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Ursberg

27.04.2018

Die Identität als von außen festgeschriebenes Schicksal

Das Stück „Andorra“ von Max Frisch wurde im Ursberger Kellertheater aufgeführt.
Bild: Christian Pagel

Ursberger Gymnasiasten führen „Andorra“ von Max Frisch im Kellertheater auf. Über den vorurteils- und klischeebehafteten Umgang miteinander.

Kürzlich brachten die Oberstufenkurse des Dramatischen Gestaltens („Theater und Film“) unter der Leitung von Sebastian Eberle eines der erfolgreichsten deutschen Theaterstücke auf die Bühne des Kellertheaters am Ringeisen-Gymnasium: „Andorra“ von Max Frisch. Das 23-köpfige Ensemble meisterte die Herausforderung, dem Publikum das sehr anspruchsvolle Theaterstück, das den vorurteilsbehafteten und klischeebedingten Umgang der Menschen miteinander als allgemein menschlichen Fehler behandelt, zu präsentieren. Das 1961 uraufgeführte Stück handelt von dem Judenjungen Andri (Maximilian Weilbach), der mit seiner Schwester Barblin (Carolin Sandner) und seinen Adoptiveltern (Tanja Seitz und Alexander Zimmer) in dem fiktiven Kleinstaat Andorra lebt. Da die andorranische Gesellschaft von antisemitischen Vorurteilen durchsetzt ist, spitzt sich die Lage um Andri zu, der sich zunehmend verunsichert zeigt.

Der widerwillige Tischler (Daniel Mairhörmann) und sein hinterlistiger Geselle (Uta Sirch) versuchen Andri seine Tischlerlehre auszureden, indem sie ihm immer wieder sagen, er habe das Tischlern nicht im Blut. Aber auch von anderen Seiten – durch die vorurteilsbehafteten Äußerungen der Doktorin (Tina Endres) oder die Beleidigungen des Soldaten Peider (Alexander Dempf) – wird Andri mit vorgefertigten Bildern von sich selbst konfrontiert. Als schließlich auch noch der Pater (Florian Kramer) in mehreren Gesprächen auf Andri Einfluss nimmt, erkennt er seine „Identität“ an – ganz im Sinne einer selbsterfüllenden Prophezeiung.

Andris Situation in Andorra beginnt zu eskalieren, als er um die Hand Barblins anhält, aber von seinem Pflegevater aus noch unklaren Gründen zurückgewiesen wird. Durch das Auftreten der geheimnisvollen Senora – sehr gefühlvoll von Sabrina Schmid gemimt – die sich sehr bald als leibliche Mutter Andris entpuppt, wird klar, dass Andri kein Jude ist. Den Andorranern gelingt es jedoch nicht, ihre eingefahrenen Ansichten zu verändern, was letzten Endes dazu führt, dass Andri von seinen Mitbürgern nach der Eroberung Andorras durch die antisemitischen „Schwarzen“ als Jude denunziert wird. Das berührende Ende des Dramas stellt eine Judenschau dar, in der ein Judenschauer, welcher durch Paula Linhart ausdrucksstark und authentisch dargestellt wurde, Andri als Juden „identifiziert“ und ihn abführen lässt. Im emotional zugespitzten letzten Bild gelang es vor allem Jennifer Schuster (Wirt) und Tanja Seitz (Mutter), die ergreifende Stimmung eindringlich zu transportieren.

Die rahmende Inszenierungsidee folgte dem Gedanken, dass alle Andorraner sprichwörtlich Blut an den Händen kleben haben, obwohl sie immer wieder jegliche Schuld an Andris Schicksal von sich weisen – ihre Hände also in Unschuld waschen möchten. Dies wurde optisch wirksam veranschaulicht, indem das vorher weiße Bühnenbild sukzessive von den Darstellern mit an ihren Händen klebendem (Theater-)Blut verschmiert wurde. Mit dem Applaus sowie den positiven Rückmeldungen der zum Nachdenken angeregten Zuschauer wurden die Schauspieler belohnt. zg

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