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Coronavirus

30.05.2020

„Es ist ein Lernprozess für uns alle“

Jede zweite Kirchenbank ist in der Ursberger Kirche gesperrt. Um den notwendigen Abstand zwischen den Gläubigen zu wahren, sind im Abstand von zwei Metern braune Kerzenhalter in den Kirchbänken aufgestellt.
Bild: Rebecca Mayer

Seit 4. Mai haben die Kirchen in Bayern wieder geöffnet. Wie Pfarrer und Kirchgänger die auferlegten Schutzmaßnahmen empfinden.

Zwei Frauen, die gelbe Warnweste über ihren Jacken tragen, stehen am Samstagabend vor dem Eingang der St. Johannes Evangelist Kirche in Ursberg. Eine davon hält einen weißen Spender mit Desinfektionsmittel in ihrer Hand. Als die Gläubigen mit aufgesetztem Mundschutz vor dem Eingang der Kirche stehen, strecken sie nacheinander ihre Hände aus und verreiben die gelartige Konsistenz des Desinfektionsmittels in ihren Händen.

Durch die Art, wie die Kirchgänger nacheinander und ohne Erklärung der Ordner ihre Hände ausstrecken und sie vor dem Besuch der heiligen Messe desinfizieren, wirkt es fast wie etwas Gewöhnliches. Es scheint wie eine Normalität, die schon immer zum Kirchgang dazugehörte. Seit 4. Mai sind die Kirchen in Bayern unter strengen Schutzmaßnahmen geöffnet. „Für die Feier der heiligen Messe haben wir vom Bistum strenge Regelungen erhalten“, betont Pfarrer Joseph Thomas Moosariet.

Das Umsetzen der Schutzmaßnahmen sei, so sagt er, ein Lernprozess für alle. „In einer Situation wie heute, mit einem gefährlichen Virus im Umlauf, führen wir alle kein normales Leben.“ Das Einhalten der auferlegten Regelungen in der Kirche sei sowohl für die Beteiligten an der heiligen Messe, als auch für Kirchgänger nicht einfach, aber man müsste, so der Pfarrer, lernen mit der Situation zu leben.

Für den Besuch der heiligen Messe in der Ursberger Kirche gibt es keine Voranmeldung. Die Verteilung der 60 ausgeschilderten Plätze erfolgt durch das rechtzeitige Erscheinen vor Beginn des Gottesdienstes. Als die Gläubigen die Kirche betreten, blicken manche kurz nach links und rechts in die leeren Weihwasserbehälter. Die zweite Ordnerin weist den Gläubigen die Plätze in den Kirchbänken zu. Sie zeigt auf die Kerzenhalter, die an jeder zweiten Kirchenbank im Abstand von zwei Metern ausgelegt sind und erklärt: „An jedem Kerzenhalter, darf sich eine Person hinsitzen. Familienmitglieder dürfen sich nebeneinandersetzen.“

Auf dem Boden der Kirche erkennt man Markierungen in Rot und Weiß. Zwischen den Bänken hängt Absperrband aus. Auch der Altarbereich ist verändert. Anstatt einem gemeinsamen Ambo für den Pfarrer und den Lektor steht nunmehr auf der linken und auf der rechten Seite ein Ambo. Links für den Lektor und rechts für den Pfarrer.

Als die Liednummern an der Tafel aufleuchten, schlägt eine Frau ihr Gotteslob auf. Etwas betrübt schaut ihre Banknachbarin sie an. Sie hat kein Gotteslob dabei und auch in der Kirche liegen wegen der Schutzmaßnahmen keine Gotteslobe aus. Die Messe beginnt. Pfarrer Joseph Moosariet zieht ohne Ministranten in den Gottesdienst ein. Beim Friedensgruß spricht er zum Volk die Worte: „Gebt euch einander ein Zeichen des Friedens.“

Anstatt sich die Hand zu reichen, nicken sich die Gläubigen zu. Auch, wenn der Mundschutz die Mundwinkel bedeckt, strahlen die Augen der Kirchgänger eine gewisse Freundlichkeit, ein Lächeln aus. Nach der Wandlung unterbricht der Pfarrer den Organisten und erklärt, wie die Kommunionausteilung erfolgt. „Ich teile zunächst für die Gläubigen auf der rechten Seite aus“, sagt er. Anschließend desinfiziert er sich die Hände, zieht sich einen Handschuh an und setzt seinen Mundschutz auf. Vor der Austeilung sprechen die Gläubigen gemeinsam auf den Spendendialog des Pfarrers „Der Leib Christi“ – die Antwort „Amen“.

Seit dem 21. Mai könnte in der Pfarrei St. Johannes Evangelist die Kommunion per Hand empfangen werden. Nach der Austeilung der heiligen Kommunion hätten sich die Gläubigen, so Moosariet, gesehnt. „Glauben leben bedeutet auch Jesus Christus empfangen zu können“, erklärt er. Wie empfinden die Kirchgänger die derzeitige Situation in der Kirche? „Es ist ungewohnt“, sagt Konrad Bestle im Gespräch mit unserer Zeitung. Die Maßnahmen des Bistums seien zwar sinnvoll, gut und wichtig, doch verzerren sie auch das Gemeinschaftsgefühl. „Der Gottesdienst ist für mich eine gemeinschaftsbildende Veranstaltung. Durch die strengen Abstandsmaßnahmen von zwei Metern zwischen zwei Personen geht das Gefühl der Zusammengehörigkeit ein Stück weit verloren“, erklärt er.

Als die Kirche noch geschlossen war, hätte eine Katholikin die Gottesdienste vor dem Fernseher verfolgt. Die Feier der heiligen Messe in der Kirche sei ein ganz anderes Gefühl. „Ich finde es gut, dass die Kirchen wieder geöffnet haben“, sagt sie. Mit der Austeilung der Kommunion hätte in ihren Augen noch gewartet werden können, aber das müsse jeder für sich selbst entscheiden. Durch die Schutzmaßnahmen dürften während des Gottesdienstes vereinzelt Lieder gesungen werden. „Wenn man allein vor dem Fernseher sitzt, singt man die Lieder nicht wirklich mit. Da bin ich froh, dass wir keine stille Messe feiern müssen.“

Die zur Verfügung stehenden Plätze in der Kirche seien, so der Pfarrer, fast immer belegt. Er lächelt: „Durch den Mundschutz kann ich aber oft gar nicht erkennen, wer sich hinter den Masken verbirgt.“ Der große Andrang in der Kirche bereitet dem Pfarrer große Freude. „Wir haben noch keine Medizin gegen das Virus. Was wir als Gläubige tun können ist zu Gott zu beten und hoffen, dass Gottes Gnade den Segen für die Welt bringt.“

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