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Mundart

24.01.2012

Die „Mär“ vom besseren Deutsch

Dialektsprecher wachsen quasi zweisprachig auf. Standarddeutsch ist praktisch die Geschichte der Mundarten

Niederraunau Dialekt sprechen spaltet noch immer die Gemüter. Spürbar wurde dies jüngst im Artikel „Auf gut Schwäbisch“, in dem Studentin Jasmin Krist dem Dialekt auf der Spur ist und im Leserbrief von Thomas Bäurle, der Dialekt sprechenden Schülern Schwierigkeiten beim Fremdsprachenerwerb zuschreibt. Mit einer Stellungnahme schaltet sich nun die Dialektforscherin Dr. Edith Burkhart-Funk aus Niederraunau in die Diskussion ein.

„Sprachvergleiche zeigen, dass bei allen Sprachen, auch bei früher als ‚primitiv’ bezeichneten, Komplexität und Differenziertheit in etwa gleich groß sind“, erklärt die 55-jährige Niederraunauerin. „Ein ‚einfaches’ beziehungsweise kaum noch vorhandenes Wortbeugungssystem geht häufig mit einem hoch komplizierten Satzbau einher, wie zum Beispiel im Englischen oder bei unseren süddeutschen Dialekten. Das einfache Zeitsystem im Schwäbischen wird durch ein vielfältiges Zeitadverbiensystem sowie durch textlinguistische Mittel kompensiert, über die das Hochdeutsche nicht in gleicher Weise verfügt. Das Vokalsystem unserer Dialekte ist hoch kompliziert, das der Standardsprache dagegen simpel“, führt Burkhart-Funk weiter aus. Die Sprachwissenschaftlerin hat mehrere Bände des Sprachatlas Bayerisch-Schwaben publiziert und ist seit 2004 in der Kommission für Mundartforschung an der Bayerischen Akademie für Wissenschaften.

Ähnliches gelte auch für den Wortschatz. Burkhart-Funk: „In bestimmten Bereichen, zum Beispiel moderner technischer Entwicklungen, gibt es gar keine Dialektausdrücke, während der Alltagswortschatz der Mundarten sehr wohl häufig viel farbiger und facettenreicher ist als das Standarddeutsche. Übrigens sind Wörter mit einer großen regionalen Verbreitung, wie der zitierte „Semmel“, deswegen nicht weniger Dialektwörter als nur kleinräumig verbreitete, wie der „Wecken“, das „Brötle“ oder das „Röggle“. Das Standarddeutsche schöpft viel mehr Wortschatz aus den Mundarten als umgekehrt: Das sogenannte Hochdeutsche gibt es überhaupt erst seit etwa zwei-, dreihundert Jahren, als ein weitreichendes Verständigungsmittel zu einem Bedürfnis wurde, und zwar als ein Konglomerat, eine Art „Kompromiss“ aus allen möglichen deutschen Dialekten. Die Mundarten dagegen sind das Ergebnis einer jahrtausendealten Entwicklung aus dem Germanischen beziehungsweise Indogermanischen. Die Geschichte des Standarddeutschen ist nichts anderes als die Geschichte der deutschen Mundarten.“

Dialektologin Burkart-Funk wägt auch ab: „Je nach Situation ist Dialekt oder Hochsprache das ‚richtige’ sprachliche Register. Im familiären und zwischenmenschlichen Bereich, im Umgang mit Freunden, Nachbarn, den Bewohnern der heimischen Region ist sicher die Mundart oder eine mundartnahe Sprechweise das angemessene Register, während in formellen Situationen oder im Umgang mit Fremden die Standardsprache das korrekte Mittel ist. Studien belegen, dass Lehrer Dialekt sprechende Kinder schlechter einschätzen als hochdeutsch sprechende. Auch das Vorurteil, Dialekt sprechende Kinder täten sich schwerer beim Erwerb der Standard- oder einer Fremdsprache, wurde von Hirnphysiologen und Didaktikern widerlegt. Vielmehr wachsen Dialektsprecher quasi zweisprachig auf, erwerben von Anfang an zwei unterschiedliche Grammatiken, was sich auf die Entwicklung des Gehirns positiv auswirkt.“

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