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Landkreis Günzburg

09.10.2015

Beziehungskriege nehmen zu

Wenn sich Eltern nicht mehr verstehen, leiden die Kinder.
Bild: Bernhard Weizenegger

Immer mehr verfahrene Trennungen oder Scheidungen – aber das muss nicht so weiter gehen.

Die Kampflinie zieht sich nicht quer über schlammige Äcker oder durch zerschossene Häuserschluchten, die Front verläuft durch schön eingerichtete Wohnzimmer, durch schicke Einfamilienhäuser, durch ganz normale Wohnungen. Geschossen wird nicht mit Pulver und Blei, sondern mit Worten – und deren Wirkung ist nicht weniger verletzend. Immer mehr Paare, die nicht mehr miteinander können, verwandeln die Beziehung in ein Schlachtfeld – auf dem als Opfer vor allem die Kinder zurückbleiben. Sie leiden oft so sehr unter den giftigen Streitereien von Vater und Mutter, dass sie traumatisiert und verhaltensauffällig werden. Der Frankfurter Pädagoge Uli Alberstötter spricht unverblümt von „Kriegskindern“. Die Ausweitung der Kampfzone unter deutschen Dächern schreitet voran. Immer mehr Trennungen gelten heutzutage als „hochstrittig“, das heißt: diejenigen, die sich einst geliebt haben, bekämpfen sich bis aufs Blut – und das manchmal im Wortsinn. Das belegen auch die Zahlen der Psychologischen Beratungsstelle für den Landkreis Günzburg. Sie belegen nach den Worten von Artur Geis, Leiter der Erziehungsberatung, einen „erheblichen Zuwachs“. Von 2009 bis 2014 stieg die Zahl hochstrittiger Trennungen, bei denen Beratung notwendig war, um 30 Prozent. Hingegen nahm die gesamte Menge an Beratungen nur um 15 Prozent zu. Angesichts verhärteter Fronten gelingt es oft nicht mehr, einvernehmliche, vernünftige Regelungen darüber zu finden, wann welcher Elternteil mit dem Nachwuchs zusammen sein kann. Dafür müssen vermehrt Fachleute eingeschaltet werden im Rahmen eines sogenannten „betreuten Umgangs“. Solche Fälle haben zwischen 2009 und 2014 um das Fünffache zugenommen.

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Je mehr mitmischen, desto verfahrener wird die Situation

Wenn sich Paare vollkommen zerstreiten, so stehen sie nicht alleine in der Kampfzone, denn je verfahrener die Beziehung, desto mehr Kombattanten treten auf, etwa das Familiengericht, das Jugendamt, Beratungsstellen, Gutachter und nicht zuletzt Rechtsanwälte. Je mehr mitmachen, desto verfahrener wird alles, meint Pädagoge Alber-stötter. Er hat jetzt bei einer Fachveranstaltung in Günzburg aufgezeigt, wie problematisch solche hochstrittigen Trennungen sein können und gleichzeitig für etwas geworben, das für Entspannung im Beziehungskrieg sorgen kann. Mittlerweile ist diese sogenannte Cochemer Modell bundesweit bekannt geworden. In der Stadt an der Mosel haben sich – kurz gesagt – in den 90ern Familienrichter, Anwälte, Gutachter und Berater darauf verständigt, verstärkt miteinander statt gegeneinander zu arbeiten, um die Paar-Konflikte nicht eskalieren zu lassen. Allein schon dadurch, dass die Beteiligten in einem Konflikt sich häufiger zusammensetzen, um sich kennen und und auch die Arbeits- und Denkweise des Anderen verstehen zu lernen, soll die Schärfe aus einer Auseinandersetzung genommen werden. Vor allem zumWohle der Kinder.

Beziehungskriege nehmen zu

Das war auch der Grund, warum sich jetzt Familienrichter, Fachkräfte des Jugendamts und der Psychologischen Beratungsstellen zu einem Workshop in den Räumen der Günzburger AOK getroffen haben, um sich auszutauschen – und zu hören, was Fachmann Alberstötter zu sagen hat. Er ist davon überzeugt, dass so auch Vorurteile abgebaut werden, etwa von Juristen gegenüber den vermeintlichen „Psychos“ aus den Beratungsstellen, wie der Frankfurter Pädagoge meint. Doch gerade ihr Rat könne hilfreich sein.

Es gebe oft eine zu starke Abgrenzung zwischen den Parteien, was den Streit anheizt. Das passiert nicht zuletzt dann, wenn Rechtsanwälte Schriftsätze anfertigen, in denen dann schwarz auf weiß Vorwürfe an die Gegenseite festgeschrieben sind, die wiederum zu Verletzungen, Kränkungen, Ärger und Wut bei bei den Betroffenen sorgen. Das Prinzip bei den Beteiligten solle Deeskalation heißen. Auch in der Region hat dieser Gedanke laut Artur Geis bereits Fuß gefasst, damit die streitenden Elternteile die Fachleute von außen nicht mehr so leicht für ihre einseitigen Sichtweisen instrumentalisieren können. Mittlerweile werde ein enger Umgang gepflegt, wozu auch Fachtagungen wie die in den Räumen der AOK gehören.

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