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Krumbach

30.12.2015

Den Blick wieder mehr nach innen richten

Bruno Tenschert alias „Der Herr Polaris“ (Gitarre) und Markus Christ lockten mit feinsinnigen Melodien und Texten ein großes Publikum ins Luvo.
Bild: Marc Hettich

Krumbacher Stubenmusik: „Der Herr Polaris“ regt mit einfühlsamen Texten im Wiedemanns Keller zum Nachdenken an.

Das Tageslicht dringt spärlich durch die wenigen Fenster im Wiedemanns Keller. Stühle reihen sich brav aneinander, die Kerzen brennen noch nicht. Vor der Theke türmen sich Kisten mit Kabeln, Stativtaschen und anderer Technikkram. Heute wird Bruno Tenschert hier ein Konzert spielen. „Ich hab dich damals auf dem Spielplatz immer proben hören“, erinnert sich Daniel Erhard, einer der Stubenmusik-Macher, während er gerade eine der mächtigen Boxen durch das Luvo wuchtet. Auch Bruno erinnert sich.

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Man kennt sich, hier in Krumbach. Obwohl der Musiker damals, vor über 15 Jahren, Krumbach verließ, um in Augsburg sein Glück zu suchen – und zu finden. Mit einigen Freunden hat er das Indie-Label „In Gute Hände“ gegründet und der alternativen Musikszene der Fuggermetropole seinen unverkennbaren Stempel aufgedrückt. Der „Do it yourself“-Gedanke, einst in der rührigen Punkszene der 70er und 80er geboren, wird hier hochgehalten. Und darin findet sich, neben gemeinsamen Kindheitserinnerungen, auch ein weiterer Berührungspunkt mit der ambitionierten Konzertreihe „Krumbacher Stubenmusik“.

Hier wie dort ist das hehre Ziel, der Musik Raum zu bieten, alternative und subkulturelle Perlen aufzuspüren und ins Licht der Öffentlichkeit zu bringen. Und vor allem, die Liebe zur Musik gemeinsam mit anderen Menschen zu zelebrieren. Es ist sicher kein Zufall, dass mit Daniel Pain und Benni Benson schon zwei Weggefährten Bruno Tenscherts im Rahmen der „Stubenmusik“ auftraten. Letzterer eröffnete sogar im Dezember 2013 mit dem allerersten Konzert die Reihe.

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Mit dem neuen Song „Bier meiner Jugend“ eröffnet Bruno das mittlerweile zehnte „Stubenmusik“-Konzert. Sein Künstlername: „Der Herr Polaris“ ist der verbliebene Singular seiner früheren Band „Die Herren Polaris“. Trotzdem steht er heute nicht alleine auf der Bühne. Markus Christ sitzt – recht unscheinbar – in einer Ecke, in der er sich sichtlich wohl zu fühlen scheint.

Umgeben ist er von diversen Mikrofonen und Instrumenten, darunter eine Cajon und ein Flügelhorn. Auch er ist in der alternativen Musikszene kein Unbekannter: durch die legendären Kittie Empire oder auch sein Projekt KAZZ, bei dem er unter anderem mit der Augsburger Slam-Poetin Lydia Daher zusammenarbeitete, hat er sich längst einen Namen gemacht. Die von Brunos Gitarrenspiel getragenen Melodien veredelt er meisterhaft mit dezentem, oft unkonventionellem Einsatz. Diese Akzente verleihen dem Singer-/Songwriter-Pop, wie man ihn in diesen Tagen häufig hört, eine einzigartige Note. In Verbindung mit den für den Herren Polaris typischen Hall-Effekten und Brunos eindringlicher Stimme entsteht so ein fragiles Klanggemisch, dem man sich nur schwer entziehen kann.

So manchem Gast an jenem Abend im Luvo schien das zwar doch zu gelingen – das Luvo quoll nahezu über vor weihnachtlichen Besuchern. Im Gegensatz zu vergangenen Stubenmusik-Konzerten war die Geräuschkulisse diesmal daher entsprechend laut. Bruno nahm das gelassen: „Wir sind ja schließlich nicht bei einem Kirchenkonzert“. Wer dennoch hinhörte, wurde mit intelligenten, von feinsinnigen Wortspielereien durchzogenen Texten belohnt. Das gilt für die bekannten Songs der ersten Platte „Drehen und Wenden“: „Wir melden uns dann irgendwann schon“, singt Bruno in seinem gleichnamigen Hit. Aber auch die neuen Songs des kommenden Albums „Mehr innen als außen“ überzeugen nicht nur auf musikalischer Ebene. Das Themenspektrum hat sich erweitert.

Wo auf dem Vorgänger noch ein Schwerpunkt auf beziehungsbezogenen Befindlichkeiten lag, beschäftigt sich die zweite Platte auch mit gesellschaftsrelevanten Themen. „Heute wird man medial überrannt. Jeder hat zu jedem Thema eine Meinung. Ich würde mir wünschen, dass die Menschen ihren Blick wieder mehr nach innen richten und auf ihr Herz hören“, erläutert der Musiker.

Die Texte stammen aus seiner eigenen Feder und beruhen auf persönlichen Erfahrungen. Diese Tatsache spiegelt sich in der lebendigen Mimik auf Brunos in blaues Licht getauchtem Gesicht wieder. Er wirkt, als würde er die Begebenheiten, aus denen jede einzelne Zeile geboren wurde, noch einmal durchleben, wenn er sie mit geschlossenen Augen ins Mikrofon entlässt. Wie die wohlgesetzten Worte im Mikrofon, wird auch dieser Konzertabend nachhallen. Wie heißt es in „60 Stunden täglich“? „Bleib, bitte bleib // Du fühlst Dich nach zuhause an“. Stimmt. Der Abend mit dem Herrn Polaris im Luvo hat sich tatsächlich nach zuhause angefühlt.

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