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Oberbleichen

16.06.2017

Der „Dorfschneider“ und die „Postmarie“

Das Jubelpaar Anton und Maria Rampp zusammen mit den Gratulanten stellvertretender Landrat Dr. Josef Langenbach und Bürgermeister Norbert Weiß auf der Treppe, die sicher jeder ältere Bleicher schon einmal auf dem Weg zur Post, zum Lebensmittelladen oder zum Schneider benutzte.
Bild: Emil Neuhäusler

Das Leben von Maria und Anton Rampp ist ein Spiegelbild der deutschen Nachkriegsgeschichte.

Maria und Anton Rampp aus Oberbleichen feierten ihre Diamantene Hochzeit. Bereits mit 17 Jahren gab Maria mit der Zustimmung ihrer Mutter 1957 dem neun Jahre älteren Anton das Ja-Wort. Im Rückblick auf die gemein-samen 60 Jahre stellt das Jubelpaar fest, dass sie arbeitsreiche und oft schwierige Zeiten gut miteinander gemeistert haben.

Geboren in Klemensdorf bei Marienbad in Westböhmen wurde die Heimatvertriebene Maria am Josefstag 1946 als Sechsjährige mit der Mutter (der Vater war im Krieg gefallen) und der älteren Schwester auf dem Pferdefuhrwerk vom Lager in Krumbach nach Oberbleichen gebracht und bei Müller, später Lernhard, einquartiert.

In Unterbleichen besuchte Maria die Volksschule und half beim Bauer Schlachter mit. Nach der Schulzeit arbeitete sie in Handschuhfabriken in Ichenhausen und Krumbach, danach in der Matratzenfabrik Perz und zuletzt bei Gummi-Kraus. Aufregend, auch wenn es der damals einjährige Anton noch nicht wahrgenommen hatte, begann das Leben des heute 86-jährigen Jubilars: Als eines von sieben Kindern, die heute alle noch leben, fand er bei Tante und Onkel, die kinderlos waren, eine neue Heimat in Oberbleichen. Im Hause Rampp, bei den Dorfbewohnern mehr unter dem Hausnamen „Schneider“ bekannt, wuchs er auf, lernte Herrenschneider beim Schneider Bauer in Krumbach und machte sich dann als Dorfschneider von Bleichen selbstständig. Nebenbei führte er mit seinen Eltern den hauseigenen Lebensmittelladen, der im Jahre 1968 aufgegeben wurde. 1954 kam eine weitere Einnahmequelle hinzu: Die Rampps übernahmen die dörfliche Poststelle.

Den Einkauf im Lebensmittelladen übernahm Maria sehr gerne, da er Gelegenheit bot, in die Nähe von Anton zu kommen. Bald waren sie unzertrennlich. An den Sonntagnachmittagen durften sie zusammen ins Café nach Krumbach, besonders vergnüglich, wenn sie von Antons Freund, dem Mayer-Sepp, mit dem Auto dorthin kutschiert wurden. An Antons Namenstag am 13. Juni 1957 war es dann soweit: Sie heirateten beim damaligen Bürgermeister und Standesbeamten Erhard Böck in Unterbleichen und bezogen Quartier in der Wohnung der Eltern des Bräutigams. 1963, als die Familie mit drei Kindern komplettiert war, bekam Anton Arbeit als ziviler Kraftfahrer bei der Bundeswehr in Leipheim, bevor er in den 70er Jahren zur Firma Lingl in Krumbach wechselte. Ehefrau Maria führte jetzt die Poststelle und fuhr täglich mit dem Fahrrad die Post aus. Nach der Eingemeindung nach Deisenhausen gab es bald ein Postauto und so war sie noch schneller unterwegs. Wollte jemand einen Brief mitgeben, musste er schon mal das Taschentuch raushängen, damit die „Postmarie“ anhielt und den Brief mitnahm.

Auf dem Motorrad hatte sich 1957 das frisch vermählte Paar nach Altötting aufgemacht, um sich dort zwei Tage später das kirchliche Ja-Wort zu geben. Ostern 1958 legten sie sich das erste Auto zu, ein Goggomobil. Ganz offen stand die Welt, als der fahrbegeisterte Ehemann zwei Jahre später einen schwarzen Opel Rekord kaufte. Die erste Reise führte die beiden nach Südtirol, und von da an nahezu 60 Jahre reiste das Ehepaar – oft nur für ein paar Tage – mindestens einmal pro Jahr nach Dorf Tirol, wo sie vor zehn Jahren auch ihre Goldene Hochzeit feierten. Neben Beruf und Auto fand Anton immer noch Zeit, sich im Dorf zu engagieren. Viele Jahre spielte er in der örtlichen Musikkapelle das Tenorhorn und war Kassierer beim Schützenverein.

Zwischenzeitlich gehören fünf Enkelkinder und zwei Urenkel zur Familie. Die Jubilarin kümmert sich hingebungsvoll um alle, versorgt sich und ihren Mann, und die beiden freuen sich auch im hohen Alter immer wieder auf neue gemeinsame Unternehmungen. Auf das, was sie gemeinsam geleistet haben, sind sie stolz: „Wir hatten nie viel, aber das, was wir hatten, haben wir uns selbst erarbeitet“, betont die Jubilarin zufrieden. Und als Erfolgsrezept für eine glückliche Ehe gibt sie mit: „Man darf nie den Respekt voreinander verlieren!“

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