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08.07.2010

"Ich mache keine Tränendrüsenfilme"

Schon mit 17 oder 18 Jahren wollte Simon Ritzler Regisseur werden, sagt er. Mit 28 hat er jetzt in Cannes einen Preis gewonnen.
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Schon mit 17 oder 18 Jahren wollte Simon Ritzler Regisseur werden, sagt er. Mit 28 hat er jetzt in Cannes einen Preis gewonnen.

Günzburg Simon Ritzler ist 28 Jahre alt und stammt aus Günzburg. Seit 2005 studiert er an der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg, die er Ende des Jahres abschließen wird. Sein Werbefilm "Held" wurde im Juni in Cannes beim Young Directors Award mit der Silbermedaille ausgezeichnet.

Worum geht es in dem Film "Held"?

Simon Ritzler: Es ist ein Werbespot für Hornbach, aber kein realer Werbefilm, sondern es ist Teil meiner Diplomarbeit. Darin baut ein Mann etwas in einer Einöde, das immer größer wird. Am Ende ist es eine riesige Arche, auf die viele Frauen laufen.

Wie viel Arbeit ist es, solch einen Werbefilm fertigzustellen?

"Ich mache keine Tränendrüsenfilme"

Ritzler: Der Film hat eine Länge von 78 Sekunden, doch insgesamt haben wir ein dreiviertel Jahr daran gearbeitet. Weil ich kein Geld zahlen konnte, war ich auf Menschen und Firmen angewiesen, die mich ohne Bezahlung unterstützt haben. Das zieht sich dann natürlich, weil die nur in ihrer Freizeit mithelfen können. Wir haben sechs Tage in der Umgebung von Stuttgart gedreht und ein halbes Jahr an den Effekten gearbeitet. Am Set waren 40 Menschen involviert, insgesamt waren 100 mit dem Projekt beschäftigt.

Welche Aufgaben gilt es zu verteilen und kann so ein Film tatsächlich ohne Geld realisiert werden?

Ritzler: Ich selbst habe das Drehbuch geschrieben und Regie geführt. Daneben brauchten wir einen Producer, Kameramann, Stylisten, Beleuchter, Visagisten und noch viele mehr. Von denen bekam keiner Geld, doch natürlich kostet das Material etwas, Mietfahrzeuge, Kostüme, Fahrtkosten und so weiter läppern sich dann schon ganz schön. Über die Filmhochschule und Sponsoren stand mir insgesamt ein Budget von 17 000 Euro zur Verfügung.

Sind Sie mit dem Ergebnis zufrieden?

Ritzler: Mit den Mitteln, die mir zur Verfügung standen, ist der Film so geworden , wie er sein sollte. In echt würde das natürlich ganz anders ablaufen. Da hätte ich beispielsweise in Südafrika gedreht.

Aufwendig klingt es trotzdem. Hatten Sie so etwas vorher schon einmal gemacht?

Ritzler: Bezogen auf das Team und die Kosten war es in jedem Fall der aufwendigste Film, den ich bislang gedreht habe und das, obwohl er nur so kurz ist. Ich habe beispielsweise schon einen Dokumentarfilm von 35 Minuten gemacht, der aber nur 4000 Euro gekostet hat. Bei einem Werbefilm muss man anders arbeiten: Alles muss super aussehen und die Kosten sind die gleichen, ob man von einer Szene nur zwei Sekunden sieht oder eine ganze Minute.

Woher hatten Sie die Idee für den Film?

Ritzler: Das weiß ich nicht mehr. Das Drehbuch habe ich schon vor längerer Zeit geschrieben, musste das Projekt aber immer wieder verschieben. Mir war die visuelle Herausforderung wichtig und es sollte ein "Leni-Riefenstahl-Zitat" sein. Der Film spielt auf die Filme der Regisseurin an, aber es steckt viel Ironie darin. Es ist eine Karikatur.

Welche Bedeutung hat der Young Directors Award für Sie?

Ritzler: Es ist der wichtigste Regie-Nachwuchspreis in der Werbung, der einem viel Prestige bringt und einen Schub für die Karriere. In dieser Branche ist es sehr wichtig, Aufmerksamkeit für sein Projekt zu bekommen und die Preisträger werden weltweit veröffentlicht. Für den Einstieg ist das schon sehr hilfreich.

Hatten Sie mit der Auszeichnung gerechnet?

Ritzler: Damit kann man nicht rechnen. Es ist eine subjektive Entscheidung. Dazu kommt, dass der Zeitgeist gerade ein etwas anderer ist, als das was ich mache - mehr in Richtung emotionale Geschichten mit Inseln und so. Ich mache keine Tränendrüsenfilme, meine Filme sollen Spaß machen. Umso mehr hat es mich gefreut, dass ich offenbar die Jury beeindruckt und unterhalten habe, obwohl es eben nicht dem Zeitgeist entspricht. Ich würde meinen Stil aber nicht für Preise ändern.

Wollten Sie schon immer Regisseur werden?

Ritzler: Schon sehr früh, seit ich 17 oder 18 bin. Aber ob es klappt, kann man nicht planen. Auch auf der Filmhochschule ist es schwer, denn die Konkurrenz ist groß. Du musst schon dort immer kämpfen und dich beweisen.

Wie geht es nach der Filmhochschule weiter?

Ritzler: Ich werde mich als frei schaffender Regisseur versuchen. Das ist ein harter Weg, man wird in dieser Branche nicht mit offenen Armen empfangen, sondern muss sich von Anfang an mit den Erfahrenen messen. Fehler darf man sich dort nicht erlauben. Es gehört viel Glück dazu und man muss sich gut verkaufen können. Ob es klappt oder nicht, hängt von vielen Faktoren ab, aber ich werde es ausprobieren und hoffe, dass ich erfolgreich sein werde.

Ist die Werbebranche Ihr Ziel oder wollen Sie irgendwann zum Film wechseln?

Ritzler: Werbung in Deutschland kann sicher nicht das Ziel sein, man schielt dabei immer ins Ausland, wo viel kreativere Projekte möglich sind als hier. England ist beispielsweise sehr interessant, aber auch die USA. Klar schielt man auch immer auf den Spielfilm. Aber in Deutschland kann man kaum von Spielfilmen leben und Fernsehfilme will ich auf keinen Fall drehen. Über die Werbung kann man ein sehr guter Handwerker werden, dafür gibt es viele Beispiele. Natürlich darf man dann nicht für Apfelsaft werben. Ich will Werbung drehen, die Spaß macht und die die Menschen gerne ansehen.

Wie stehen Sie zum Internet? Dank YouTube und anderer Plattformen kann ja heute jeder Filme drehen und veröffentlichen?

Ritzler: Durch das Internet hat sich die Werbung sehr und durchaus positiv verändert. Hier sind zwei- bis dreiminütige Werbespots möglich, nicht immer nur 30 Sekunden. You Tube halte ich für wichtig zur Verbreitung von Filmen, ich nutze die Plattform selbst. An der Qualität sieht man ja sofort, ob es sich um ein professionelles Video oder einen Amateurfilm handelt.

Interview: Lena Bauer

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