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Krumbach/Ursberg

21.11.2020

Ihre Gebeine liegen in den Kirchen Mittelschwabens

In einem Schrein an der linken westlichen Innenwand der Ursberger Kirche liegt die hl. Getreu. In den beiden Fenstern darunter sind Reliquien der hl. Benerose und Martina zu sehen.
Bild: Georg Drexel

Plus Die Reliquien der Katakombenheiligen in Krumbach, Ursberg und Roggenburg werden noch immer verehrt. Was aus Leben der Heiligen bekannt ist.

Es war am 31. Mai des Jahres 1578: Römische Weinbergarbeiter stießen mit ihren Spaten und Hacken auf einen Hohlraum im Erdreich und fanden die erste von mehreren unterirdischen Begräbnisstätten, die zwischen dem 1. und 5. Jahrhundert nach Christus angelegt worden waren. Die Schätzungen der Historiker, wie viele Menschen insgesamt in diesen Katakomben beigesetzt wurden, gehen weit auseinander. Am plausibelsten erscheint die Zahl einer wissenschaftlichen Studie aus dem Jahre 1950, die von 500000 bis 750000 Bestatteten ausgeht. Die Körper oder lediglich Gebeineteile von vier „Katakombenheiligen“ sind in der Pfarrkirche Ursberg zu sehen. St. Michael in Krumbach besitzt den hl. Valentin und auch in der Roggenburger Klosterkirche gibt es vier Reliquien solcher Toten.

Der hl. Valentin in St. Michael wird jetzt wieder jedes Jahr zu seinem Namenstag im Februar mit einem Festgottesdienst geehrt.
Bild: Georg Drexel

Gesicherte Dokumente, wie diese römischen Heiligen im 17. Jahrhundert in unsere Gegend kamen, gibt es nur wenige. Eine Ausnahme macht der hl. Valentin, von dem feststeht, dass er nachweislich im Jahre 1734 von dem venezianischen Adeligen Joannes Delfin den Christen des damaligen Marktes Krumbach geschenkt worden war. Es ist der in Krumbach geborenen Uschi Raab mit ihrer Facharbeit und dem derzeitigen Mesner von St. Michael, Gerhard Heinisch, durch seine privaten Recherchen zu verdanken, dass über den Heiligen wertvolle Details vorliegen. Unklar bleibt, warum gerade Krumbach ein solches Geschenk bekam. Die Vermutung liegt nahe, dass die Augsburger Fugger eine Rolle spielten oder aber der geplante Neubau von St. Michael, mit dem 1751 begonnen wurde.

Ein feierlicher Gottesdienst am 14. Februar

Im Pfarrarchiv gibt es die Urkunde, aus der „unzweifelhaft“ hervorgeht, dass der damalige Erzbischof Thomas vom Berg Ilcino „den heiligen Körper zur größeren Ehre des allmächtigen Gottes aus dem Friedhof von Calepodus herausgezogen (ausgegraben) und dem erlauchtesten und excellentesten Joannes Delfin, einem adeligen Venezianer, zum Geschenk gemacht hat“. Es wird diesem gleichzeitig bestätigt, er dürfe den Körper für sich behalten und ihn sogar aus Rom entfernen. Allerdings soll er die Reliquie in einer ihm beliebigen Kirche der öffentlichen Verehrung aussetzen. Durch sein Siegel bestätigte Delfin, dass es sich bei diesem „heiligen Körper“ um den „Heiligen Märtyrer Valentinus“ handelt. Allerdings bleibt unklar, um welchen Valentin es sich handelt, da historisch ab 300 n. Chr. mehrere Heilige dieses Namens auftauchen. St. Michael kann trotzdem stolz auf diesen Schatz sein und feiert zurecht den Geburtstag des Heiligen am 14. Februar mit einem festlichen Gottesdienst.

Bildet den Mittelpunkt im rechten Seitenaltar der Pfarrkirche Ursberg: Die kunstvoll bekleidete hl. Caritas.
Bild: Georg Drexel

Weitaus weniger bekannt ist die Geschichte und Herkunft der Reliquien in der Pfarrkirche Ursberg. Es handelt sich um die vier Heiligen Caritas, Getreu, Benerose und Martina. Der heute in Los Angeles (USA) lebende Autor und Fotograf Paul Koudounaris schreibt in seinem Buch „Katakomben-Heilige verehrt, verleugnet, vergessen“ über die heilige Caritas lediglich, dass sie vermutlich im 17. Jahrhundert von einer aus dem Umfeld stammenden Adeligenfamilie dem damaligen Prämonstratenserkloster Ursberg geschenkt worden war. Jedenfalls stammen nach seiner Ansicht Rock und Korsett stilmäßig aus diesem Jahrhundert. Für ihn wurden die Gebeine der Heiligen in diesem Zeitraum zu einem Skelett zusammengesetzt, gewandet und in bestimmte Posen gebracht. Koudounaris: „Man setzte oder stellte sie also in aufwendig und kunstvoll gestaltete Schaukästen, in denen sie ihren endgültigen Platz in der Kirche finden sollten.“ Für Ursberg war dies wohl der rechte Seitenaltar, in dem heute die heilige Caritas den Mittelpunkt bildet.

Kunstvoll eingekleidete Skelette

In seltenen Fällen legte man die zumeist von Klosterfrauen kunstvoll eingekleideten Skelette in einen Schrein, der an der Wand befestigt wurde. Ein Beispiel dafür ist die heilige Getreu, die in einer Nische der westlichen Kirchenwand links vom Eingang aufbewahrt wird. Unter ihr sind durch zwei kleine Fenster Teilreliquien von zwei anderen Katakombenheiligen zu sehen. Es handelt sich wohl um die Märtyrerinnen Martina und Benerose. Auch für sie gilt wie ebenso für die vermutlichen Märtyrerinnen Caritas und Getreu, dass nicht mehr festzustellen ist, wie die Skelette nach Ursberg gekommen sind. Unbekannt ist auch ihr Lebensweg und Genaueres über ihren Tod, denn in den vorliegenden Fachbüchern sind lediglich ihre Namen als Heilige genannt.

Gleiches gilt für die in der Roggenburger Klosterkirche zu sehenden Katakombenheiligen, bei denen es sich um die Heiligen Laurentia, Severina, Valeria und Venantius handelt. Nach Koudounaris wurden sie irgendwann im 19. Jahrhundert „radikal umgestaltet“ und „mit schweren Corsagen, Röcken und Roben verhüllt und ihre Schädel hinter Pappmaché-Masken versteckt“. Und auch die Schreine, in die man die Katakombenheiligen bettete, seien umgestaltet worden. Das Fazit des Historikers: „Sie sind vollständig hinter bemalten Abdeckungen verborgen, auf denen Skelette mit lebhaften Gesichtern verziert dargestellt sind. Und in dieser einsamen Dunkelheit fristen die maskierten und leblosen Gebeine von Roggenburg ihr vergessenes und stilles Dasein.“

Bis auf einen Tag im Jahr: Am 15. August feiern seit über zwei Jahrhunderten die Mönche zu Ehren der Heiligen das sogenannte Leiberfest. Dafür werden die Reliquien aus ihrem Schrein gehoben, auf Bahren gelegt, liebevoll mit Blumen geschmückt und in einer festlichen Prozession um das Kloster getragen. Weitere Katakombenheilige sind im schwäbischen Bereich nur noch in den Kirchen Biberbach, Donauwörth, Irsee und Ottobeuren zu finden.

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