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Waldheim 2013

05.10.2013

Entstanden auf einem Übungsfeld des Todes

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4 Bilder
Waldheim im Jahr der Fertigstellung 1953 (oben links). Mit ausgeliehenen Pferdegespannen (oben rechts) wurden die ersten Ernten eingebracht. Leichter ging es Jahre danach mit dem Leiterwagen (unten links) und noch etwas später mit den eigenen Traktoren.

Unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges siedelten sich acht vertriebene Familien auf dem ehemaligen Bombenabwurfplatz an. Im Herbst vor 60 Jahren wurden die in wenigen Monaten erbauten Häuser fertig

Kammeltal Waldheim – jüngster Ort im Landkreis – besitzt eine bewegende und noch heute nachdenklich stimmende Geschichte, die erst im Jahre 1953 begann. Voraus ging ihr eine erst wenige Monate alte Vereinbarung zwischen der amerikanischen Besatzungsmacht und der deutschen Regierung mit dem Fazit, dass die Amerikaner kein Interesse an dem vormaligen Bombenabwurf-Gelände haben und das 50 Hektar große Areal den Deutschen zur weiteren Nutzung überlassen. Der aus dem Sudetenland vertriebene und in Ried „gelandete“ Emil Vater hatte schon „vorgeholzt“. Bereits ab 1949 hauste er im ehemaligen Beobachtungsbunker, grub Baumstöcke und Wurzeln aus, ebnete ein kleines Stück Land, pflanzte Kartoffeln, säte Weizen und Roggen und sicherte so das Lebensdasein für sich und seine Familie. Und dies ohne rechtliche Billigung.

Es musste das Frühjahr 1953 kommen, bevor die ersten Genehmigungen erteilt wurden, mit dem Ziel, hier eine neue Ortschaft aufzubauen. Das ging dann schnell: Im Sommer entstand das halbe Dutzend Häuser, die im Herbst bezogen wurden. Acht Familien, aus den unterschiedlichsten Gegenden durch die Kriegswirren nach Ried gekommen, schufen sich hier vor 60 Jahren eine neue Heimat, nannten die Siedlung Waldheim und führen auf dem Areal zwischen Ried und Kemnat noch heute ein gewisses Eigenleben, sind aber doch mit dem benachbarten Ried eng verbunden und voll in die Großgemeinde Kammeltal integriert.

Zementbomben zielten auf ein weißes Kreuz

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Das Treiben der erst wenige Monate vorher zwangsweise in Ried einquartierten Vertriebenen aus Nordmähren, Schlesien und Böhmen sowie aus der Bukowina im heutigen Rumänien galt selbst bei den eigenen Landsleuten als ungewöhnlich. Für manche Einheimischen waren sie gar „gutmütige Narren“. Wieso diese Bewertung?

Blättern wir zurück: Auf dem seit 1935 als Abwurfplatz für Übungsbomben vom Nazi-Regime abgeholzten Waldgebiet wuchsen zwischen den Baumstöcken Sträucher und junge Bäume. Es war schlicht eine Wildnis. Die Piloten des Kampfgeschwaders KG 51 Edelweiß, stationiert in Leipheim, Memmingerberg und Penzing, hatten ganze Arbeit geleistet. Schwere Zementbomben und Fliegergranaten aus Metall wurden seit 1936 über dem Areal abgeworfen, wobei es galt, ein mit weißem Band markiertes Kreuz möglichst genau zu treffen.

Beobachtet wurden die Übungsflüge bis zuletzt von zwei zwölf Meter hohen Betontürmen (die noch heute zu sehen sind) und einem Erdbunker mitten in dem 50 Hektar großen Gelände. Gerade diesem sollte bei der Neubesiedlung eine besondere Bedeutung zukommen. Emil Vater war es, der in diesem Unterstand seit 1949 hauste und zahlreiche Baumstöcke sprengte, diese aufarbeitete und sich eine ebene Fläche schuf, auf der er seine ersten eigenen Kartoffeln anbaute. Sein Sohn Alfred, inzwischen 81 Jahre alt und noch immer in Waldheim wohnhaft, kann sich gut erinnern: „In dem Bunker diente ihm ein Holzgestell als Schlafstätte. Im angebauten Bretterverschlag scharrten einige Hühner, waren dort aber vor dem Fuchs sicher.“ Schon bald begann er auf der kleinen Rodungsfläche mit dem Anbau von Weizen und Mohn. Man ließ Emil Vater gewähren. Er gab nicht auf. Bettelte bei Rieder Bauern Gabel und Rechen, beim anderen Schaufel und Pickel und scheute sich nicht, um Saatgut handvollweise zu bitten. Die Ernte verkaufte er in Ried an Menschen, die es gut mit ihm meinten. Und dies, obwohl niemand wusste, was aus dem früheren „Übungsfeld des Todes“ einmal wird. Zuerst beanspruchten die Amerikaner das Areal und wollten es weiter militärisch nutzen. Das verhinderten der damalige Rieder Bürgermeister Anton Thoma und Landrat Dr. Fridolin Rothermel, für die Emil Vater zum Faustpfand für eine friedliche Nutzung wurde. Sie veranlassten die Rodung des Übungsplatzes, wobei es zu einem nicht alltäglichen Unfall kam, wie Alfred Vater von seinem Vater Emil erfahren hat: „Ein Pferd trat auf eine unentdeckte Phosphorbombe, erlitt schwere Verbrennungen und musste notgeschlachtet werden.“

1953 waren die Arbeiten abgeschlossen. Die eingeebnete landwirtschaftliche Fläche wurde auf drei Vollerwerbslandwirte mit je zwölf Hektar und fünf Nebenerwerbsbetriebe mit je vier Hektar aufgeteilt. Die drei Bauernhöfe sind noch immer im Besitz der Familien von damals, auch wenn die Betreiber mit Oswald Vater, Gerhard Traxler und Heidrun Miller einer neuen Generation angehören. Opa Franz Schäfer zur heutigen Situation in der Landwirtschaft: „In Ried gibt es derzeit noch einen Bauern, in Waldheim dagegen noch immer drei. Sie bewirtschaften jeder 50 Hektar mit je 50 Milchkühen.“ Übrigens: Der Vatikan hat ebenfalls 50 Hektar Grundfläche und ist damit etwa gleich groß wie die Waldheimer Flur.

Die Waldheimer sind stolz auf ihr Eigenleben

Heute fühlen sich die Waldheimer längst als Rieder und damit als Bürger der Gemeinde Kammeltal. Noch immer wenig Kontakt gibt es mit dem Nachbardorf Kemnat, zu dem erst Jahre später ein Feldweg zur Straße umgebaut wurde. Stolz sind die Waldheimer auf dieses gewisse „Eigenleben“. Dazu zählt die Sesshaftigkeit, die bei den 30 Einwohnern in einem Zusammenhalt ihren Ausdruck findet, der im Landkreis einmalig ist. Franz Schäfer fasst zusammen: „Wir haben unsere Wirtschaft, feiern jedes Jahr im August vor unserer Friedenskapelle und dies, obwohl unsere Vorfahren in den unterschiedlichsten Gegenden beheimatet waren.“

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