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Krumbach

21.10.2017

Die Sprache ist der Schlüssel

Mohammad Anwari kommt aus Afghanistan. Nach dreieinhalb Jahren in Deutschland legte er als 20-Jähriger das Fachabitur an der Fos Krumbach. Jetzt studiert er Medizintechnik.
Bild: Silvia Eisenlauer

Wie es Mohammad Anwari aus Afghanistan so schnell geschafft hat, sein Fachabitur in Krumbach zu machen.

Keine Frage, der Filter am Ende der zwölften Klasse ist eng an der Fachoberschule (FOS) in Krumbach. Nicht wenige entscheiden sich deshalb, die Abschlussklasse zu wiederholen, um einen besseren Notendurchschnitt und damit auch bessere Chancen auf der Suche nach einem Studienplatz zu haben. Diese Entscheidung fällte im Juli vergangenen Jahres auch Mohammad Anwari. Der Unterschied zu seinen Mitschülern: Der damals 20-Jährige Afghane war gerade einmal seit dreieinhalb Jahren in Deutschland gewesen, als er im Schuljahr 2015/16 das erste Mal das Fachabitur ablegte. Heute, Mitte Oktober 2017, erzählt er als frischgebackener „Ersti“ der Medizintechnik (Student im ersten Semester) über seine Zeit an der Krumbacher FOS und darüber, wie diese durch seine Flucht aus Afghanistan und dem Iran geprägt war.

Doch wie kam Mohammad überhaupt an die Krumbacher Schule? „Eigentlich wollte ich nach der Mittelschule eine Ausbildung machen, irgendwas mit Computer“, erzählt er. Die Berufsberaterin habe ihm dann aber dazu geraten, auf eine weiterführende Schule zu gehen und schlug ihm den Agrarzweig an der FOS in Augsburg vor. „Da habe ich mich dann gefragt: Will ich jetzt Bauer werden?“, schmunzelt Mohammad. Er recherchierte, holte sich Rat von Bekannten; dann fiel die Entscheidung: Technik-Zweig, FOS-Krumbach. Täglich pendelte Mohammad von seinem Wohnort Dinkelscherben dorthin, entweder mit den Söhnen der Nachbarn oder mit den öffentlichen Verkehrsmitteln. „Das war eine halbe Weltreise. Zuerst mit dem Zug nach Gessertshausen und dann von dort mit dem Bus nach Krumbach.“

In der Schulgemeinschaft selbst fand Mohammad sehr schnell seinen Platz, knüpfte Kontakte zu Mitschülern und wusste die familiäre Atmosphäre an der Schule zu schätzen. „Das Problem war einfach immer noch die Sprache“, erinnert er sich. „Rechnen, das ist mein Ding, das war schon immer so. Aber ich hab einfach manchmal die Aufgabenstellungen nicht richtig verstanden.“ Dabei hat er schnell nach der Ankunft in Deutschland damit begonnen, Deutsch zu lernen. Nachdem er und seine zwei jüngeren Schwestern von den Eltern getrennt worden waren, kamen die drei Geschwister in ein Heim für Jugendliche in Nördlingen. „Da waren wir dann mit unserer Betreuerin am Nachmittag mal in einem Café. Da hörte ich am Nachbartisch, wie ein paar Jugendliche miteinander redeten und lachten. Ich hab mich dann ständig gefragt, worüber sie wohl reden. Das hat mich so genervt, dass ich kein Wort verstanden habe“, erinnert er sich. Außer einem wenige Stunden umfassenden Crashkurs gab es keine Angebote. Danach zapfte Mohammad alle ihm zur Verfügung stehenden und akquirierbaren Ressourcen an: Internetwörterbücher, YouTube-Videos, Zeitungen, Bücher, Fernsehsendungen. „Ich hab Tag und Nacht Deutsch gelernt und immer wieder zu meinen Schwestern gesagt: Wir brauchen die Sprache.“ Dass die Sprache nicht nur der Schlüssel zur gelingenden Integration, sondern auch zu schulisch-akademischem und beruflichem Erfolg ist, wurde Mohammad spätestens dann klar, als in der zwölften Klasse ein Referat über Kafkas Roman „Die Verwandlung“ anstand. Der erste Lektüredurchgang sei sehr deprimierend gewesen. „Ich hatte das Buch gelesen und nicht wirklich eine Ahnung, worüber es geht“, sagt Mohammad heute lachend. „Ich bin so froh, dass ich von meiner Deutschlehrerin Frau Plank viel Unterstützung bekommen habe.“

Die Sprache ist der Schlüssel

Dass es beim ersten Mal mit dem Fachabitur trotzdem nicht so ganz nach Plan lief, lag laut Mohammads Selbsteinschätzung dann auch nicht mehr primär an der Sprache. „Ich hab wahrscheinlich einfach zu viel gearbeitet“, gibt er selbstkritisch zu. Wie sein Vater, suchte auch Mohammad sich bald einen Job. Schicht- und Wochenendarbeit waren schnell keine Seltenheit mehr. Aber die Arbeit machte Spaß und mit dem Umzug der Familie vom Asylbewerberheim in die selbstfinanzierte Mietwohnung tat ein zusätzlicher Verdienst gut.

Nach dem bestanden Fachabitur im Sommer diesen Jahres stand dann die Studienplatzsuche an. Letztlich entschied Mohammad sich für das Bachelor-Studium der Medizintechnik an der Hochschule in Ulm. Dabei spielte seine Lebensgeschichte eine große Rolle: „Die Menschen in meiner Heimat brauchen unbedingt neue Technologien in der Medizin. Vielleicht kann ich da ja mal etwas bewegen.“ Das Fundament für seine ganz persönliche Mittlerrolle zwischen West und Ost hat Mohammad bereits geschaffen, indem er in wirtschaftlichen aber auch privaten Kreisen als Übersetzer einspringt. „Die Kontakte sind da, mein Studium soll mir den fachlichen Hintergrund geben.“ Die Sprache ist für Mohammad also längst nicht mehr nur der Schlüssel zur gelungenen Integration in seiner neuen Heimat, sondern auch die Brücke zu seiner alten Heimat.

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