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Ziemetshausen

27.01.2018

In Gedanken läuft sie noch durch die Straßen Londons

Petra Nelhübel (links) mit Candy aus Hongkong beim Spaziergang über die Themse. 
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Petra Nelhübel (links) mit Candy aus Hongkong beim Spaziergang über die Themse. 

Unsere Autorin Petra Nelhübel verbrachte drei Monate als Granny Nanny in der britischen Hauptstadt und sammelte vielfältige Eindrücke.

So richtig habe ich mich noch gar nicht verabschiedet. Nicht von Tina, für die ich an fast jedem Morgen Granatapfelkerne aus ihrem Gehäuse geklopft habe, weil sie die so gerne zum Frühstück isst. Und nicht von Felix, der französische Vokabeln hasst und ein für einen 13-Jährigen ganz unüblich großes Geschichtswissen hat. Gut vier Wochen ist es nun her, dass ich meinen Granny-Au-Pair-Aufenthalt in London beendet habe und in Gedanken lebe ich immer noch den Tagesablauf während meiner Zeit dort mit. In Gedanken laufe ich auch immer noch durch „meine“ Straße, die am Tag der Müllabfuhr immer so tiefe Einblicke in das Leben ihrer Bewohner gewährt. In Großbritannien sind die Müllbehälter offene Boxen. So weiß man bald sehr genau, welcher Nachbar eine große Vorliebe für Dosenbier hegt, wo augenscheinlich viel frisch gekocht wird (voller Biomüllbehälter) und wer das nicht so drauf hat (Kartonagenbehälter voller Pizzaschachteln). Man fühlt sich gleich ein bisschen wie Miss Marple, die berühmte britische Detektivlady.

Barber-Shop, der seine Kunden schon frühmorgens mit Freibier lockt

Biegt man am Ende der Straße rechts um die Ecke, kommt gleich nach einem kleinen, lokalen Supermarkt, einem Bestattungsinstitut und einer Pizzeria, ein Barber-Shop, der seine Kunden schon frühmorgens mit Freibier lockt.  Der Laden brummt und die Kundschaft ist so fidel wie die stets gut gelaunten Barbiere. An der U-Bahnstation muss ich mich entscheiden: Ostwärts Richtung Stadtmitte mit den ungezählten Möglichkeiten oder westwärts, wo es in Ealing etwas überschaubarer und damit auch beschaulicher wird. Im Shoppingcenter nahe Ealing Broadway gibt es sogar eine öffentliche Leihbücherei wo ich, wenn ich Glück habe, den märchenhaft bunten und kuscheligen Lesesessel für mich ergattere, um mich dann stundenlang nicht mehr vom Fleck zu rühren. Die missbilligenden Blicke der anderen Bücherfreunde blende ich aus. Es ist nicht nur mein Lieblingssessel. Um die Mittagszeit zum Café unter den Arkaden. Hier zieht es praktisch immer und trotzdem will ich gerade hierher. Ich stelle mir gerne vor, dass in lange vergangenen Zeiten, vielleicht noch als die Kelten gegen die römischen Besatzer kämpften, genau an diesem Ort der Platz der Geschichtenerzähler war. Vielleicht war gerade hier eine Feuerstelle, wo die Jungen zusammen kamen, um den Geschichten der Alten zu lauschen.

Geschichten aus noch ferneren Tagen. Nun ist hier keine Feuerstelle mehr. Nur wackelige, kleine Bistrotischchen um die sich harte, unbequeme Stühle gruppieren. Aber der alte Geist scheint noch zu wehen. Man sitzt hier nie lange allein. Hierher kommen alle, um ihre Geschichte loszuwerden. Mohammad der syrische Arzt, der Frau und Heimat verloren hat und dessen Kinder jetzt alle in Amerika studieren. Donatella aus Italien, die einmal sehr wohlhabend war, jetzt nicht mehr alle Zähne hat und einer lange vergangenen Liebe nachtrauert. Lakshmi, die davon träumt, eine eigene Wäscherei aufzumachen, um endlich selber Chefin zu sein. Manchmal wird aus den vertraulichen Vier-Augen-Gesprächen wie aus dem Nichts eine größere Runde. Der Stuhlkreis weitet sich, die Gespräche laufen durcheinander. Es wird lustig oder traurig und die Aschenbecher werden immer voller bis ein Angestellter kommt und sie energisch gegen frische austauscht. Dann wird es Zeit, sich neuen Kaffee zu holen. Oder zu gehen. Wenn man geht, dann mit dem Gefühl, uralte Bekannte zu verlassen. Wäre jetzt noch Zeit, könnte ich die nächste U-Bahn in die Stadt nehmen.

Das Nach-Hause-Kommen war wie das Überstreifen eines alten Lieblingspullovers

Dort, im Hyde Park, habe ich zum ersten Mal Candy getroffen. Mein Hongkong Mädchen, das vielleicht Pilotin werden möchte. Vielleicht aber auch nicht. Im Moment jedenfalls haut sie das Geld, das sie eigentlich für Flugstunden zusammengespart hat, für sündhaft teure Kochseminare auf den Kopf. Weil sie ein Café für Blinde aufmachen möchte. Vielleicht. Vielleicht will sie aber auch Bloggerin werden. Oder Innenarchitektin. Mit Candy war ich bei einer Backstage Tour im Nationaltheater und im Novello Theatre beim Abba Musical. Candy ist so jung. Sie konnte gar nicht glauben, dass ich die Abba-Songs alle aus meiner Kindheit kannte. Ich habe mich richtig alt gefühlt. Das wäre mir mit Heidi nicht passiert. Die wunderbare, unvergleichliche Heidi, der heimliche Star von Harrods, wurde vor langer Zeit in Krumbach geboren und alleine sie wäre eine ganze Geschichte wert. Aber sie hat es mir verboten. Schade, Heidi!

So viele neue Straßen, Plätze, Menschen trage ich jetzt mit mir. Das Nach-Hause-Kommen war dagegen wie das Überstreifen eines alten Lieblingspullovers. Am Saum ist er vielleicht schon etwas aufgeribbelt und an den Ellbogen hat er dünne Stellen. Er ist nicht zu schade zum Ärmel hochkrempeln, um sich wieder ins Alltagsgeschäft zu stürzen. Aber auch gemütlich, kuschelig und warm, um damit im Kreise der Lieben auf dem Sofa zu fläzen und ausgiebig das Wiedersehen zu feiern. Und vielleicht landet er irgendwann wieder im Schrank und ich ziehe noch mal los. Denn so richtig habe ich mich ja noch gar nicht verabschiedet.

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