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Alpenverein Krumbach

12.09.2015

In der Vertikalen ist der Kopf der wichtigste Muskel

In der Vertikalen: Markus Schropp (Trainer C im Sportklettern beim Alpenverein) beim Klettern auf der Mittelmeerinsel Mallorca.
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In der Vertikalen: Markus Schropp (Trainer C im Sportklettern beim Alpenverein) beim Klettern auf der Mittelmeerinsel Mallorca.
Bild: Ruth Graf

Warum Klettern so mitreißend sein kann. Und warum die Kenntnis der eigenen Grenzen so wichtig ist

„Schwabenteufel“, so nannten Bergsteigerkollegen die Gebrüder Anton und Hans Rieß. Wie ein Teufel sieht Hans Rieß eigentlich nicht aus. Seine blitzenden Augen verraten jedoch einen wachen Geist in einem Körper, dem man die 79 Lenze kaum ansieht. Mit ehrlicher Leidenschaft erzählt er vom Abenteuer Klettern. Fast durchgängig liegt ein dezentes, zufriedenes Lächeln auf seinen Lippen, während er mit fester Stimme spricht und – von Zeit zu Zeit – seinem Gegenüber jovial die Hand auf den Oberarm legt.

Während er sich ein Original-Hanfseil aus den Anfangszeiten des alpinen Kletterns mittels fachgerechter Spezialknoten umbindet, erläutert er, wie schmerzhaft es gewesen wäre, bei einem Sturz festzuhängen, während der Strick mit ganzer Kraft in die Haut einschneidet. Das Risiko, dass das Seil reißt, war zu jener Zeit noch sehr groß – und das einfache Hanfseil die Lebensversicherung des Kletterers. Etwa um 1950 kamen dann die ersten Nylon-Seile auf. „Das war damals eine Revolution. Bei einem möglichen Sturz reißt das Hanfseil einfach, und es schneidet massiv in den Körper. Ein Nylonseil dagegen dehnt sich.“ Heutzutage verwendet man dynamische Seile: elastischer, feuchtigkeitsabweisend und sicherheitszertifiziert.

„Diesen Haken hat man früher mit einem Hammer in die Bergwand geschlagen.“ Hans Rieß wirkt geradezu andächtig, als befände er sich in diesem Moment nicht auf dem oberschwäbischen Boden der Tatsachen, sondern in mehreren Tausend Metern Höhe, am nackten Fels. Nur der Kletterer und die Natur. Bis zu 50 Kilo wog die Originalausrüstung in jener Zeit, als die wagemutigen Kletterer sich der Herausforderung stellten. Bis dato hatten sich eigentlich nur Schafhirten und Jäger in die Berge begeben. „Und ganz früher auch die Priester“, ergänzt Rieß. Zur Ausrüstung gehörte auch ein Hut, der in jenen Tagen mit Taschentüchern ausgestopft wurde – zum Schutz gegen Steinschläge. Heute trägt man natürlich einen deutlich stabileren Helm.

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Derartig moderne Ausrüstung hätte so mancher gutgläubige Wanderer in den frühen Tagen der Kletterei gebrauchen können. Hans Rieß hat in seiner Zeit bei der Grenzpolizei zwei Totenbergungen miterleben müssen. Und doch kann man nicht generell sagen, dass das Klettern heutzutage grundsätzlich ungefährlich wäre.

„Das kommt sehr darauf an, was man macht“, schränkt Ruth Graf ein. Die passionierte Kletterin des Alpenvereins Krumbach erläutert: „Man unterscheidet zwischen Sportklettern und alpinem Klettern. „Das ist wie Marathon und 100-Meter-Lauf“, pflichtet Hans Rieß seiner Kollegin bei. Während bei der Sportvariante aufgrund moderner Sicherungstechnik das Risiko heutzutage deutlich minimiert ist, ist das alpine Klettern nach wie vor sehr anspruchsvoll: Wetterumschwünge müssen rechtzeitig erkannt, Wege gefunden und Steinschläge ertragen werden. Neben der körperlichen und geistigen Eignung ist hier also auch die nötige Kenntnis der Natur und ihrer Tücken erforderlich.

In modernen Kletterhallen, beim Bouldern, oder in Klettergärten stellen sich diese Probleme nicht. Auch in Krumbach wird es voraussichtlich noch dieses Jahr eine Kletterhalle geben. Der hiesige Alpenverein bringt es auf über 1000 Mitglieder, die auch recht aktiv sind. Der Geselligkeits-Aspekt ist nicht zu unterschätzen. „Kletterer sind im Allgemeinen sehr nette Leute“, stellt Hans Rieß fest. Die gegenseitige Verantwortung erfordert viel Vertrauen in den Kletterpartner. Da entsteht dann natürlich auch ein gewisses Maß an Vertrautheit. Der Schwierigkeitsgrad von Klettertouren wird in Zahlen ausgedrückt. Früher reichte die Skala von eins (einfach) bis sechs (schwer). Heutzutage haben die besten Kletterer – auch dank besserer Ausrüstung – Routen bis zu Level zwölf bewältigt. Nervenkitzel gibt es im alpinen Bereich also auch heute noch.

„Während der Tour trinkt man nicht“: An diese Regel, hielten sich damals alle Bergsteiger, wie beispielsweise der berühmte Kurt Diemberger, Erstbesteiger von zwei Achttausendern. „Der war aber tapfer“, lacht Ruth Graf. Auch Hans Rieß richtete sich danach. Dieser hohe Selbstanspruch ist charakteristisch: An die eigenen Grenzen gehen und den berühmten inneren Schweinehund bezwingen ist elementarer Bestandteil des alpinen Kletterns.

Klettern wird zur Selbsterkenntnis

Auch den Respekt vor der Natur lernt der Kletterer im doppelten Wortsinn: Einerseits die aufrichtige Bewunderung für die Schönheit der Panoramen, die ein Anblick aus höchster Höhe beschert, andererseits die tiefe Ehrfurcht, die ein glimpflich überlebter plötzlicher Steinschlag auslöst. Klettern wird dann zur Selbsterkenntnis, wenn dem Menschen seine Sterblichkeit und seine winzige Rolle angesichts eines gewaltigen Universums bewusst wird.

Erkenntnisse wie diese formen den Charakter. Demut und Bescheidenheit kennzeichnen auch Hans Rieß. Er will kein Foto von sich in der Zeitung sehen. Er braucht es gar nicht auszusprechen. Es ist völlig klar, dass – ungeachtet seiner beeindruckenden Leistungen im alpinen Klettern der „Schwabenteufel“ sein Bild in der Zeitung als falsche Eitelkeit betrachten würde.

Ruth Graf, als Vertreterin der modernen Kletterer-Generation, verbindet die Herausforderung des Abenteuers vergangener Tage mit dem sportlichen Reiz von heute. Als Physiotherapeutin bringt sie profundes Wissen über die Anatomie mit – beim Klettern ist das natürlich sehr hilfreich. Bei ihrer täglichen Arbeit wiederum profitiert sie von der Willenskraft, die sie beim Klettern stärkt.

Und tatsächlich wirkt die Bleicherin sehr gelassen. Hartnäckig bleiben, nicht vorschnell aufgeben, aber dabei auch seine eigenen Grenzen kennen. Ruth Graf und Hans Rieß sind sich einig: Der stärkste Muskel, der beim Klettern zur Anwendung kommt, ist immer noch der Kopf.

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