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Krumbach

17.05.2018

Ein Stück Stacheldraht wird 100

Gerhard Weiß hat ein Stück Stacheldraht, das sein Vater aus französischer Gefangenschaft 1918 mitgebracht hatte, als Glücksbringer.
Bild: Elisabeth Schmid

Was der Draht mit Hoffnung zu tun hat und weshalb er für die Familie von Gerhard Weiß eine große Bedeutung hat.

„Glück“? Allein das Wort hat die Menschen über die Zeiten hinweg fasziniert. Viele verbinden Glück auch mit einem speziellen Glücksbringer. Diese Thematik greifen wir in unserer Serie auf. Heute: Gerhard Weiß, Zweiter Bürgermeister in Krumbach.

Ende des Ersten Weltkrieges wurde der Vater von Gerhard Weiß, dem Zweiten Bürgermeister von Krumbach, mit 17 1/2 Jahren in den Krieg eingezogen. Kurz danach kam der Jugendliche in französische Gefangenschaft. Er war 18, als er aus der Gefangenschaft nach Hause durfte. Als Erinnerung an diese schlimme, traumatische Zeit nahm er ein Stück Stacheldraht mit, der ihn eingesperrt hatte. „Wie er ihn abgezwickt hat, das weiß ich nicht, sinniert Gerhard Weiß. Seitdem ist dieses Stück Stacheldraht aus der Gefangenschaft seines Vaters der Familienglücksbringer.

Gerhard Weiß wurde im April 1966 in Krumbach geboren. Dort besuchte er die Grundschule und die Realschule. Mit 17 Jahren ging er ins Landratsamt Günzburg und lernte Verwaltungsfachwirt. Noch heute arbeitet Gerhard Weiß beim Landratsamt. Es ist eine große Behörde, in der er in unterschiedlichen Fachbereichen arbeiten kann.

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Gerhard Weiß fängt ganz in der Früh um 6 Uhr 45 an. Somit bleibt ihm Zeit für seine Tätigkeiten als Zweiter Bürgermeister und für seine Familie. Weiß ist seit 1990 im Stadtrat. „Ich wollte für meinen Heimatort da sein, mit gestalten und auch Verantwortung für meine Heimat übernehmen,“ erklärte er. Als sein Vorgänger Anton Maier aus Krankheitsgründen den Posten des Zweiten Bürgermeisters aufgeben musste, wurde Gerhard Weiß vom Stadtrat zum Zweiten Bürgermeister gewählt.

2002 hat Gerhard Weiß geheiratet. Mit seiner Frau und den beiden Kindern, eine Tochter und einen Sohn, lebt er in Krumbach. Für Hobbys hat Gerhard Weiß nicht viel Zeit. Die Aufgaben des Zweiten Bürgermeisters sind vielfältig und auch zeitaufwendig. Aber er macht sie gerne. Gerhard Weiß liebt seine Stadt und die Umgebung. Die Termine reichen von Besuchen bei runden Geburtstagen, organisieren von Veranstaltungen, er vertritt die Stadt bei Vereinen und vieles mehr. Wenn er Zeit hat, verbringt er diese mit seiner Familie. Er liebt die Natur. Da er beruflich quasi viel „eingesperrt“ ist, ist der Aufenthalt für ihn im Freien Entspannung pur.

Das Stück Stacheldraht aus dem Ersten Weltkrieg hängt zurzeit über einem Kreuz bei seinem Bruder, der gleich neben ihm wohnt. Es ist ein Familien-Glücksbringer. Der Stacheldraht passt gut zum Kreuz, er symbolisiert die Dornenkrone Jesu. Der Draht ist seit 100 Jahren bei der Familie Weiß. Der Vater brachte ihn Heim und in jedem Haus, in dem er gelebt hatte, nahm er diese Andenken an die schlimme Zeit mit. Der Erste Weltkrieg war nicht sein einziger Krieg, auch im Zweiten Weltkrieg kämpfte er als Soldat an verschiedenen Fronten. Wieder wurde er gefangen genommen, diesmal in Dänemark. Nach dem Krieg arbeitete der Vater von Gerhard Weiß als Lehrer. Er erzählte viel aus einer Vergangenheit. Der Stacheldraht am Kreuz erinnerte ihn immer daran, dass Freiheit nicht selbstverständlich ist. Dies alles vermittelte er seinen fünf Kindern. Gerhard Weiß hatte noch vier Geschwister. „Unser Vater hat erst mit 60 Jahren geheiratet, da musste er richtig Gas geben um die Kinder zu bekommen,“ erklärte Gerhard Weiß und schmunzelt.

Das Kreuz mit dem Stacheldraht immer im Blick wuchsen die Kinder auf. „Immer wenn man meinte, uns ginge es schlecht, ging der Blick des Vaters auf das Kreuz. Uns allen war klar, jammern nutzt nichts, denn wir hatten es gut, wie schlimm es sein könne, daran sollte uns das Stück Stacheldraht erinnern. Bei meinen Kindern mache ich es genau so. Sie sollen schätzen, was sie haben und sich über die Vorzüge, die sie alle in Freiheit und ohne Sorgen leben lassen, freuen. Der Stacheldraht wird immer bei uns sein und uns alle erinnern, einfach, glücklich und zufrieden zu leben. Der Stacheldraht ist Hoffnung, dass alles weiter geht und alles gut wird“, erzählt Gerhard Weiß nachdenklich.

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