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14.03.2009

Auf der Suche nach den Wurzeln in Krumbach

Krumbach Obwohl es Anfang März ist, liegt der Schnee an diesem Sonntag so tief, dass sich das schmiedeeiserne Eingangstor des jüdischen Friedhofs kaum öffnen lässt. Der grauverhangene Himmel und das helle Weiß des Schnees entfremden den stillen Ort mit den alten, zum Teil schon versunkenen Grabsteinen und den hohen Bäumen noch mehr aller Alltäglichkeit. James Bauer geht durch die Gräberreihen und weiß, dass seine Großeltern in jungen Jahren und wahrscheinlich auch sein Vater als Kind schon vor diesen Grabsteinen gestanden sind. Relativ früh starb der Urgroßvater Leopold Guggenheimer, ein Pferdehändler, und musste seine Familie in schwierigen finanziellen Verhältnissen zurücklassen."

James Bauer ist nach Krumbach gekommen, um die Wurzeln seiner Herkunft zu spüren. In erster Linie sucht er in dieser Stadt die Atmosphäre, in der seine Großmutter aufgewachsen ist. "Sie hatte ein schweres Schicksal, aber sie hat mir nicht gezeigt, was sie zu bewältigen hatte", erzählt James Bauer von dieser Großmutter. Der 62-jährige gebürtige Amerikaner spricht fließend Deutsch, er hat die Sprache seiner Vorfahren weiter gepflegt, obwohl die jüdische Familie aus Deutschland vor dem Terror der Nationalsozialisten fliehen musste.

James Bauer wurde 1947 in New York geboren. Seine Eltern waren 1936 in die USA ausgewandert, in Deutschland sahen sie keine Chancen mehr für sich, ein menschenwürdiges Leben zu führen. Die Großmutter, Rosa (Guggenheimer) Bauer, musste sich 1938 zur Flucht aus Hitlerdeutschland entschließen. Die beiden Söhne der nun amerikanischen Familie wachsen bei der Großmutter auf, da die Mutter berufstätig ist. Doch die alte Heimat bleibt präsent: "Zu Hause wurde deutsch gesprochen, Deutsch, das ist die Sprache meiner Großmutter", erinnert sich James Bauer, "aber natürlich hatte ich auch in der Schule Deutsch."

Der 62-Jährige, der früher als Redakteur bei der New York Times arbeitete, nutzt nun die Zeit, die er als Rentner hat, um den Stammbaum seiner Familie zu erstellen. Er ist fasziniert davon, von immer neuen Familienmitgliedern zu erfahren, wenn er nach seinen Ahnen forscht. "Man lernt sie eigentlich kennen, auch wenn man nur von ihnen liest oder ihre Bilder betrachtet. Man kann über ihr Leben nachdenken, versteht vieles besser und entwickelt zu diesen Menschen sogar einen Bezug. Ich glaube, man braucht aber ein bestimmtes Alter dazu, damit man diese Beschäftigung wirklich zu schätzen weiß".

Auf der Suche nach den Wurzeln in Krumbach

Der Grabstein der Urgroßeltern

Einige Monate vor seiner Reise nach Krumbach hat James Bauer Kontakt zu Herbert Auer aufgenommen, der den Stammbaum seiner Großmutter, Rosa (Guggenheimer) Bauer, 1881 bis 1968, sowohl für die mütterliche Linie (Böck) als auch für die väterliche Linie (Guggenheimer) vervollständigen konnte. Die Grabsteine der Urgroßeltern von James Bauer, Leopold Guggenheimer (1844 bis 1887) und Elise Guggenheimer (1842 bis 1906) fallen auf dem Friedhof auf. Es sind zwei große, parallel stehende, schwarze, obeliskenartige Steine, noch in bestem Zustand. Herbert Auer erläutert die hebräischen Inschriften. "Ihre Seele sei eingebunden im Bündel des Lebens", steht, wie auf jedem jüdischen Grabstein, als letzte Zeile. "Sie sollen in dem Buch stehen, das die Seelen nennt, die in den Himmel kommen", erklärt Bauer.

Herbert Auer führt weiter durch den Friedhof, verweist auf die Grabstellen von Vorfahren des Besuchers aus New York, darunter auch den über die Linie Böck verwandten Samuel Oettinger, der Stadtrat in Krumbach war. Dessen Sohn Julius Oettinger war bis zur Machtübernahme durch die Nationalsozialisten 1933 ebenfalls in dieses Amt gewählt worden. Julius Oettinger konnte 1938 mit seiner Familie im gleichen Jahr wie Rosa (Guggenheimer) Bauer in die USA fliehen.

In Krumbachs ehemals jüdischen Stadtteil Hürben zurück, zeigt sich durch die Erzählungen von Herbert Auer das vergangene Leben in diesen Häusern. James Bauer betrachtet die für die jüdischen Gebäude typischen Zwerggiebel, sieht das Landauerhaus, das Mittelschwäbische Heimatmuseum und scheint sich in eine lang vergangene Zeit zurückzu- versetzen: "Wenn ich diesen Ort sehe, dann kann ich mir vorstellen, wie meine Großmutter gelebt hat".

Das Haus, in dem die Familie Guggenheimer wohnte, steht heute nicht mehr, es wurde im Zuge des Neubaus der Burgauer Straße 1971 abgerissen.

Das Grauen ...

Betroffen betrachtet der New Yorker das Mahnmal der ehemaligen Synagoge, die 1938 geschändet und 1939 durch Brandstiftung zerstört wurde. Das Grauen der vergangenen Zeit ist zu spüren, ist eigentlich immer wieder greifbar, wenn in diesen ehemals jüdischen Häusern kein einziger Nachfahre mehr lebt.

... die Idylle

Das Leben hier hatte mit Sicherheit schöne Seiten. Die Dichterin Hedwig Lachmann betonte in einigen ihrer Briefe, wie geborgen sie sich hier fühle. Auch das Zusammenleben von christlicher und jüdischer Bevölkerung hat funktioniert. Christen besuchten an hohen jüdischen Feiertagen die Synagoge, hatten diese Tage doch auch mit dem Alten Testament zu tun. Jüdische Bürger waren in den Vereinen aktiv, was als zuverlässiges Zeichen für gute Integration gewertet werden kann. Man arbeitete zusammen und manche christlichen Mütter buken auch Matzen, ein jüdisches Gebäck.

Und doch: Mit Terror und Raffinesse wurden die Kontakte zwischen Juden und Nichtjuden zerstört. James Bauer hat erst durch Recherchen von Herbert Auer erfahren, dass einige Geschwister seiner Großmutter durch den Holocaust umgekommen sind. Ein Bruder starb in Theresienstadt, ein anderer beging Selbstmord, um der Deportation zu entgehen. Unter den letzten 15 jüdischen Bürgern aus Krumbach, die deportiert wurden, stammten fünf aus der Familie Oettinger. Berta Bauer konnte mit ihrem Enkel darüber nicht sprechen, auch nicht über den Tod ihrer beiden Brüder.

"It was fantastic", entfährt es am Abend dem Amerikaner. Gut zu wissen, dass es James Bauer möglich war, nach dem zu suchen, was in der früheren Heimat seiner Großmutter das Leben lebenswert gemacht hat.

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