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Edelstetten

08.05.2016

Botschaft, Klang, Performance

Hinreißender Poetry-Slam im Chinesischen Saal von Schloss Edelstetten. Zu den großartigen vier Akteuren zählten Jonas Meyer (links) und Max Kennel. In der vorderen Reihe (von links) sitzen Prof. Dr. Klaus Wolf, Ursula Fürstin Esterhazy und Bundestagsvizepräsidentin Claudia Roth.
Bild: Dr. Heinrich Lindenmayr

Ein Poetry-Slam schwäbischer Art - geht das überhaupt? Die Macher der „Schwäbischen Poetry-Slam-Revue“ sind überzeugt davon.

Eine „Schwäbische Poetry-Slam-Revue“ hatte sich der Verein „Schwäbisches Literaturschloss Edelstetten“ für seinen Dritten Literarischen Salon vorgenommen. Die Ankündigung der Veranstaltung warf zwei Fragen auf. Kann es das geben, eine schwäbische Variante des Poetry-Slam? Kann der Slam, die derzeit so gefeierte Form des literarischen Wettstreits, seinen Reiz entwickeln ohne Wettbewerbscharakter? Beide Fragen wurden mit einem deutlichen Ja beantwortet. Die Veranstaltung war schlichtweg begeisternd, und wenn das heute vielfach überstrapazierte Prädikat „begeisternd“ noch seine volle Berechtigung haben kann, dann hier. 

Es gab keinen Besucher im voll besetzten Chinesischen Saal des Schlosses Edelstetten, der sich dieser brillanten und dichten Mischung von Wort, Klang, Rhythmus und Performance hätte entziehen können. Das lag zum einen daran, dass Organisator „Hanz“ Spitzenkönner der bundesdeutschen Slamer-Szene nach Edelstetten holte, unter anderem mehrere und auch mehrfache Gewinner von Landeswettbewerben. Zum anderen hielten sich alle Akteure an die Marschroute und tischten speziell schwäbische Kost auf. Die hierzulande typischen Tugenden „Sparsamkeit“, „Häuslesbauermentalität“ (Andreas Rebholz), „Sauberkeit“ und „Ordnung“ (Max Kennel und Jonas Meyer) erwiesen sich als fruchtbares Terrain für die poetisch-satirische Attacke.

Es ist mit Worten nicht zu beschreiben, was sich auf der Bühne abspielte

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Eine Kuriosität überbot die andere in Wolfgang Heyers Kurs „Schwäbisch für Einsteiger“. Hanz’ literarische Bearbeitung einer Weinprobe in Augsburg musste schon deswegen in einem spritzig-fatalen Finale enden, weil der sparsame Schwabe den Spucknapf verweigert und tapfer schluckt, was man ihm vorsetzt.

Es ist mit Worten nicht zu beschreiben, was sich auf der Bühne abspielte: Die sich jagenden Anspielungen und Paradoxien, den Rhythmus und den virtuos praktizierten Wechsel im Tempo, die Imitation von Sprechgestus, sonorer Stimme und Kampf mit langer Zunge eines Marcel Reich-Ranicki (Wolfgang Heyer) muss man erlebt haben. Natürlich wurde auch das Publikum ab und an Zielscheibe witziger Attacken. Besonders deftig erwischte es die anwesende Bundestagsvizepräsidentin Claudia Roth: „Bleiben wir auf dem Boden, zum Regieren braucht man Hoden“. Die Kunstform „Poetry-Slam“ darf in dieser Weise angreifen. In ihrem Grußwort hatte sich Claudia Roth als Fan des Poetry-Slams geoutet. Bei aller Schärfe spalte er nie, sondern integriere, erklärte sie. Insofern sei er der „Soundtrack der Demokratie“, sei das Kunstmittel, das ein offenes Deutschland und ein offenes Europa brauchten. Nach dem so erfolgreichen Probelauf kündete Prof. Dr. Klaus Wolf, Vorsitzender des Vereins, an, es werde nun jährlich einen vom Verein organisierten Slam geben. Der Verein sei mittlerweile Mitglied im Verband der literarischen Gesellschaften Deutschlands und Mitglied beim „Wertebündnis Bayern“. Den Zweiten Literarischen Salon vom Mai 2015 nannte Wolf in zweifacher Hinsicht nachhaltig. Seine Ergebnisse präsentierte er in Form der Neuausgabe des „Schwabenspiegel“. Eine weitere Frucht der Vorjahresveranstaltung sei, dass das damals nach langer Pause wieder aufgeführte Stück „Jakob-Fugger-Consult“ seither regelmäßig in Augsburg gespielt werde.

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