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Thannhausen

11.10.2014

Die KZ-Häftlinge selbst ausgesucht

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Moderne Raketen – aber zu welch schlimmem Preis? Über die Rolle von Wernher von Braun (Mitte) in der Nazizeit wird derzeit in Thannhausen kontrovers debattiert. Unser Anfang der 1960er-Jahre entstandenes Bild zeigt ihn mit Präsident John F. Kennedy (rechts).
Bild: dpa

Historiker Jens-Christian Wagner durchleuchtet dunkle Seiten Wernher von Brauns

Es war nur eine kleine Gruppe, die der Einladung der Thannhauser SPD gefolgt war, um sich den Vortrag des angesehenen Historikers Dr. Jens-Christian Wagner über Wernher von Braun anzuhören. Die SPD hatte nach den ersten Überlegungen zur Umbenennung der Wernher von Braun-Straße Anfang des Jahres auf mehr Information gesetzt, erläuterte Gerd Olbrich, und hatte den hochkarätigen Braun-Kenner eingeladen. Dessen Vortrag „Zur Person Wernher von Braun – als Namensgeber für eine Straße noch tragbar?” ließ die Bewertung bereits erahnen.

Im Rahmen einer Umfrage der Stadt konnten sich Bürger zu von Braun äußern. Die Anwohner haben ihren Willen bekundet, den Namen beizubehalten. Die Stadtratsmehrheit sprach sich im April dafür aus, den Namen beizubehalten. Das könnte durchaus noch einmal überdacht werden müssen, meint die SPD. Bürgermeister Georg Schwarz antwortete auf die Frage, wo er persönlich stehe, er sei für die Beibehaltung des Straßennamens, es wäre ja ganz etwas anderes, wenn es sich um jemanden handeln würde, der sich wirklich persönlich schuldig gemacht habe. Der Bürgermeister war später zur Veranstaltung gekommen und hatte den Vortrag und damit auch die vorgetragenen Fakten zu von Brauns ganz persönlicher Schuld nicht gehört.

Die hatte der Historiker Jens-Christian Wagner, ehemaliger Leiter der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora und inzwischen Leiter der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten, mit verschiedenen Dokumenten belegt.

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Von Braun (1912 bis 1977), geboren in Wirsitz in der damaligen Provinz Posen, stammte aus einer nationalkonservativen Junkersfamilie. Er begeisterte sich schon früh für Raketen. Bereits 1932 (mit 20 Jahren) geht er in die Reichswehr, immer mit dem Fokus auf die Raketenentwicklung, die er ab 1936 in Peenemünde realisiert. Mit gerade 25 Jahren wird er dort technischer Direktor, hat über 1000 Menschen unter sich, davon viele Zwangsarbeiter aus dem KZ Ravensbrück.

Die Produktion der Rakete wurde 1943 nach Nordhausen im Harz verlegt. Dort bestand ein Stollen, vorgesehen als Treibstofflager: Dora-Mittelbau. Insgesamt 60000 meist KZ-Häftlinge wurden unter der Verantwortung von Wernher von Braun in die stockdunklen, extrem feuchten, eisigen Stollen gezwungen, wo sie ohne Sanitäranlagen, ohne richtige Kleidung, oft sogar ohne Schuhe leben und arbeiten mussten. Rund 20000 fanden den Tod.

Von Braun, auch Mitglied der SS, wurde von Hitler mit einem Professorentitel gewürdigt. Im Zuge des Kalten Krieges machte von Braun nach 1945 in den USA rasch Karriere, er wurde zum vielfach gefeierten Entwickler der Mondrakete. Das Referat brachte zum Ausdruck, dass dabei Verbrechen aus dem Blickwinkel gerieten. Es habe bei von Braun keine Schuldeinsicht, Reue oder gar eine Entschuldigung bei seinen Opfern gegeben.

In der nachfolgenden Diskussion vertraten einige Teilnehmer eine deutlich andere Position als der Referent. Sie verteidigten Wernher von Braun und seine Tätigkeit mit Blick auf den Thannhauser Straßennamen. Der ansonsten äußerst besonnene Wissenschaftler wurde schließlich deutlich: „Wenn ich höre, dass KZ-Tote als ,Kratzer am Lack´ bezeichnet werden, ist das eine Unverschämtheit gegenüber den Opfern!” Und Mine Waltenberger-Olbrich setzte dem noch eines drauf: 20000 Tote als „Bätzele“ zu bezeichnen sei unerhört. „Braun ist nachweislich verantwortlich. Braun hat ausgesucht und selektiert.” Wagner hatte nachgewiesen, dass von Braun für die Produktion „seiner” Raketen die KZ-Häftlinge teils selbst ausgesucht, teils nach einem von ihm errechneten Schlüssel angefordert hatte, dazu kam ein kleiner Teil Zivilarbeiter. Bis zu 10000 Menschen gleichzeitig arbeiteten unter grausamen Bedingungen im Stollen.

Dies war lange unbekannt. Deshalb könne man den Räten, die einst den Namen des Raketenentwicklers für eine neue Straße passend fanden, keinen Vorwurf machen. Wagner schilderte, wie es von Braun gelungen war, seine schmutzige Vergangenheit zu übertünchen. Zu Kriegsende bot er den Amerikanern seine Dienste an und strickte an seiner Legende des Ingenieurs, der allein für die Wissenschaft und Technik arbeitet, ohne Bezug zur Politik.

Der Kalte Krieg machte es leicht, die Vergangenheit zu ignorieren. So wurden Proteste in der USA schnell abgewürgt. In Westdeutschland kam von Braun zugute, dass seine Wirkungsstätten hauptsächlich auf DDR-Gebiet lagen. Seine Idealisierung zur Lichtgestalt deutscher Ingenieurskunst und Überlegenheit machte Deutschland sogar indirekt zum Eroberer des Mondes. Von Braun in Deutschland verehrt, 1963 erhielt er, noch immer Professor von Hitlers Gnaden, das Bundesverdienstkreuz.

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