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03.06.2015

Bauern fürchten um ihre Zukunft

Demo auf dem Marktplatz: „Wenn ich groß bin, mach’ ich Dir den Hof“, steht auf dem T-Shirt von Max aus Unterweiler. Allerdings hat sein Vater, ein Landwirt, Zweifel daran, dass eine bäuerliche Zukunft weiter erstrebenswert bleibt.
Bild: Andreas Brücken

Zum „Tag der Milch“ machen Landwirte ihrem Ärger Luft. Drei Cent pro Liter als Ertrag sei ruinös. Was die Erzeuger von Erdöl exportierenden Ländern lernen wollen

Zur Ausbeutung der eigenen Verwandtschaft sieht sich Johann Wachter gezwungen. „Wenn meine ganze Familie nicht mithelfen würde, müssten wir zumachen“, sagt der beim Bundesverband Deutscher Milchviehhalter (BDM) für die Kreise Günzburg und Neu-Ulm zuständige Landwirt. 75 Kühe hält der 53-Jährige auf seinem 100-Hektar-Hof in Waltenhausen. Durch einen Fall des Milchpreises auf knapp 30 Cent pro Liter würde der Erlös die ständig steigenden Kosten nicht mehr decken. Drei Cent pro Liter reichten nicht für Arbeitslohn, Erhalt der Gebäude, Investitionen oder gar einen Betriebsgewinn. Raubbau am eigenen Betrieb sei leider Alltag in der Milchwirtschaft. Der „Tag der Milch“ am vergangenen Montag sei für ihn und die meisten der etwa 900 Milchproduzenten somit ein „Tag der Wut“.

Ihrem Ärger Luft machten dabei Milchbauern aus der Region. Mit über 20 Traktoren zeigten die Landwirte beeindruckend Präsenz auf dem Marktplatz in Ulm. „Niedrige Preise sind des Bauern Tod!“, steht auf einem Schild, das Manfred Stolz auf seiner Maschine montiert hat. 50 Milchkühe hält er bei Ulm-Unterweiler. Noch. Der Fall des Milchpreises gefährde die Existenz des Hofes, den seine Familie seit Generationen führt. „Meinen Kindern kann ich derzeit kaum empfehlen, Bauer zu werden“, sagt er. Auch wenn Sohn Max offenbar bereit wäre: „Wenn ich groß bin, mach’ ich Dir den Hof“, steht auf dem T-Shirt des Fast-Fünfjährigen.

Erfunden wurde der „Tag der Milch“ eigentlich von Molkereien, um kräftig die Werbetrommel für eines der ältesten Handelsgüter der Welt zu rühren. Auf dem Ulmer Marktplatz wurde zwar auch Milch gereicht, doch Hans Foldenauer vom BDM nutzt das Forum, um auf eine „existenzielle Bedrohung“ der Betriebe hinzuweisen, die auf die Milchwirtschaft setzen. Nach dem Aus für die Quote seien Nachfrage und Angebot in ein gefährliches Missverhältnis geraten.

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Die Erlöse der Bauern sind nach zwei starken Jahren 2013 und 2014 mit Preisen von an die 40 Cent pro Liter Milch abgestürzt, ohne dass eine schnelle Entlastung in Sicht wäre. Der Milchpreis liege unter 30 Cent und fällt offenbar weiter. Das freut zwar viele Verbraucher. Aber die Kosten der noch rund 75000 deutschen Milchbauern seien mit diesen Erlösen kaum noch zu decken. 50 Cent, so Foldenauer, sei der Betrag, den die Bauern eigentlich verlangen müssten, um alle Kosten decken zu können. Die Forderung des BDM nennt sich zwar nicht Rückkehr zur Quote, ist aber etwas ähnliches: Milchmarkt-Krisenmanagement heißt ein Konzept, dass unter den Milchviehaltern viele Unterstützer hat. Im Kern geht es um eine zeitlich befristete Deckelung der Anlieferung, wenn sich eine Marktkrise abzeichnet. Die Zeit drängt. Der Roggenburger Milchviehhalter Martin Sauter befürchtet ein weiteres Absinken des Milchpreises auf 25 Cent. Das Grundproblem sei, dass der Berufsstand im Laufe der Jahre nie mit einer Stimme gesprochen habe. „Wir wurden immer wieder auseinanderdividiert.“ BDM-Mann Foldenauer nennt als Gegenentwurf zum Ist-Zustand der Milchbauern das Tun der Organisation Erdöl exportierender Länder (Opec).

So wie bei Öl üblich müsse letztlich der Produzent den Preis bestimmen und nicht der Konsument. Schuld tragen würden „agrarpolitische Geisterfahrer“ im Bauernverband und die Politik. Vonseiten der Bundesregierung vermisse er zumindest einen Gegenvorschlag zum ausformulierten BDM–Konzept Milchmarkt-Krisenmanagement. „Doch es kommt nichts.“ Da hatte die für Ulm zuständige CDU-Bundestagsabgeordnete Ronja Schmitt das Rednerpult schon wieder verlassen. Vorher sagte sie, die Bundesregierung „beobachte die Situation“. Und außerdem sei der Handel aufgefordert, seiner Verantwortung für eine „gesunde Preispolitik“ gerecht zu werden. Dem stellt Foldenauer gegenüber, dass genossenschaftliche Molkereien, wie etwa die Milchwerke Schwaben, kein originäres Interesse an der Erzielung hoher Preise haben. Denn teurer Käse verkauft sich schlechter.

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