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Winzer

19.11.2016

Als Notargeschäfte in der Wirtschaft erledigt wurden

Anton Strobel ging auf Spurensuche nach seinen Vorfahren auf dem Bästeleshof in Winzer. Die Ergebnisse fasste er in einem Büchlein zusammen.
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Anton Strobel ging auf Spurensuche nach seinen Vorfahren auf dem Bästeleshof in Winzer. Die Ergebnisse fasste er in einem Büchlein zusammen.
Bild: Emil Neuhäusler

Anton Strobel erforschte die Geschichte seines Hofes bis ins Jahr 1587. Ein 100-seitiges Büchlein gibt Auskunft.

Anton und Annemarie Strobel bewirtschaften seit 1986 den Bästelesbauer-Hof in Winzer. 2008 machte sich Anton auf Spurensuche nach seinen Wurzeln. Woher der Hausname Bästelesbauer kommt, fand er nicht heraus. In seinen langjährigen Recherchen in Archiven von Augsburg, München und Eichstätt, die bis in das Jahr 1587 zurückgehen, zusammengefasst in einem 100-seitigen Büchlein, finden sich jedoch spannende Geschichten über seine Ahnen und geben gleichzeitig interessante Einblicke in die Verhältnisse der vergangenen fünf Jahrhunderte.

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Bei Hochzeiten kam es gut an, wenn die Braut viel Heiratsgut mit in die Ehe brachte

Der Bästelesbauer-Hof neben dem Pfarrhof in der Dorfmitte war immer einer der größten in Winzer und erstreckte sich von der Hauptstraße bis weit hinter die Gärten. Die Besitzer, tüchtige Bauern, vergrößerten das Anwesen von Generation zu Generation. Dabei kam es bei Verheiratungen gut an, wenn die Braut viel Heiratsgut mit in die Ehe brachte. Drei Brände gingen glimpflich ab. Betroffen macht, dass von vielen Kindern nur wenige das Erwachsenenalter erreichten, viele Frauen bei der Geburt der Kinder starben und die Männer sich in Sorge um die verbleibenden Kinder schnell wieder verheiraten mussten. Unvorstellbar in der heutigen Zeit ist, dass der Notar die vielen Eigentumsumschreibungen und Eheverträge in der Dorfwirtschaft tätigte.

Als Notargeschäfte in der Wirtschaft erledigt wurden

Georg Weckerlin, der nach den Nachforschungen von Anton Strobel im Jahre 1587 als Besitzer der Hausnummer 35 erwähnt wird, verkaufte das Anwesen Anfang des 17. Jahrhunderts an Pfarrer Hans Ost. Von diesem gingen „Behausung, Hofreite, Stadel und Garten beim Pfarrhof“ 1643 an Andreas Merk und von diesem wiederum 1689 an Johannes und Anna Froschmaier über. Dann taucht zum ersten Mal der Name Strobel auf. Ein Matthias Strobel kauft 1689 das Anwesen für 400 Gulden. Zum Hof gehörten insgesamt 57 Hektar Äcker und vier Tagwerk Wiesen. Matthias sen. übergab das Söldgut für 500 Gulden weiter an seinen Sohn Matthias jun. Dessen erste Frau Anna Lutzenberger, die 1674 verstarb, gebar ihm sechs, seine zweite Frau Anna Maria Scheifel neun Kinder.

Nachbarschaftsstreit mit dem Pfarrer

1695 wurde der Hof an Jakob Strobel übergeben, als er Katharina Schaumann aus Hasberg heiratete. Die Braut brachte stolze 175 Gulden Heiratsgut in die Ehe ein, außerdem eine Kuh, Aussteuer und eine angerichtete Bettstatt. Der Bräutigam besaß neben dem „Gütl“ zwei Rösser, eine Kuh, sieben Stück Jungvieh, einen Pflug und eine Egge. Aus dieser Ehe gingen zehn Kinder hervor. Zu der Zeit gab es einen Grenzstreit und Jakob wurde dazu verurteilt, dafür zu sorgen, dass seine Weichselbäume nicht zum Wurzgarten des Pfarrers hinüberreichten und diesen beschatteten.

Als Jakob 1719 starb, übergab dessen Witwe das Anwesen ein halbes Jahr später an die älteste Tochter Barbara. Diese heiratete den Weber Sebastian Schmid aus Gaismarkt, wodurch der Name Strobel bis 1884 von diesem Anwesen verschwand. Nachfolgebesitzer waren Bernhard Schmid, Johann Michael Hohenrieder, Michael und Benedikt Merk, wobei vor allem die letzten beiden das Anwesen vehement vergrößerten.

Nachdem Benedikt Merk im Alter von 60 Jahren keinen Hoferben hatte und auch kein zweites Mal heiratete, übergab er das Anwesen 1883 an seine Pflegetochter Maria Fischer und deren Bräutigam Leonhard Strobel. Von da an gab es in jeder Generation männliche Nachfolger, die den Familiennamen Strobel weitergaben. Leonhard stammte aus der Hausnummer 41 in Winzer und war 1854 als Sohn des Bauern Michael Strobel und dessen Frau Apollonia Auer geboren worden. Bei der Übergabe war das Anwesen mit 26000 Reichsmark veranschlagt. Benedikt Merk erhielt lebenslanges Wohnrecht im übergebenen Bauernhaus, und zwar in der sogenannten Küchenkammer. Außerdem musste für ihn gewaschen und geputzt werden und er hatte Anspruch auf Pflege bei Krankheit. Der Hof bestand zu der Zeit aus Wohnhaus, Stall, Stadl, Pfründehaus, Wagenremise, Backküche und einem Hofraum von insgesamt 1230 Quadratmetern. Dazu gehörte ein Wurzgarten mit 70 Quadratmetern, ein Gras- und Baumgarten mit 290 Quadratmetern sowie ein ganzes Gemeinderecht. An Wiesen und Äckern standen rund 28 Hektar zur Verfügung.

Eine Katastrophe drohte dem Hof 1921

Im Ehevertrag vom 7. Dezember 1885 wird der Wert des Anwesens „Bästelesbauer“ mit 28539 Reichsmark angegeben. Als Maria bereits zwei Jahre nach der Hochzeit kinderlos verstarb, heiratete Leonhard noch im selben Jahr die Bauerstochter Josepha Fischer aus Loppenhausen. Aus ihrer Ehe gingen 15 Kinder hervor, von denen viele an Diphtherie und Krupp starben. Nur fünf erreichten das Erwachsenenalter, zwei Söhne ließen im Ersten Weltkrieg ihr Leben. Eine Katastrophe drohte dem Hof am 21 April 1921, als im Schweinestall Feuer ausbrach und beinahe den Stall zerstörte. Durch das rasche Eingreifen der Feuerwehr wurde größerer Schaden verhütet. Nur drei Schweine wurden verletzt, von denen eines sofort geschlachtet werden musste.

Leonhard Strobel darf als bedeutende Persönlichkeit von Winzer bezeichnet werden. Er war Bürgermeister, Spritzenhauptmann der Feuerwehr, eine Periode Hauptgeschworener im königlichen Amtsgericht Augsburg, gewählter Distriktssrat und langjähriger Bezirkstagsvorsitzender. Im Ersten Weltkrieg wurde ihm das König-Ludwig-Kreuz verliehen, gestiftet für Personen, die sich während des Krieges in der Heimat besondere Verdienste erworben haben. Leonhard starb am 25. Mai 1927 als Altbürgermeister und Pfründner im Alter von 72 Jahren.

Das Anwesen hatte Leonhard bereits 1925 an seinen Sohn Anton übergeben, als dieser Ursula Gollmitzer aus Deisenhausen heiratete. Ihnen wurden neun Kinder geboren, von denen zwei bereits bei der Geburt starben. Mit seinem Schwager Blasius Gossner, dem Dorfwirt, schaffte Anton den ersten Schlepper an, einen Fendt Dieselross F 18 mit 16 PS. Schwester Franziska führte als Witwe Gossners Landwirtschaft, Brauerei und Gastwirtschaft in Winzer weiter.

Die unerschrockenen Bauern von Winzer

Die Bauern von Winzer traten schon immer unerschrocken für ihre und die Rechte der anderen ein. Bereits im Bauernkrieg 1525 machte Winzer Furore. Graf Ulrich von Helfenstein, der mit seinen Soldaten durch das Kammlach- und Günztal bis etwa Pfaffenhausen gegen die aufrührerischen Bauern hinaufgezogen war, soll berichtet haben: „Die Luft war nicht gut da oben, es war ein mächtiger, böser Haufen Bauern, nannte man das rote Fähnlein!“ Ebenso fanden Hitler und seine NSDAP nur wenige Anhänger in Winzer. Anton Strobel ergriff nach der Pogromnacht am 11. November 1938 in Krumbach Partei für die Juden Partei und musste dafür Schläge einstecken.

Als nächster übernahm 1956 Sohn Ottmar Strobel das Anwesen mit insgesamt 28 Hektar Bewirtschaftungsfläche. Er modernisierte den Hof. Dies wird deutlich an den zehn Traktoren, die Ottmar und ab 1985 sein Sohn Anton im Laufe der Jahre anschaffen. In diese Zeit fielen auch der Kauf eines Mähdreschers, eines Kreiselmähers, eines Ladewagens und der Kauf einer Presse, mit der auch Lohnarbeiten durchgeführt wurden. Ebenfalls wurde eine Maschinenhalle gebaut, eine Jungviehhütte, ein Jungviehstall, ein Hühnerstall und ein Fahrsilo. Dem jetzigen Besitzer, Anton Strobel, wurde das Anwesen 1986 bei seiner Heirat mit Anna Maria Bainger aus Kirchheim übergeben.

Mit dem Neubau eines Einfamilienhauses und dem Neubau und Umbau der landwirtschaftlichen Gebäudesubstanz wurde der Hof für den Viehbestand optimiert. Rund 80 Stück Vieh stehen im Stall und für deren Bedürfnisse werden die Ackerpflanzen ausgewählt. Seit 1989 wird der Hof im Nebenerwerb bewirtschaftet. Zur großen Freude von Anton und Annemarie zeigt Sohn Leonhard großes Interesse an der Landwirtschaft, sodass berechtigte Hoffnung besteht, dass der Name Strobel auf dem Bästelesbauer Hof auch in der nächsten Generation gesichert ist.

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