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Krumbach

27.02.2018

„Die Personalknappheit rächt sich jetzt“

Helga Springer Cloning (Ortsvorsitzende Verdi Günzburg) und Stefan Bagel (Verdi Augsburg) beim Gespräch mit GZ-Redaktionsleiter Till Hofmann.

Die Gewerkschaft Verdi sieht das Gesundheitssystem kurz vor dem Kollaps und kritisiert die Empfehlung des Kreisausschusses.

Das Gesundheitssystem geht nach Ansicht der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi wegen der Grippewelle derzeit „quer durch Schwaben in die Knie“. Selbst die Notfallversorgung stehe auf der Kippe, sagt Gewerkschaftssekretär Stefan Jagel (Verdi-Bezirk Augsburg). Wie berichtet, mussten wegen einer massenhaften Erkrankung der Beschäftigten im Kreiskrankenhaus Günzburg bis einschließlich Mittwoch geplante Operationen verschoben werden. 80 Personen, vom Reinigungspersonal bis zum Arzt, waren vergangenen Donnerstag krankgemeldet. Das ist etwa jeder fünfte Krankenhausmitarbeiter. Damit war der Punkt erreicht, an dem der Direktor Klinikmanagement die adäquate Versorgung der Patienten nicht mehr garantieren konnte.

„Vor zehn Jahren hat man eine solche Grippewelle unter den Beschäftigen im Betriebsablauf gespürt und man konnte die Auswirkungen kompensieren. Vor fünf Jahren hat man sie deutlich gemerkt. Und jetzt sind wir nahe am Zusammenbruch“, macht Jagel den Unterschied deutlich, der im kontinuierlichen Personalabbau seine eigentliche Ursache habe. Verdi-Ortsvorsitzende Helga Springer-Gloning, in Personalunion auch Personalratsvorsitzende am Kreisklinikum in Günzburg, formuliert die Konsequenz dieser Entwicklung: „Die aktuellen Probleme sind in gewisser Weise hausgemacht. Wir haben keine Pufferzone mehr. Die Personalknappheit rächt sich jetzt.“

Ein hauseigenes Sofortprogramm

Gestern traf sich die zwölf Köpfe umfassende pflegerische Kommission im Klinikum Günzburg, um zu besprechen, wie in den beiden Kreiskrankenhäusern in Günzburg und Krumbach das hauseigene Sofortprogramm umgesetzt werden kann mit dem Ziel, den unterbesetzten Pflegebereich zu entlasten.

Bisher war bereits vereinbart worden, dass drei Betten in den jeweiligen Stationen wegen des Personalmangels gesperrt werden. Von Jahresbeginn an sollte diese Maßnahme bis zum 23. März aufrechterhalten werden. Allerdings war das durch die vielen aufgenommenen Patienten in der Grippezeit nicht möglich. „Wir haben Zugeständnisse gemacht. Und deshalb wird diese Frist auch verlängert werden. Wie lange, kann ich im Augenblick nicht sagen“, so Springer-Gloning am Montagnachmittag gegenüber unserer Zeitung.

Zwei weitere Bestandteile sind in das Sofortprogramm dem Vernehmen nach aufgenommen worden. Fortan sollen alle Arztvisiten bis zwölf Uhr abgeschlossen sein. Davon ausgenommen sind die Notfälle. Die Gewerkschaft verspricht sich davon eine Entlastung der Krankenschwestern und der Pfleger. Denn so könnten die Anordnungen der Ärzte vom besser besetzten Frühdienst rechtzeitig umgesetzt werden. Der Spät- und der Nachtdienst müssten nicht tätig werden. Außerdem ist die Bildung zweier Arbeitsgruppen vereinbart worden, die bis Mitte April erste Ergebnisse liefern sollen. Die eine beschäftigt sich damit, ein verbindliches Ausfallkonzept zu erarbeiten. Verdi wünscht sich, dass sich so etwas schriftlich in einer Dienstvereinbarung niederschlägt und nicht nur in mündlichen Absprachen in Einzelfällen. In der anderen Gruppe wird zusammengestellt, wie der Gesundheitsschutz und die Entlastung des Klinikpersonals aussehen könnte. Ein altersgerechtes Arbeiten und der Abbau von Stress sind zwei der Themen, die behandelt werden.

Kreisausschuss will kein zusätzliches Geld ausgeben

Keinerlei Verständnis zeigten die Verdi-Vertreter für die Entscheidung des Kreisausschusses. Der hatte vor Wochenfrist mehrheitlich den gemeinsamen Antrag von SPD und Grünen abgelehnt, der Landkreis möge 2018 und 2019 insgesamt 800000 Euro in die Hand nehmen. Mit dem Geld sollten zusätzliche Pflegekräfte finanziert werden. 2021, so die Hoffnung, ist durch eine dann vorhandene gesetzliche Personalbemessung Besserung in Sicht – sofern die Koalition in Berlin kommt. Ob der Landkreis tatsächlich beim Nein bleiben wird und kein Geld in die Hand nimmt, ist nicht sicher. Der Kreisausschuss hat dies dem Kreistag zwar empfohlen. Aber der hat das letzte Wort.

Bereits zuvor hatte der Kreisvorstand des Deutschen Gewerkschaftsbundes das Abstimmungsergebnis überaus kritisch bewertet. „Unfassbar“, „unglaublich“ „ungeheuer“ waren einige der Begriffe, die in der jüngsten Vorstandssitzung in Ichenhausen fielen. „Entweder haben die immer noch keine Ahnung, was in unseren Kliniken derzeit abgeht, oder der Pflegenotstand ist der Kreis-CSU aus parteitaktischen Gründen ziemlich gleichgültig“, so eine Sitzungsteilnehmerin.

DGB-Kreisvorsitzender Werner Gloning, der den gemeinsamen Antrag von SPD und Grünen in seiner Eigenschaft als Kreisrat mitformuliert hatte, zeigte sich tief enttäuscht. „Zuerst öffentlich geäußertes Verständnis für die Probleme der Pflege und dann dieses Abstimmungsverhalten. Das passt nicht zusammen“, so Gloning.

Landrat Stefan Rößle war entrüstet

Dass es auch anders gehen kann, habe der Kreis Donau-Ries bewiesen, so Jagel. Dort hat nach unseren Recherchen der Verwaltungsrat des gemeinsamen Kommunalunternehmens Kliniken und Seniorenheime Donau-Ries vergangenen Oktober einstimmig beschlossen, noch 2017 eine Million Euro zur Verfügung zu stellen. Hintergrund: Auf den Stationen konnten kaum noch vier, zwei und ein Mitarbeiter für die jeweilige Schicht gestellt werden. Und Krankenschwestern seien drauf und dran gewesen, sich wegzubewerben. Deshalb habe man das Geld in die Hand genommen, auch auf die Gefahr hin, betriebswirtschaftlich in den roten Zahlen zu landen. Landrat Stefan Rößle gegenüber unserer Zeitung: „Es war eine gute Aktion und eine schwierige Suche. Aber die 20 zusätzlichen Stellen, die wir schaffen konnten, sind inzwischen fast alle besetzt.“ Jagel berichtet, dass sich der Donau-Rieser Landrat unangemeldet die Arbeitsbedingungen im dortigen Kreiskrankenhaus angeschaut hat. Er sei entrüstet gewesen über das, was er zu Gesicht bekommen habe. „So etwas würde ich mir von unserem Landrat auch wünschen“, sagt Springer-Gloning.

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