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Thannhausen

16.05.2019

Für diesen Thannhauser LKW-Fahrer ist Europa das „Einsatzgebiet“

Arbeits-, Wohn- und Schlafplatz. Mit seinem 450 PS starken 40-Tonner Sattelschlepper fährt Stefan Will jede Woche von Thannhausen ins nordfranzösische Le Havre und zurück.
Bild: Petra Nelhübel

Plus Seit 20 Jahren ist Stefan Will mit seinem LKW von Thannhausen aus auf den Straßen Europas unterwegs. Er erzählt von spontanen Einladungen, aber auch von Dieseldieben.

Es gibt viel zu tun in Europa. Für Trucker Stefan Will ist das sein Einsatzgebiet. Aber ob er, wie schon geschehen, nachts von Dieseldieben heimgesucht, am nächsten Morgen ohne Sprit dasteht, oder ob er, auch das ist schon passiert, mangels Weiterfahrmöglichkeit bei einer Hochzeit in einem galizischen Bergdorf mitfeiert, wird Stefan Will immer erst am Ende seiner Touren quer durch Europa wissen. Kann sein, dass er in der Drei Quadratmeter-Koje seines 40-Tonners, vorsichtshalber bewaffnet mit Baseballschläger und Pfefferspray, friedlich seine vorgeschriebene Ruhezeit durchschlafen kann. Vielleicht muss er aber auch, durch ins Führerhaus eingeleitetes Gas benommen und wehrlos mit anhören, wie hinter ihm der Laderaum seines Lkw von Diebesbanden leer geräumt wird. Kann alles wieder passieren. Alltag für den Fahrer der Schilling Trans in Thannhausen, der schon seit 20 Jahren mit dem Lkw quer durch Europa fährt.

Mit russischen Kollegen in einer erzwungenen Mautpause an der Grenze selbstgebrannten Wodka trinken, oder mit spanischen Ladearbeitern nach Feierabend ein spontanes Grillfest organisieren, das klingt alles sehr nach der viel besungenen Fernfahrer-Romantik. Aber darüber kann Stefan Will nur lachen: „Die gibt es nicht mehr.“

Und seine Chefin Ursula Schilling von Schilling Trans in Thannhausen pflichtet ihm bei. Sie ist, gemeinsam mit ihrem Mann, lange Jahre selbst europaweit gefahren und weiß, wovon ihr Mitarbeiter spricht. Der holt sich jeden Montagmorgen bei ihr die Papiere ab, um den 450 PS starken Scania-Sattelzug in Günzburg beladen zu lassen. Chemikalien und Medikamente ins nordfranzösische LeHavre, um auf dem Rückweg Obst und Gemüse nach Deutschland zu bringen.

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Bereits bei Elchingen im Stau

„Aber schon in Elchingen steh ich zum ersten mal im Stau“, weiß Stefan Will aus Erfahrung. „Das zweite Mal Stau dann in Ulm, dann am Eichelberg, Stuttgart, Karlsruhe und wieder Stau in Speyer.“ Und dann muss er ja auch noch das komplizierte, für einen Laien kaum durchschaubare, Regelwerk aus Lenk-, Schicht- und Pausenzeiten einhalten. Alles genauestens überprüfbar seit der Einführung des digitalen Tachographen im Jahr 2007.

Seither ist alles hektischer, der Zeitdruck noch größer. Mitmenschlichkeit und Hilfsbereitschaft leiden. „Früher hat man den liegen gebliebenen Kollegen am Straßenrand noch geholfen. Heute kannst du das vergessen“, bedauert er und liefert auch gleich den Grund. „Wenn ich anhalte, ist das sofort live einsehbar. Da geht Zeit verloren. In der Automobilindustrie arbeiten sie im Dreischichtbetrieb am Band. Für zwei Schichten haben sie Material da. Das Material für die dritte Schicht ist im Lkw unterwegs. Wenn der nicht pünktlich eintrifft, stehen bei Audi oder VW die Bänder still. Ein stillstehendes Band kostet 160000 Euro. Pro Stunde.“

Stefan Will ist ein begnadeter Erzähler und auch als geübter Gesprächspartner hat man Mühe, mit seinen Gedankensprüngen Schritt zu halten, das Gehörte zu sortieren und den roten Faden darin zu erkennen. Dass zum Beispiel die Autobahnbordelle in den Grenzgebieten nicht alleine wegen der Vergnügungssucht der Fahrer so gerne angesteuert werden und was das mit der EU-Osterweiterung 2004 zu tun hat, wird erst bei genauerem Nachfragen klar. „Die erhoffen sich doch aus den vorwiegend männlichen Fahrern einen Kundenstamm zu generieren. Deshalb bewachen die ihre Parkplätze besser“, erklärt Stefan Will den Umstand, dass osteuropäische Diebesbanden den Fahrern während ihrer Ruhezeiten das Benzin abzapfen oder die Ladung stehlen.

Öffentliche Lkw-Parkplätze würden aufgrund der brachialen Methoden der Banden polizeilich kaum überwacht. „Die haben in Frankreich zum Beispiel Streife gehende Polizisten einfach über den Haufen gefahren. Da findet inzwischen kaum noch Überwachung statt. Was ich da schon in Schlägereien verwickelt war“, erregt sich Stefan Will.

Französische Polizei überlastet

Chefin Ursula Schilling bestätigt das: „Wir sagen unseren Fahrern nach so einem Vorfall, sie sollen zum Arzt gehen, wenn ihnen was fehlt. Eine Anzeige bei der Polizei bringt nichts. Die Franzosen sind überlastet und die deutsche Polizei darf im Ausland nicht ermitteln.“

Demnächst soll europaweit gelten, was in Deutschland seit 2017 Gesetz ist: Dass nämlich die Fahrer ihre 45 Stunden Wochenendruhezeit nicht mehr im Führerhaus des Lkw, sondern in „geeigneten Unterkünften“ verbringen. Aber wie soll das gehen, wenn die Trucker befürchten müssen, am nächsten morgen ohne Sprit und Ladung dazustehen.

Deshalb also die beliebten und bestens überwachten Bordellrestaurants, von denen Stefan Will noch nie die ganze Bandbreite des Angebots in Anspruch genommen habe. „Nur einmal“, gibt er zu, „da gab es in Valencia zu Silvester ein Flatrate-Angebot für 100 Euro. Das hätte ich während meiner Wochenendpause gerne ausprobiert. Aber bis ich ankam, lag ich mit 40 Grad Fieber flach. Da haben mir die Mädels, die noch nie einen Cent an mir verdient haben, zwei Tage lang Suppe in meine Koje gebracht. Am 2. Januar war ich dann zwar fit, aber da musste ich schon wieder weiterfahren.“

Und noch einmal das Thema Europa. Ja, überlegt Stefan Will weiter, für die Wirtschaft hätte das sicher viel gebracht, besonders die Osterweiterung. Aber das Leben auf der Straße sei seitdem härter geworden. Die osteuropäischen Fahrer hätten oft nicht einmal Tankkarten, seien ja quasi auf Spritdiebstahl angewiesen. Ein beinahe alltägliches Vergehen.

Und dann der schier nicht nachvollziehbare Irrsinn mit den Subventionen. „Ist schon eine Weile her“, überlegt er, „da hab ich in Schongau einen Laster voll mit Papier nach Finnland in eine Papierfabrik gefahren. Dort hab ich neue Papiere bekommen und hab exakt die gleiche Ladung wieder zurück nach Deutschland gebracht.“

„Das ist wie der Reimport von Autos aus dem Ausland“, erklärt Ursula Schilling, „die sind ja auch billiger als ein direkt in Deutschland gekauftes Modell.“ Ein andermal, überlegt Stefan Will, habe er in Nordspanien Kuchen geladen und nach Regensburg gebracht. Weil er aufgrund eines langen Staus mit Verspätung eintraf, gab es Ärger. „Ich hab´s nicht verstanden, weil ich dachte, die ganze Ladung wäre eh´ für das Zentrallager eines Supermarktes“, erzählt Stefan Will.

Der Kuchen musste in Regensburg aufs Schiff

Aber der Kuchen musste in Regensburg aufs Schiff, um von dort über Marseille nach Marokko geliefert zu werden. „Das muss man sich mal vorstellen, die hätten in Spanien nur über die Meerenge von Gibraltar gemusst um nach Marokko zu kommen, aber dafür gäb´s dann halt keine Fördergelder“, regt er sich auf. Auch die Geschwindigkeitsbegrenzung ist Will ein Dorn im Auge. „Ist doch kein Wunder“, ereifert er sich, „wenn wir auf deutschen Autobahnen als Verkehrshindernisse angesehen werden. Wir dürfen nur 80 Stundenkilometer fahren, während es für Pkw keine Geschwindigkeitsbegrenzung gibt. Ist doch klar, dass sich hier einer ärgert, wenn er mit 200 Sachen angebraust kommt und ich zieh grad zum Überholen eines Kollegen nach links. In Frankreich werden Lkw erst mit 95 Stundenkilometern geblitzt und in Großbritannien erst mit 110. Die Autos dürfen dort meist nur 130 fahren. Da bin ich doch gar kein so großes Hindernis.“

Ursula Schilling kann da nur zustimmend nicken. „Wir sind“, erklärt sie dann, „im Lkw-Bereich mit den Sicherheitsstandards viel weiter als jeder normale Pkw. Trotzdem gelten für uns in Deutschland die Gesetze aus den 60er Jahren. In anderen europäischen Ländern ist das anders geregelt. Das ist schwer verständlich.“ Es gibt noch viel zu tun in Europa.

Thannhausen und Europa: Das ist eine spannende Beziehung. Weitere Infos dazu gibt es in folgenden Geschichten:

Fleischwerke Zimmermann - eine „Kulturbotschaft“ aus Thannhausen

Eine Partnerschaft als neuer Horizont für Thannhausen und Mortain

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