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Kreis Günzburg

22.10.2018

Geistliche zu Missbrauch: "Die Kirche kann sich nicht versündigen"

Pfarrer Wilhelm Meir (links) und Maria Vesperbilds Wallfahrtdirektor Erwin Reichart luden zu einer Diskussionsrunde zum Thema „Missbrauch in der Kirche“ ein.
Bild: Christian Gall

Plus In Maria Vesperbild schildern Geistliche, wo sie den Ursprung der Missbrauchsfälle sehen: in der Liberalisierung der Gesellschaft und Priesterausbildung.

„Es ist ein Thema, das unangenehm und peinlich ist“, sagte Erwin Reichart, der Wallfahrtsdirektor von Maria Vesperbild, zu Beginn der Aussprache über sexuellen Missbrauch in der Kirche. Die Wallfahrtsdirektion hatte dazu eingeladen unter dem Titel „Kann man den Priestern und der Kirche überhaupt noch trauen?“. Rund 40 Leute waren dieser Einladung gefolgt – im Schnitt ein älteres Publikum, junge Leute kamen kaum.

Pfarrer Wilhelm Meir hielt dazu einen Vortrag. Er stellte klar, dass sich einzelne Priester mit ihrem Verhalten schwer versündigen. „Doch die Kirche ist heilig und kann sich nicht versündigen“, sagte Meir. Wenn ein Priester also eine schwere Untat wie einen sexuellen Missbrauch begeht, dann sei er kein Teil der heiligen Kirche mehr.

Der Pfarrer machte in seinem Vortrag klar, dass er eine Ursache für sexuellen Missbrauch in der Kirche in der Liberalisierung der Priesterausbildung sieht: „Die absolute Wahrheit des Glaubens und der Kirche wird dort infrage gestellt.“ Seine Aussage stützte Meir auf die Erzählung eines ihm bekannten Geistlichen: „Von ihm habe ich erfahren, dass auf Moraltheologie-Kongressen teils die Weisungen von Papst Johannes Paul II. lächerlich gemacht wurden – von Leuten, die selbst an Universitäten lehren.“

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Kritik an liberalen Professoren

Verschiedene Aspekte des Glaubens würden Meir zufolge an Universitäten unterschiedlich interpretiert. Als Beispiel führte er die Homosexualität an: „In der Bibel steht eindeutig, wie es mit Sodom und Gomorra ausgegangen ist – mit der Zerstörung der lasterhaften Stadt.“ Durch eine liberalere Auslegung entstehe der Eindruck, dass es keine feststehenden Glaubenssätze mehr gibt. „Wenn etwa auf einer Synode die Aussage getroffen wird, dass auch Homosexuelle Teil der Kirche sind, führt das die Priester auf Abwege“, sagte Meir.

Allerdings lässt sich zu diesem Thema ein Wandel in der katholischen Kirche verfolgen. Papst Franziskus etwa sorgte im Jahr 2013, wenige Monate nach seiner Wahl, für Aufsehen mit der Aussage: „Wenn eine Person homosexuell ist und Gott sucht und guten Willens ist, wer bin ich, über ihn zu richten?“ Wallfahrtsdirektor Reichart schloss sich den Aussagen Meirs an: „An Universitäten gibt es Professoren, bei denen es nicht so genau zugeht, etwa beim sechsten Gebot. So kommt es dann zum Missbrauch.“ Eine Aufweichung des Gebots „Du sollst nicht ehebrechen“ gehe demnach auch an Priestern nicht spurlos vorbei.

Doch nicht nur die Liberalisierung der Priesterausbildung wurde bemängelt – auch die Liberalisierung der gesamten Gesellschaft. Wallfahrtsdirektor Reichart zufolge gebe es einen allgemeinen moralischen Niedergang, der auch Priester erfassen könne: „Es gibt Pfarreien, in denen klatschen die Gottesdienstbesucher, wenn sich der Priester liberal gibt. Das ist dann eine arme Pfarrei.“ Immerhin stehe auch ein Priester in der Gesellschaft und könne deshalb von ihr negativ beeinflusst werden. Auch auf den Zölibat kam die Sprache. „In der Diskussion über sexuellen Missbrauch wird er oft als Problem gesehen“, sagte Pfarrer Meir. Doch das sei nur der Fall, wenn der Zölibat nicht richtig gelebt wird, nämlich mit Christus an der Seite.

"Bei 30 Prozent geht es nur um unangemessene Körperberührungen"

In ihrem Vortrag bezogen sich Reichart und Meir wiederholt auf eine kürzlich von der Deutschen Bischofskonferenz veröffentlichte Studie über sexuellen Missbrauch in der Kirche. Darin werden zwischen den Jahren 1946 und 2014 insgesamt 1670 Kleriker des Missbrauchs beschuldigt. Der Wallfahrtsdirektor sagte dazu: „Nur 60 Prozent dieser Fälle sind tatsächlich bewiesen, und bei 30 Prozent dieses Anteils geht es nur um unangemessene Körperberührungen.“ Dennoch sei jeder einzelne Fall zu viel. „Es macht aber einen Unterschied, ob tatsächlich jemand vergewaltigt wurde, oder nicht“, sagte Reichart.

An den Vortrag schloss sich eine Diskussion zwischen Publikum und den Geistlichen an. Eine Frau, die den Vortrag mit angehört hatte, vertrat die Meinung, dass man über Priester nichts Schlechtes sagen solle. Wallfahrtsdirektor Reichart entgegnete, dass eine Aufklärung unumgänglich sei, wenn eine Straftat vorliegt. Anders sehe es mit der Veröffentlichung der Vorfälle aus. „Wenn man schlecht über einen Pfarrer redet, könnten dadurch Menschen vom Glauben abfallen. Man muss also solche Verbrechen nicht in der Presse kundtun“, sagte Reichart.

Er ergänzte, dass er eine Kampagne gegen die Kirche sehe. „Es ist durchaus auch eine Kampagne, wenn man immer wieder über dieses Zeug schreibt.“ Ein weiterer Zuhörer aus dem Publikum äußerte sich kritisch: „Ich habe in meiner Kindheit selbst viel erlebt und wurde von einem Priester grausam gedemütigt. Er hat seine Macht ohne Bedenken ausgespielt.“ Reichart antwortete, dass es sich dabei dann um einen bösen Priester gehandelt habe und schloss: „Es ist so schwer, katholisch zu sein.“

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