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Konzert

16.01.2020

Gottes Volk in zweifacher Gestalt

Musik aus sechs Jahrhunderten interpretierte der Cantemus-Chor unter der Leitung von Dietmar Schierer a cappella.
Bild: Dr. Heinrich Lindenmayr

Mit welchen Gefühlen der Cantemus-Chor ins Neue Jahr hinein begleitete

Ein Chorkonzert a cappella, die Sängerinnen und Sänger also ohne instrumentale Begleitung, ist Wagnis und Herausforderung. Eineinhalb Jahre hatte sich Chorleiter Dietmar Schiersner Zeit genommen, die zwölf Kompositionen aus sechs Jahrhunderten einzustudieren, die der Cantemus-Chor in der Stadtpfarrkirche St. Michael aufführte. Ohne Orchester aufzutreten, das bietet einem Chor auch Chancen. Er ist beweglicher, kann die Aufstellung immer wieder variieren und auf diese Weise dem Gesang eine inszenierende Komponente hinzufügen. Und natürlich lassen sich so die akustischen Möglichkeiten des Raumes besser ausschöpfen. Das trägt bei zum Konzerterlebnis und den Besuchern wurde schon beim Einzug des Chores deutlich, dass Dietmar Schiersner die Begegnung mit der Musik mehrdimensional angelegt hatte.

Beim ersten Gesang, dem bekannten Weihnachtslied „Adeste fideles“, standen die 30 Sängerinnen und Sänger im verlängerten Halbrund von den Altarstufen bis in die Seitengänge hinein. Die meisten Konzertbesucher waren somit ganz nah bei einigen Akteuren und hörten die anderen wie aus dem Hintergrund. Eine weitere Erlebniskomponente bestand darin, dass das Konzert sich zwei Themen widmete, die, wie der Chorleiter erklärte, in scharfem Kontrast zueinanderstanden.

Der eine Teil behandelte das auserwählte Volk, aus dem der Erlöser hervorgeht, der andere Teil, das undankbare Volk, das den Erlöser kreuzigt. Zentrum des ersten Teils waren „Tröstet, tröstet mein Volk“ von Heinrich Schütz und „Das Volk, so im Finstern wandelt“, des Heinrich von Herzogenberg. Wie Heinrich Schütz, der erste deutsche Komponist von Weltrang, die Stimmen wuchtig ineinander und übereinander fügt, den Aussagegestus ständig variiert, dabei faszinierende Spannungen erzeugt und wohltuend auflöst, das demonstrierte der Cantemus-Chor mit großem Gespür für die Eigenart dieser Musik.

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Die Thematik von Licht und Finsternis im Gesang von Heinrich von Herzogenberg wird allein schon durch die Stimmverteilung offenbar: Der Bass beginnt mit der Dunkelheit, Sopran, Alt und Tenor bringen das Licht. Am Ende werden die Stimmen immer höher und verheißen gleißend die Herrlichkeit Gottes. Sehr durchsichtig gestaltete der Chor dieses Geschehen, und ließ hörbar werden, was Sopran, Alt und Tenor im Einzelnen zur Lichtwerdung beitrugen.

Zum Thema „popule meus“, die Frage des Gekreuzigten, was er seinem Volk angetan habe, dass es ihn zu Tode martere, interpretierte der Chor eine Komposition aus der Renaissance und zwei aus der Moderne. Thomas Luis de Victoria gestaltet seine Musik ruhig und langatmig, nicht der Vorwurf, sondern die endlose Liebe Gottes zum Menschen solle zum Tragen kommen, erklärte Dietmar Schiersner.

Ganz anders die Modernen, wo bei Thomas Gabriel die Anrede „mein Volk“ klanglich so gefärbt ist, dass das „mein“ recht fragwürdig daherkommt.

Gabriel, wie auch der polnische Komponist Grzegorz Miskiewicz, verleihen der Frage des Gekreuzigten und ihrer Antwortforderung eine markante, betroffen machende Schärfe, die Schuld des Menschen wird offenbar. Zum Konzertende erklang Johann Sebastian Bachs Motette „Lobet den Herrn, alle Heiden“, eine schwungvolle, freudestrahlende Musik, die in einen lichtvollen Alltag hinausführen solle, sagte der Chorleiter.

Die Zugabe bekamen die Besucher im Dunkeln, ein Krippenlied, bei dem allein die Krippe und der Stern über ihr beleuchtet waren. Im Dunkeln entschwanden die Akteure nach einem Konzert, das für Geist, Seele, Auge und Ohr viel geboten hatte. Das A-cappella-Wagnis hatte sich gelohnt, demonstriert es doch am besten, welche Schönheit und Gestaltungskraft der menschlichen Stimme zu Gebote steht.

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