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Thannhausen

10.09.2019

Die jüdische Geschichte von Thannhausen dargestellt

In der Stadionkapelle in Thannhausen stellte Pfarrer Karl B. Thoma seines neues Buch „Judengasse“ vor. Unser Bild zeigt ihn zusammen mit dem Vorsitzenden des Heimatvereins Thannhausen, Manfred Göttner (rechts) bei der Wiedergabe einiger Kostproben aus seinem Werk.
Bild: Werner Glogger

Pfarrer Karl B. Thoma stellt beim Tag des offenen Denkmals sein neues Buch „Judengasse“ in Thannhausen vor.

Der Tag des offenen Denkmals am Sonntag war geradezu geeignet für eine besondere Veranstaltung in der Stadionkapelle in Thannhausen. Der gebürtige Thannhauser Pfarrer Karl B. Thoma, stellte sein neues Buch „Judengasse“ vor. Aus Kindheitsfragen zur jüdischen Geschichte und Kultur, Antisemitismus, Judenverfolgung und Vernichtung, Leben in einer Diktatur und die Frage nach der Möglichkeit, aus der Geschichte zu lernen ist bei Thoma ein lebenslanges Interesse erwachsen.

Diese Themen ziehen sich gleich einem roten Faden durch dieses Buch, denn über Jahrzehnte hinweg sammelte der Autor persönliche Erfahrungen, Ereignisse, Begebenheiten und interessante Details und schrieb sie in 64 Einzelabschnitten in seinem Buch auf.

Vorab gab Heimatvereinsvorsitzender Manfred Göttner einen Einblick in die Entstehung der Kirche. Aus der im Jahre 1627 von den erstmals 1541 in Thannhausen erwähnten Juden erbaute und 1719 abgerissenen Synagoge entstand bald darauf die heutige Kapelle, im Volksmund auch „Judenkapelle“ genannt. Sie wurde am 28. Oktober 1722 dem heiligen Simon und Judas geweiht. Der ungewöhnliche achteckige Bau mit einem doppelt gestuften Dach, das in ein gekreuztes Türmchen ausläuft, befindet sich in der „Judengasse“, einer Seitenstraße in der Bahnhofstraße.

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Niemand wollte etwas über die Juden aus der Judengasse in Thannhausen erzählen

Göttner beschrieb ferner den Lebensweg von Pfarrer Thoma, der ihn nach dem Studium der Philosophie, Theologie und Soziologie in den „Garten Gottes“ führte, in dem er jahrzehntelang in vielen Pfarrgemeinden wirkte. Schon immer war es ihm ein Anliegen, Ereignisse und Geschichten zu dokumentieren und niederzuschreiben, wobei seine vielen Büchlein in schwäbischer Mundart bemerkenswert sind. In seinem neuen Buch hinterfragt der Autor neben den Grundthemen auch seine Absicht „Warum dieser eigenartige Buchtitel, wieso Judengasse“. „Erst in der zweiten Volksschulklasse fiel mir das Straßenschild ‘Judengasse’ erst so richtig auf“ schreibt der Autor in seinem ersten Abschnitt. „Du Jude“ oder ähnliches war ein Schimpfwort, das seine Mitschüler gelegentlich gebrauchten, wenn man sich einen Vorteil verschaffte,vor allem bei der Austeilung der „Schulspeise“. „Auf Nachfrage, wer denn diese Juden in der Judengasse seien, konnte oder wollte mir niemand etwas Genaues sagen, manchmal hieß es, dort leben keine Juden mehr.“

Das Thema „Juden“ war auch in der Schule oder Kirche nur schwer zu verstehen. Thoma berichtet über das vom ehemaligen Bürgermeister Hans Bronnenmayer herausgegebene „Thannhauser Heimatbuch“, in dem auch die „Geschichte der Juden in Thannhausen“ und die „Judengasse“, die nicht jeder Ort hat, beschrieben ist. In den weiteren Kapiteln des Buches dokumentierte Thoma auch die Erlebnisse, wie er sie als kleiner Bub im letzten Kriegsjahr und danach erlebte. Vieles habe er damals als Kind noch nicht so eindeutig verstehen können, Fliegeralarm, Flucht in den Keller.

Jüdisches Gebetsbuch aus der Druckerei in Thannhausen vorgestellt

Vielmehr genoss er nach Ende des Krieges „diese wunderbare Ruhe“. Aufregung gab es, als vor der Haustür ein „Wilder Mann“ aus dem Holzvergaser-Omnibus ausstieg. Mit überschwänglicher Freude und Glück nahm ihn seine Mutter in die Arme, denn es war sein Vater, erinnert sich Thoma. Was der Spruch „Da geht es zu wie in einer Judenschule“ oder was eine „Juden-Rutsch“ bedeutet, erläutert das 256-seitige Büchlein, das auch mit teils historischen Fotos, farbigen Bildern aber auch mit Psalmen illustriert ist. Kontrastreich sind zwischendurch amüsante Erinnerungen dargestellt, sodass das gesamte Werk nicht nur informativ, sondern auch kurzweilig zu lesen ist. Das Duo Thilo Jörgl/Florian Ewald vom Münchner Klezmer Trio „Mesinke“ leistete instrumental mit Gitarre und Klarinette und jiddischen Gesangsweisen den passenden musikalischen Beitrag.

Am Ende der Buchpräsentation wies Manfred Göttner auf ein jüdisches Gebetsbuch (Machsor), das von 1592 – 1593 in der jüdischen Druckerei in Thannhausen gedruckt wurde und als Kopie im Rahmen einer kleinen Ausstellung zur Geschichte der Juden in Thannhausen vorgestellt werden soll, hin.

Das Buch „Judengasse“ von Karl B. Thoma kostet 15 Euro und kann beim Autor selbst, bei Veranstaltungen in der Stadionkapelle oder im Heimatmuseum erworben werden.

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