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Ursberg

26.01.2020

Als die Nazis ins Ringeisenwerk kamen: Die Geschichte einer jungen Frau

Das Mahnmal im Ursberger Klosterhof erinnert an die Menschen, die aufgrund ihrer Behinderung von den Nationalsozialisten ermordet wurden.
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Das Mahnmal im Ursberger Klosterhof erinnert an die Menschen, die aufgrund ihrer Behinderung von den Nationalsozialisten ermordet wurden.
Bild: Markus Landherr

Plus Elise H. lebte in Ursberg und überlebte nur knapp die Euthanasieaktion der Nationalsozialisten. Die traumatischen Erfahrungen begleiteten sie ein Leben lang.

Es waren traumatische Erfahrungen, die Elise H. als junges Mädchen durchleben musste. Die damals 18-Jährige wurde am 31. August 1941 von den Nationalsozialisten aus dem Dominikus-Ringeisen-Werk in Ursberg in die staatliche Heil- und Pflegeanstalt nach Kaufbeuren deportiert. Aufgrund der Intervention ihres Vaters konnte sie im Januar 1942 nach Ursberg zurückkehren und überlebte die Mordaktion des NS-Regimes. Elise H. hatte Glück im Unglück. Aber unter den Folgen der Eindrücke hatte sie ihr Leben lang zu leiden.

Es war die sechste und letzte Verlegung von Menschen mit Behinderung aus den damaligen „Ursberger Anstalten“, mit der Elise H. und 165 weitere Bewohnerinnen und Bewohner verschleppt wurden. Damit waren seit September 1940 insgesamt 519 Menschen von den Nationalsozialisten deportiert worden. 397 von ihnen kamen ums Leben, ermordet nur deshalb, weil sie eine Behinderung oder eine psychische Erkrankung hatten. Sie waren Opfer des Euthanasieprogramms „Aktion T4“, mit dem die Nationalsozialisten das Deutsche Reich von sogenannten „Ballastexistenzen“ und „nutzlosen“ Essern befreien wollten.

Der Vater war Privatzahler

Elise H. litt aufgrund von Komplikationen bei der Geburt an einer geistigen Behinderung. Ihre Mutter war bereits im Jahr 1931 verstorben. Im Januar 1939 wurde das junge Mädchen in der von Dominikus Ringeisen gegründeten Einrichtung aufgenommen. Die Aufzeichnungen berichten von einem „guten Benehmen“ und einer „Scheu“ gegenüber ihr unbekannten Personen. Ihr Vater übernahm alle Kosten, die in der Betreuung anfielen, als sogenannter Privatzahler.

Als die Nazis ins Ringeisenwerk kamen: Die Geschichte einer jungen Frau

Mit Beginn des Zweiten Weltkrieges jedoch gerieten Menschen mit Behinderungen und psychischen Erkrankungen in Lebensgefahr. Die ersten Bewohner der Ursberger Einrichtungen traf es bereits im Herbst 1940. Sie wurden deportiert und wenig später ermordet. Betroffen waren fast immer Menschen, die von staatlicher Unterstützung lebten. Über die Landesfürsorgeverbände, bei denen die Bewohner gemeldet waren und die die Finanzierung der Betreuung übernahmen, wurden die Deportationslisten erstellt.

Bis zum Sommer 1941 fanden fünf weitere Transporte statt. Von der letzten Verlegung war auch Elise H. betroffen. Damit standen erstmals auch Privatzahler auf der Liste. Denn die gefürchteten Listen kamen diesmal nicht vom Landesfürsorgeverband, sondern aus dem bayerischen Innenministerium. Es teilte mit, dass „aus Gründen der Reichsverteidigung die Überführung von 180 Kranken“ notwendig sei.

Die Kongregation verschickte Briefe

Bis dahin hatte man in Ursberg angenommen, dass die Menschen, die für ihre Unterbringung selbst bezahlten, vor dem Zugriff der Nationalsozialisten geschützt seien, weil sie bei den Kostenträgern nicht bekannt waren. Im totalitären Überwachungsstaat gab es für das nationalsozialistische Regime offenbar jedoch genügend Mittel und Wege, die Belegung der Ursberger Einrichtungen anderweitig festzustellen. Bereits kurz nachdem der Transport Ursberg verlassen hatte, verschickten die Schwestern der St. Josefskongregation Briefe an die Angehörigen, um sie über die „Verlegung“ zu informieren. Unter Todesstrafe hatten die Nationalsozialisten verboten, die Nachricht den Angehörigen bereits im Vorfeld zukommen zu lassen.

Durch die schriftliche Benachrichtigung erfuhr auch der Vater von Elise H. von der Deportation. Er setzte sich umgehend mit dem Innenministerium in Verbindung. Als Privatzahler war er mit der Verlegung nicht einverstanden. Im Januar 1942 teilte er der St. Josefskongregation mit, dass das Innenministerium der Rückverlegung von Elise H. nach Ursberg zustimme, wenn er weiterhin die Kosten privat übernehme. Nachdem er dies zugesichert hatte, konnte seine Tochter am 23. Januar 1942 nach Ursberg zurückkehren.

Es ist schwer vorstellbar, was Elise H. zwischen August 1941 und Januar 1942 in Kaufbeuren erlebt hat. Die staatliche Heil- und Pflegeanstalt diente als Durchgangsstation zu den eigens errichteten Tötungsanstalten wie Schloss Hartheim in Oberösterreich. Aber auch in Kaufbeuren selbst wurden zahllose Menschen aktiv ermordet oder verhungerten durch die sogenannte „Entzugskost“, die mit dem Ziel verabreicht wurde, einen schnellen Tod herbeizuführen.

Sie bewahrte ihre hilfsbereite Art

Für die ohnehin schüchterne und rasch verängstigte Elise H. wurde der Aufenthalt dort zum lebenslangen Trauma. Ehemalige Begleiter erinnern sich, dass sie in den Folgejahren sehr unruhig wurde und kaum mehr schlafen konnte, wenn Mitbewohner ihrer Wohngemeinschaft beispielsweise in Urlaub fuhren. Arztbesuche und Untersuchungen lösten bei ihr panische Angst aus. Beachtlich ist, dass sie sich trotz allem ihre menschliche Art bewahrte. So unterstützte sie hilfsbereit eine körperbehinderte Mitbewohnerin und half mit, wo es nötig war. Im Dominikus-Ringeisen-Werk in Ursberg fand sie nach den schrecklichen Ereignissen eine beschützende Heimat und lebte dort noch viele Jahre.

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