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Landkreis Günzburg

13.08.2016

Die Kräuterfrau aus Wattenweiler erklärt einen altehrwürdigen Brauch

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Die heimische Kräuterexpertin Anni Böck präsentiert einen schwäbischen Kräuterbuschen.
Bild: Johanna Seitz

Für Mariä Himmelfahrt werden vielerorts fleißig Kräuterbuschen gebunden. Welche Geschichte sie haben und warum eine Rose nicht fehlen darf.

Es war einmal ein Arzt aus Wattenweiler, der nach München ging, um zu heiraten. Bevor er sein Heimatdorf verließ, ermahnte er die Bewohner: „Vergesst die Weihbuschel nicht!“

Diese Geschichte weiß Anni Böck zu erzählen. Bis heute nimmt sie sich den Rat des Arztes zu Herzen und gibt ihre Kenntnisse begeistert weiter. „Die Kräuter sind für mich eine ganz große Liebe, immer schon und mittlerweile noch intensiver.“ Anlässlich des kirchlichen Festtages Mariä Himmelfahrt, der am Montag, 15. August, gefeiert wird, werden vielerorts fleißig Kräuter gesammelt und kunstvoll zusammengebunden. Wie man einen traditionellen schwäbischen Kräuterbuschen bindet, hat Anni Böck von ihrer Großmutter gelernt. Seitdem führt sie die Tradition weiter.

Das Brauchtum lässt sich weit zurückverfolgen, denn früher waren Kräuter die einzigen Heilmittel der Menschen. Ihre Wirkung wurde bereits von antiken Botanikern erarbeitet, später baute man die Heilpflanzen auch in Klöstern an. Dort wurde das wertvolle Wissen schließlich in Kräuterbüchern aufgeschrieben. Die praktische Anwendung fand vor allem in den Dörfern statt. „Dort gab es sogenannte Kräuterweibla, so wie ich auch eins bin“,sagt Anni Böck und lacht. Das waren Frauen und in seltenen Fällen Männer, die sich sehr gut mit Kräutern auskannten. Sie sammelten die heilenden Pflanzen und halfen den Menschen bei Krankheiten und Verletzungen. „Im Sommer wurden die Kräuter gesammelt, zusammengebunden und getrocknet. So dienten und dienen sie als Heilmittel für Mensch und Tier“, erklärt die Kräuterexpertin. Um Krankheiten bei Menschen zu heilen, wurden die Pflanzen zerrieben und ins Essen gegeben, oft trank man sie auch als Tee. Den Tieren streute man ebenfalls die getrockneten Kräuter ins Futter. „Außerdem verbrannte man bei Gewittern Teile der Weihbuschen, um Blitz und Donner fernzuhalten. Dasselbe geschah an Weihnachten. Um die Tiere mit einzubeziehen, bekamen sie zur Feier der Geburt Jesu Kräuter zu fressen“, erzählt Anni Böck.

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Ab dem zehnten Jahrhundert schließlich spielten die Kräuterbuschen auch in der katholischen Kirche eine Rolle. Durch die Segnung an Mariä Himmelfahrt wurden sie zu Weihbuschen. Die zuvor nur als „Apotheke“ gebrauchten Pflanzen erhielten somit einen besonderen Status, ihre Tradition ist seitdem eng mit dem kirchlichen Festtag verknüpft. „Eine Zeit lang war die Segnung allerdings verboten, da die Buschen als Hexenwerk galten“, weiß die Kräuterexpertin. Nach der Weihe hängte man die Kräuterbuschen früher in den Dachboden, um sich vor Bösem zu schützen. Heute finden sie häufig im Gang oder im sogenannten „Herrgottswinkel“ Platz. Mit Mariä Himmelfahrt beginnt der „Frauendreißiger“, der bis zum 12. September dauert. „In dieser Zeit ist die Wirkung der Kräuter im Vergleich zum restlichen Jahr vervielfacht“, sagt Anni Böck.

Um einen Kräuterbuschen zu binden, benötigt man entweder sieben bis 77 oder neun bis 99 verschiedene Kräuter. „Das sind magische Zahlen in der Kräuterkunde. Dazwischen kann man einfach so viele Arten verwenden, wie man findet“. Ein Kräuterbuschen besteht aus vielen verschiedenen Heil-, aber auch Küchen- und Gewürzkräutern. Die Mitte bildet immer eine Wetterkerze, die auch als Königskerze bekannt ist. Sie soll Gewitter abwehren. Um sie herum werden ungefähr drei Getreidesorten gebunden, an die sich eine Rose anschließt. „Das ist typisch schwäbisch. Die Farbe der Blütenblätter ist egal. Sie steht als Symbol für die Mutter Gottes, da beide als Königin der Blumen gelten“, erklärt Böck. Danach folgt eine Vielzahl an Kräutern. Anni Böck kennt deren Wirkung sehr gut. „Johanniskraut ist der Sonnenschein für die Seele. Rosmarin für die Liebe im Herzen, der Frauenmantel legt einen Mantel um alle Frauenkrankheiten.“ Häufig verwendet werden außerdem Kamille, Zitronenmelisse, Pfefferminze, Schafgarbe, Goldrute, Ringelblume, Sonnenhut, Fenchel, Spitzwegerich, Salbei und noch viele mehr. Für Farbtupfer im Weihbuschen sorgen beispielsweise kleine Dahlien, Astern und Phlox.

Auf gar keinen Fall darf man laut der Kräuterexpertin Gladiolen hineinbinden. „Das sind reine Zierpflanzen, die gehören nicht in den Kräuterbuschen.“ Den Abschluss bilden einige Haselnussblätter. „Eine Legende erzählt, dass die Mutter Gottes bei einem Gewitter mit dem Jesuskind unter einem Haselnussstrauch Schutz fand. Deshalb gehört auch diese Pflanze dazu“, erklärt Anni Böck.

Sie ist überzeugt: „Der Weihbuschen wird bei jedem anders und bei jedem wird er schön.“ Egal ob wild, lose oder eng gebunden. Mit Freude beobachtet die Kräuterliebhaberin, dass sich immer mehr junge Menschen wieder für dieses Brauchtum interessieren. „Ich möchte die Tradition weitertragen, denn das Wissen über Kräuter ist auch heute noch wichtig.“

Zurzeit ist Anni Böck in vielen Dörfern unterwegs und zeigt, wie man einen schwäbischen Weihbuschen so wie zu früheren Zeiten bindet.

Kreisheimatstube Wer selbst sehen will, wie es geht, kann das am Sonntag, 14. August, in der Kreisheimatstube in Stoffenried tun. Dort führt Anni Böck von 14 bis 17 Uhr das Binden traditioneller schwäbischer Kräuterbuschen vor.

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