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Krumbach

27.05.2019

Die Blondine als Raubtier und das Aufblühen der Triebe

Sie demonstrierten eindrucksvoll, was die Unterhaltungsmusik der 20-er Jahre des vorigen Jahrhunderts zu bieten hatte: (von links) Gabriele Fischer-Berlinger, Florian L. Arnold, Alexandra Jörg, Frank Iacono, Oliver Radke und Dominik Wiedenmann.
Bild: Dr. Heinrich Lindenmayr

Wie Alexandra Jörg und ihre musikalischen Mitstreiter die 20-er Jahre auf der Stadtsaalbühne in Wohnzimmer-Atmosphäre funkeln ließen.

Eine bürgerliche Wohnzimmeratmosphäre deuteten die Möbel und Requisiten an beim Konzert „Nimm dich in Acht vor blonden Frau’n“ im Krumbacher Stadtsaal. In edler Kleidung saßen die drei Sprech- und Gesangsakteure beim Öffnen des Vorhangs am Kaffeetisch, verkörperten eine gepflegte, eine gediegene, eine geordnete Welt. Was sogleich als Musik aus dem Hintergrund kam, hatte diesen herrlich jazzigen Touch, der das geometrisch Gerade und das Starre bürgerlicher Kultur seit den 20-er Jahren des vorigen Jahrhunderts in Frage stellt. Die Erwartung war geweckt, mit der heilen Welt werde es bald vorbei sein und das trat ein, als Sängerinnen und Conferencier loslegten.

Jetzt dominierten freche Themen, die Warnung vor der blonden Frau als Raubtier, das Aufblühen der Triebe und des Zügellosen, die Sehnsucht nach dem unzivilisierten und also nicht verweichlichten Mann, die Arbeitsverweigerung, die Lust, etwas ganz und gar Verbotenes und Unmoralisches zu tun. Das macht den unverwechselbaren Charme der Musik der 20-er Jahre des vorigen Jahrhunderts aus, dass hier die Tabuverletzung zum Prinzip wird, alles aber keineswegs ernst gemeint ist. Es ist ein lustvolles Spiel, bei dem das Bösartige seinen Schrecken verliert, die Unschuld ungeniert mit dem Laster kokettieren kann. Hier verschwistern sich Jazz, Schlager und Chanson, das Kabarett und der schwarze Humor.

Eröffnet ist die ironische Jagd auf die gängigen Klischees. Es braucht versierte Akteure, die sich stilsicher in dieser raffinierten Mischung unterschiedlicher musikalischer Richtungen bewegen können. Alexandra Jörg und Gabriele Fischer-Berlinger verfügen beide über eine höchst wandelbare Stimme und eine große Portion Gespür. Sie lassen keine Pointe aus und scheuen keinen sängerischen Spagat. Das Zart-Einschmeichelnde beherrschen sie wie das Derb-Zupackende, die trompetenartige These wie die dezent-mokante Seitenbemerkung. Wie zwei ungleiche Schwestern treten die beiden auf, ähnlich gekleidet, die Bewegungen synchron. Den „Neandertaler“, mehr Tier als Mann, schmachten sie abwechselnd an, dass es eine wahre Freude ist. Das Körnchen Wahrheit, die Kritik am verweichlichten Mann, schimmert nur schwach durch, das allzu dick Aufgetragene wird lustvoll kredenzt.

Ein Rinderfilet im Lied

Deutlich wilder und dramatischer geht es zu, wenn Alexandra ihr „Stroganoff“ serviert. Das Gericht würzt die Sängerin stark und in der Phase, da das Rinderfilet gleich dem Ehebrecher in kleine Streifen zerhackt wird, da explodiert ihre Stimme, da tobt ihr Körper. Die Haare fliegen und das Publikum amüsiert sich königlich, weil sie im einen Augenblick Haare und Kleid in Ordnung bringt und im nächsten Moment alles wieder verwirrt.

Conferencier Florian L. Arnold schien der ruhende Pol in der Show zu sein, aber seine Gelassenheit täuschte. Er kostete die Chancen aus, all das Anstößige und Verquere zu steigern und zu potenzieren. Mehrfach Szenenapplaus für denjenigen, der normalerweise beim Konzert nur eine Hilfsfunktion erfüllt, das spricht für sich. Im Hintergrund postiert, aber keineswegs nur Zuarbeiter waren Dominik Wiedenmann (Piano), Oliver Radke (Bass) und Frank Iacono (Schlagzeug). Sie begleiteten absolut sicher, aber schufen sich permanent Freiräume zur Mitgestaltung. Und wie beim Jazz üblich, hatte jeder zwischendurch sein Solo und konnte seine Kunst vorführen. Wieder, wie schon im Januar an der Fachakademie, ein voller Saal für Alexandra Jörg und keiner der Anwesenden dürfte es bereut haben, trotz der vielen Angebote an diesem Maiabend der Verlockung der „Blonden Frau’n“ gefolgt zu sein.

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