Newsticker
Ämter melden 15.974 Corona-Neuinfektionen und 1148 neue Todesfälle in Deutschland
  1. Startseite
  2. Lokales (Krumbach)
  3. Diese Niederraunauerin sorgt dafür, dass der Dialekt nicht verschwindet

Niederraunau

26.07.2020

Diese Niederraunauerin sorgt dafür, dass der Dialekt nicht verschwindet

Seit Jahrzehnten beschäftigt sich die Niederraunauerin Dr. Edith Burkhart-Funk mit der Entwicklung von Dialekten. Derzeit arbeitet sie am Bayerischen Wörterbuch.
Bild: Peter Bauer

Plus Edith Burkhart-Funk aus Niederraunau beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit Dialekt. Warum er so wichtig ist und wie diese Arbeit ihr Leben geprägt hat.

Als Edith Burkhart-Funk über das Jahr 2060 spricht, ahnt man schnell die Dimension des Forschungsprojekts, an dem die Niederraunauer Sprachwissenschaftlerin beteiligt ist. Das Bayerische Wörterbuch, dieses Mammutwerk über den bayerischen Dialekt mit all seinen Verästelungen: Es wurde im Jahr 1913 begonnen, im Jahr 2060 soll das Projekt abgeschlossen sein, fürs Erste. Warum hat sie sich ausgerechnet ein solches Projekt ausgesucht?

Wort für Wort mühsame Kleinarbeit: Derzeit arbeitet die Niederraunauer Sprachforscherin Dr. Edith Burkhart-Funk in ihrem Homeoffice am Bayerischen Wörterbuch.
Bild: Peter Bauer


„Das übersteigt ein Forscherleben“, gibt Dr. Edith Burkhart-Funk mit einem hintergründigen Lächeln zu. Die Dimension von Sprache: Das ist dann doch etwas mehr als der heute so alltagsbestimmende Digitalhype. Das wird spürbar, wenn Edith Burkhart-Funk erzählt. Seit 2004 ist sie Mitglied in der Kommission für Mundartforschung an der Bayerischen Akademie der Wissenschaften in der Münchner Residenz, Teil eines Teams von derzeit fünf Mitarbeitern.

Mittelschwaben ist über Jahrhunderte durch Dialekt geprägt

Bayerisches Wörterbuch: Das klingt möglicherweise in den Ohren des einen oder anderen gar etwas verstaubt. Doch die Sprache, der Dialekt, der immer mehr verschwindet: Das sind wir selbst, unser Alltag, unser Lebensverständnis. Dialekt? Auch in einer ländlichen, durch den Dialekt über Jahrhunderte geprägten Region wie Mittelschwaben ist er auf dem Rückzug. „Der Abbau ist massiv“, bedauert die Niederraunauer Sprachforscherin. Vor allem in den Dörfern werde er noch gesprochen. „Aber wenn die Kinder beispielsweise aufs Gymnasium gehen, wird der Dialekt oft bewusst verdrängt.“

Bei der Musik findet Dr. Edith Burkhart-Funk Entspannung. Unter anderem singt die Sprachforscherin im Niederraunauer Kirchenchor.
Bild: Peter Bauer

Sie schmunzelt, dann erklärt sie, dass es durchaus seltsam, bisweilen auch amüsant sei, wenn diese „Dialektverdrängung“ bei vielen Mittelschwaben in ein durchaus norddeutsch gefärbtes Hochdeutsch einmünde. „Man sagt dann ,Feard’ statt ,Pferd’ beziehungsweise ,Goul’ oder ,nich’ statt ,id’“. Ja, Hochdeutsch allein reicht dann offenbar nicht, auch noch die schwäbische Klangfärbung muss sozusagen „ganz raus“ und wird durch ein nördlich geprägtes Hochdeutsch ersetzt.

Edith Burkhard-Funk: "Schwäbisch war früher hoch angesehen"

Schwäbisch in all seinen Klangausprägungen oder auch das Sächsische, es sind Dialekte, die insbesondere bei jungen Menschen offensichtlich wenig geschätzt werden. Das war nicht immer so. Zu Zeiten der Reformation etwa, im 16. Jahrhundert, seien, so Edith Burkhart-Funk, das Schwäbische und das Sächsische sehr hoch angesehene Sprachformen gewesen. Bekanntlich spielten Sachsen und Augsburg in der Reformation eine recht wichtige Rolle. So etwas hebt dann auch das Image einer Sprache.

Viele bayerische Ausdrücke wurden über einen langen Zeitraum auf kleinen Karten gesammelt.
Bild: Peter Bauer

Nicht wenige Menschen würden in unserer Region den schwäbischen Dialekt mittlerweile hässlich finden, sagt die Niederraunauerin. Das gehe so weit, dass auch in Schwaben Volksstücke im bayerischen statt im schwäbischen Dialekt aufgeführt würden. Warum hat der schwäbische Dialekt dieses insgesamt eher bescheidene Image? Edith Burkhart-Funk verweist darauf, dass der schwäbische Süden Deutschlands in der Geschichte politisch wenig Gewicht hatte. Gerade Mittelschwaben sei in viele kleine Herrschaften aufgeteilt gewesen. Dies habe das sprachliche Ansehen der Menschen nicht befördert. In Altbayern, in den Regionen Oberbayern, Niederbayern und der Oberpfalz, sei dies dank seiner „Zentralmacht“durchaus anders.

Von Niederraunau aus bewahrt sie den schwäbischen Dialekt

Mit dem über Jahrhunderte gewachsenen Wortschatz dieser bayerischen Regionen beschäftigt sich Edith Burkhart-Funk bei ihrer Arbeit am Bayerischen Wörterbuch seit 2004 intensiv. Seit 2017 betreut sie auch ein Schwäbisches Wörterbuch in digitaler Form. Hier arbeitet sie an der Akademie mit der Edelstetter Sprachwissenschaftlerin Brigitte Schwarz zusammen. Brigitte Schwarz hat mit einer umfassenden Materialsammlung einen wesentlichen Grundstein für dieses Projekt gelegt.

Ihre Zulassungsarbeit schrieb die Niederraunauer Sprachforscherin Dr. Edith Burkhart-Funk über den legendären Roman Der Mann ohne Eigenschaften von Robert Musil.
Bild: Peter Bauer

Was wird bleiben vom Dialekt in einer digitalisierten, globalisierten Welt? Edith Burkhart-Funk freut sich, dass diese Frage hochrangige Politiker heute mehr beschäftigt als in früheren Zeiten. Vor einigen Monaten hielt die 64-jährige Niederraunauerin in Baden-Württemberg einen Vortrag in einer hochkarätigen Runde. Eingeladen hatte dazu der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann, der auch selbst anwesend war. Sie sprach über die Entwicklung der Dialektforschung in Bayern.

Bayern ist in der Dialektforschung bundesweit federführend

In der Tat ist Bayern auf diesem Gebiet wohl bundesweit federführend. Die Tradition dieses Fachgebiets reicht bis ins erste Drittel des 19. Jahrhunderts zurück. Im Jahr 1821 erschien Johann Andreas Schmellers Werk „Die Mundarten Bayerns“. Diese Maßstäbe setzende Arbeit hat auch die Bayerische Akademie der Wissenschaften in München, bei der Forschungsprojekte, die „über ein Forscherleben hinausreichen“, angesiedelt sind, maßgeblich inspiriert. 1913 brachte die Akademie die Arbeiten am Bayerischen Wörterbuch auf den Weg. Über Fragebögen gesammelt wurde jahrzehntelang unter anderem das Wissen mehrerer Hundert dialektkundiger Personen, immer wieder wurden und werden literarische, auch historische Quellen und alte Handschriften durchforstet.

Edith Burkhart-Funk spricht von rund acht bis neun Millionen Sprachbeispielen, die Forschungen reichen zurück bis zum Beginn der Schreibung in deutscher Sprache im 8. Jahrhundert. Inzwischen gebe es, wie die Niederraunauerin berichtet, drei Bände. „Erschienen ist etwas mehr als ein Viertel der geplanten Artikel auf circa 5300 dicht bedruckten Spalten.“ Wie gesagt, vorläufiges Ende im Jahr 2060. Aber danach findet dieses Projekt sicherlich seine Fortsetzung. Immer mehr nutzen die Forscher auch die digitalen Möglichkeiten, um ihre Ergebnisse der Öffentlichkeit zu präsentieren.

Edith Burkhard-Funk begann ihre Forschung an der Universität Augsburg

Während der Weltkriege mussten die Arbeiten unterbrochen werden. Wie Edith Burkhart-Funk erklärt, waren wesentliche Dokumente für das Bayerische Wörterbuch während des Zweiten Weltkrieges (1939 bis 1945) im Schloss Haldenwang untergebracht und konnten so gesichert werden. Aber allein der Gedanke an die Unwägbarkeiten eines Krieges macht deutlich, an welch seidenem Faden die Arbeit von Forschern mitunter hängt.

Im Jahr 1821 erschien das erste Bayerische Wörterbuch.
Bild: Peter Bauer

Die Beschäftigung mit Sprache in all ihren Ausprägungen, das ist eine jahrzehntelange Konstante im Leben von Edith Burkhart-Funk. An der Universität Augsburg begann im Jahr 1984 ein Forscherteam unter der Leitung von Professor Werner König an den Arbeiten für den Sprachatlas von Bayerisch-Schwaben. An dieser gewaltigen, 2004 abgeschlossenen Bestandsaufnahme des bayerisch-schwäbischen Dialekts, in der auch Hunderte von Personen in Einzelgesprächen befragt wurden, war Edith Burkhart-Funk bereits in den Anfängen beteiligt. Beruflich zum Augsburger Team stieß sie nach Abschluss ihres Studiums (Deutsch und Englisch), an das sie noch ein Philosophiestudium angehängt hatte.

Burkhart-Funk wünscht sich, dass mehr Menschen ihren Dialekt annehmen

Nach Abschluss des Projekts wechselte sie für die Arbeit am Bayerischen Wörterbuch von Augsburg nach München. Niederraunau-München: Das war für Edith Burkhart-Funk jahrelang eine tägliche Bahnfahrt - hin und zurück. Seit 2017 pendelt sie an vier Tagen von einem Appartement in Mering in die Landeshauptstadt. Doch seit Monaten arbeitet sie wegen der Corona-Krise im Homeoffice in Niederraunau. Dort hat sie mittlerweile alle technischen Möglichkeiten für ihre Tätigkeit. Und bekanntlich ist da, man denke an das Jahr 2060, noch viel zu tun.

Platons Werke stehen im Bücherregal: Dr. Edith Burkhart-Funk hat Philosophe studiert und beschäftigt sich bis heute gerne mit philosophischen Themen.
Bild: Peter Bauer

Aber was wird bis dahin aus dem Dialekt im täglichen Leben werden? Edith Burkhart-Funk wünscht sich, dass die Menschen den Dialekt ihrer jeweiligen Region bewusst annehmen, ihn Eltern mit ihren Kindern sprechen. Dialekt und Hochsprache würden sich nicht ausschließen, sondern sich gegenseitig bereichern. Und so manche sprachliche Feinheit hält dann wohl doch nur der Dialekt bereit. Auf dem Tisch ihres Niederraunauer Büros liegt ein kleines Kärtchen für das Bayerische Wörterbuch. „Du Daiflsbroon“ ist da zu lesen. Der Versuch einer Übersetzung ins Hochdeutsche („Teufelsbraten“) ist, sagen wir, ein bisschen schwierig. Aber selbst die Übersetzung ins Hochdeutsche klingt dann doch sogar irgendwie süß, auch wenn der „Daiflsbroon“ ja ein schlechter Kerl ist. Das zeigt, wie nuanciert, feinfühlig und gar hintersinnig ein Dialekt Dinge umschreiben kann. Auch mit Blick darauf könnte es für die Dialekte in all ihren Spielarten dann doch noch eine gute Perspektive geben. Und für diese gute Perspektive steht ja auch irgendwie dieses Jahr 2060.

Lesen Sie weitere Porträts von Menschen aus Mittelschwaben:

Themen folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren