im Priesterseminar werden täglich Messen gehalten. Daneben gibt es Bibel- und Spiritualstunden. „Dort werden geistliche Themen angesprochen oder allgemeine Themen aus Sicht des Glaubens betrachtet“, erklärt der 19-Jährige. Auch alte Sprachen stehen auf dem Stundenplan. „Altgriechisch ist ähnlich wie Latein. Hebräisch war aber sehr anstrengend zu lernen“, sagt er. Im Rahmen des Priesterseminars reiste Josef Wagner im April nach Israel. Er freute sich darauf: „Fünf Wochen im Heiligen Land – die Chance habe ich nie wieder.“

Auch zwei jeweils dreimonatige Praktika im sozialen Bereich müssen die Seminaristen absolvieren. Das Erste war zweigeteilt. Am Vormittag arbeitete Wagner in der Bahnhofsmission und am Nachmittag im Seniorentreff in Passau. Über die Bahnhofsmission sagt er: „Wenn dort jemand eine warme Tasse Kaffee bekommt, ist er sehr dankbar.“ Davon könnten die meisten Menschen etwas lernen, ist der 19-Jährige überzeugt. In seinen Augen fehlt vielen Leuten die Dankbarkeit für alltägliche Dinge.

Seine Youtube-Videos enden mit einem Denkanstoß für die Zuschauer

Ein weiteres Praktikum in einer Schule für geistig und körperlich behinderte Kinder und Jugendliche habe ihm gezeigt, was es heißt, mit dem zurechtzukommen, was man hat: „Die Leute beschweren sich nicht, wenn sie blind oder im Rollstuhl sind.“ Diese Erfahrung fand Einzug in ein Video Wagners über Nächstenliebe. Darin gibt er zu, dass er nicht jeden Morgen Lust gehabt habe, zur Arbeit zu gehen.Doch der Wille, Nächstenliebe zu üben, habe ihn motiviert. Das Verständnis, Menschen so anzunehmen, wie sie sind, fehle oft in der Gesellschaft, sagt Wagner. Er stellt am Ende des Videos die Frage, ob die Dinge, die wir für selbstverständlich halten, das tatsächlich sind.

Meist enden die Clips mit einem Denkanstoß für die Zuschauer. Der 19-Jährige versucht, die Filme authentisch zu gestalten; deshalb seien sie auch nicht geschnitten. Die Resonanz fällt gemischt aus. „Die Videos werden kontrovers diskutiert“, fasst Wagner zusammen. Menschen, die wenig Kontakt mit der Kirche haben, fänden die Videos oft gut. Die meiste Kritik stamme von Leuten, die der Kirche sehr verbunden sind. Der Seminarist hat Verständnis dafür: „Es ist schwierig, dass ein junger Typ, der noch nichts geleistet hat, die ganze Aufmerksamkeit bekommt.“ Aber nicht nur aus Deutschland kommen Rückmeldungen. Seit einem halben Jahr hat der 19-Jährige mit Menschen aus der ganzen Welt Kontakt, darunter Leute aus Russland, Brasilien und Österreich. „Man sieht, wie vernetzt die Kirche ist“, stellt er fest.

Ob er mit dem Zölibat leben kann, weiß Wagner noch nicht

Für Josef Wagner war nicht immer klar, dass er den geistlichen Weg einschlägt. Nach der Erstkommunion war er von der vierten bis zur zehnten Klasse Ministrant. „Ich bin zwar jeden Sonntag in die Kirche gegangen, habe den Glauben aber nie reflektiert betrachtet“, erinnert er sich. Erst nachdem er zwischen der elften und zwölften Klasse an einem Jugendcamp des offenen Seminars der Diözese Augsburg teilgenommen hatte, begann er, sich intensiver mit dem Glauben zu befassen. In der Abschlussklasse am Aichacher Deutschherren-Gymnasium las er theologische Bücher. „Erst als die Leute gesagt haben, wenn man dich so reden hört, könnte man meinen, du wirst Pfarrer, habe ich das erste Mal darüber nachgedacht, Priester zu werden.“ Im Januar 2017 besuchte er ein Infowochenende, um sich einen Eindruck vom Priesterseminar zu verschaffen. Das habe ihm sehr gut gefallen. Zwar fiel dort nicht die endgültige Entscheidung. Doch er habe sich gefragt: „Mache ich lieber was mit BWL und baue auf Erfolg oder gehe ich dahin, wo mich mein Herz hinzieht?“

Trotz seiner Internetpräsenz macht sich Josef Wagner keinen Druck, um jeden Preis Priester zu werden. Noch sei er nicht in der Lage zu sagen, ob er mit dem für katholische Priester verpflichtenden Zölibat – dem Versprechen der Ehelosigkeit – leben könne. Auch das behandelt Wagner in einem Video. Er fasst zusammen: „Auch wenn ich in diesem Jahr aufhören sollte, hat es sich gelohnt.“

Facebook Whatsapp Twitter Mail
Das könnte Dich auch interessieren: