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24.03.2010

Das schlechteste Frühstück gab es nicht in Günzburg

Günzburg Es war eine Geschichte, wie sie sich ein Drehbuchautor nicht hätte besser ausdenken können: Eine 18-jährige Prinzessin wurde gezwungen, einen 41-jährigen Herrscher zu heiraten, den sie abgrundtief hasste. Es war dies die blutjunge Habsburgerin Marie-Louise, die Kaiser Napoleon, den sie noch nie zuvor im Leben gesehen hatte, zur Frau gegeben wurde. Was aber waren die Beweggründe dieser politisch motivierten Verbindung?

Marie-Louises Heimatland Österreich hatte in den Jahren zwischen 1792 und 1809 vier Kriege gegen Frankreich geführt - davon drei Angriffskriege - und hatte nach vier Niederlagen Unsummen an Kriegsreparationen bezahlen und mehrere Millionen Quadratkilometer Land an den Sieger sowie seine Verbündeten abtreten müssen. Günzburg, das 500 Jahre lang zu Vorderösterreich gehört hatte, wurde Bayern zugeschlagen. Unter dem Druck Napoleons hatte Marie-Louises Vater als letzter deutscher Kaiser Franz II. 1806 die Krone des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation niederlegen müssen und war seitdem als Franz I. "nur" noch der Kaiser von Österreich.

Unter den Zeichen dieser, die Macht der Habsburger fundamental erschütternden Ereignisse, war die 1791 geborene Marie-Louise aufgewachsen. Als Kind hatte sie zusammen mit ihrem Bruder Franz Karl eine Holzpuppe malträtiert, getreten, geohrfeigt und in die Ecke geworfen, die "Buonaparte" hieß. Den Kaiser der Franzosen bezeichnete sie voll Hass als "Menschenfresser" und "Usurpator". 1805 und 1809, als sie in aller Eile zusammen mit ihrer Familie aus Wien vor den heranrückenden französischen Armeen hatte fliehen müssen, nannte sie die Wanzen in den täglich wechselnden Herbergen "Napoleons".

Der Namenspatron der kleinen ungeliebten Bettgenossen aber hatte ein Problem: Er brauchte, um die Thronfolge seiner Dynastie zu sichern, einen Erben, den ihm seine erste Frau Josephine seit einem Sturz vom Balkon nicht mehr zu gebären imstande war. Aus diesem Grund ließ er sich Ende 1809 "zum Wohle Frankreichs" scheiden und machte sich auf die Suche nach einer neuen Frau aus höchstem europäischem Adel.

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"Man muss Sie opfern", schrieb der österreichische Außenminister Fürst von Metternich, der eigentliche Architekt der Heirat mit Marie-Louise. Nach den harten Schlägen der Vergangenheit versprach sich der kühle Machtpolitiker von der Verbindung für Österreich die dringend benötigte Zeit, um sich zu erholen. Die 18-jährige Prinzessin, die zeit ihres Lebens daran gewöhnt war, zu gehorchen, wurde nicht groß gefragt und fügte sich in ihr Schicksal.

Am 11. März wurde in der Wiener Augustinerkirche die Prokura-Trauung vollzogen und noch am selben Tage bestieg sie die prachtvolle Hofkutsche, die sie in die Hauptstadt des "Menschenfressers" bringen sollte. Am 16. März erfolgte bei Braunau in einer hochfeierlichen Zeremonie die Übergabe der Braut an den eigens angereisten, französischen Hofstaat.

Die weitere Fahrt durch Bayern glich einem Siegeszug, bei dem der aus 36 Prachtkarossen bestehende Konvoi überall mit dem Ruf "Es lebe die Kaiserin" begrüßt wurde und in vielen Dörfern Triumphbogen errichtet worden waren. An jedem Haltepunkt mussten 305 frische Pferde zum Wechseln bereitstehen, was bei der Fahrt durch Bayern insgesamt mehr als 6000 Pferde ausmachte. Seit dem Jahr 1770, als Marie Antoinette auf ihrer Brautreise nach Frankreich denselben Weg genommen hatte und dem die Fahrt bewusst nachempfunden worden war, hatte man in Bayern nicht mehr auf Staatskosten solchen Prunk und Aufwand betrieben.

Über ihre Reise am 19. März gibt es nun in einem handschriftlichen Brief Marie-Louises folgende Stelle: "Wir hatten das herrlichste Wetter und die prächtigsten Gegenden, um 10 Uhr langten wir in Günzburg an, wo wir vom Prinzen Paul und von dem schlechtesten Frühstück, was ich in meinem Leben genossen hatte, empfangen wurde."

Eine genauere Abgleichung der Passage des Briefes mit den historischen Fakten führt zu dem Schluss, dass sich in dem Brief ein geografischer Fehler befindet und anstatt von "Günzburg" in Wirklichkeit von "Göppingen" die Rede war. Hierfür spricht erstens der zeitliche Abgleich mit den anderen Reisestationen: Marie-Louise fuhr am 19. März 1810 morgens aus München ab und frühstückte am selben Tag in Augsburg. Um elf Uhr abends desselben Tages kam sie in Ulm an, wo übernachtet wurde. Warum sie also in dem zwischen Augsburg und Ulm gelegenen Günzburg ein "Frühstück" eingenommen haben soll, ist unlogisch, weil es zum Zeitpunkt, als sie Günzburg passierte, Nachmittag gewesen sein muss.

Zweitens erzählt Marie-Louise in den Briefen an ihren Vater Kaiser Franz von ihrer Reise ausnahmslos chronologisch, das heißt, sie beschreibt die einzelnen Stationen in der Reihenfolge ihres Verlaufes von Wien nach Paris fortlaufend. Die erwähnte Passage mit "Günzburg" folgt unmittelbar nach der Übernachtung in Ulm, obwohl Günzburg ja östlich von Ulm liegt, die Reise aber von dort aus in Richtung Westen nach Stuttgart weiterging. Was aber nun zwingend die Tatsache untermauert, dass Marie-Louise das "schlechteste Frühstück ihres Lebens" in Wirklichkeit in Göppingen und nicht in Günzburg genossen hat, ist die Erwähnung des Empfanges durch den Prinzen Paul.

Bei der Fahrt der neuen Kaiserin des mächtigen verbündeten Napoleon durch Süddeutschland war es Staatsetikette, dass ein ranghoher Vertreter des jeweiligen Herrscherhauses die junge Braut an den Landesgrenzen empfing. Unweit von München wurde sie vom bayerischen Kronprinzen Ludwig an der badischen Landesgrenze vom Erbgroßherzog begrüßt. Göppingen nun war 1809 die erste größere Stadt auf württembergischen Gebiet nahe der bayerisch-württembergischen Grenze, die zu diesem Zeitpunkt zwischen Salach und Süßen verlief.

Dass Prinz Paul ihr mehr als 80 Kilometer auf bayerisches Gebiet entgegen gereist sein soll, ist mehr als unwahrscheinlich, da Sinn und Zweck seiner Mission es war, Marie-Louise als Repräsentant Württembergs auf württembergischem Gebiet zu begrüßen. Insofern kommt Göppingen und nicht Günzburg die Ehre zugute, das Napoleons zweite Frau dort "das schlechteste Frühstück ihres Lebens" genossen hat. Es ist dies - ohne Wenn und Aber - die Ehrenrettung der Günzburger Gastronomie von vor 200 Jahren.

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