1. Startseite
  2. Lokales (Krumbach)
  3. In diesem Thannhauser Autohaus bekommen zwei junge Männer mit Handicap eine Chance

Thannhausen/Ursberg

04.05.2019

In diesem Thannhauser Autohaus bekommen zwei junge Männer mit Handicap eine Chance

Copy%20of%20Inklusion_am_Arbeitsmarkt_DRW_Liesenfeld_2019.tif
3 Bilder
Sie haben den Sprung auf den Arbeitsmarkt geschafft: von links Felix Fischer-Meyer mit Chefin Andrea Landherr und Alexander Vöst.
Bild: Manuel Liesenfeld/DRW

Plus Das Thannhauser Unternehmen Landherr beschäftigt zwei junge Mitarbeiter mit Handicap - und zeigt so, wie Integration gelingen kann.

Alexander Vöst hat es geschafft, die Stoßstange sitzt. Der 20-Jährige dreht die letzte Schraube am Heck des weißen Pkw fest, der vor ihm auf der Hebebühne steht. Alex, wie er von seinen Kollegen im Autohaus Landherr in Thannhausen genannt wird, hat gerade erfolgreich eine Anhängerkupplung montiert, sorgfältig und konzentriert. Er wechselt mittlerweile auch Reifen. Alex macht alles gerne, was mit Autos zu tun hat. Die Abwechslung in der Werkstatt begeistert ihn, auch wenn das, was er macht, den kritischen Blicken der ausgebildeten Fachkollegen standhalten muss. Alex hat seine Chance genutzt – zuerst als Praktikant für fast ein Jahr. Danach wurde er als Hilfsmechaniker angestellt.

Seine Chance genutzt hat auch der 24-jährige Felix Fischer-Meyer, der seit zwei Jahren in Thannhausen arbeitet. Sein Platz im Autohaus Landherr ist die Fahrzeugaufbereitung. Hierher werden gebrauchte Fahrzeuge angeliefert und zum Weiterverkauf vorbereitet. Felix überprüft die Frachtpapiere, kontrolliert die Fahrgestellnummern und schaut, ob die Fahrzeuge beschädigt sind. Ist alles korrekt, wird das Auto innen wie außen auf Hochglanz gebracht: Saugen, Sitze reinigen, Oberflächen behandeln. Ist das erledigt, kommt das Preisschild in die Windschutzscheibe und der Wagen kann den Kunden präsentiert werden. Felix ist sich bewusst: Würde diese Arbeit schlampig ausgeführt, würden die Autos nicht gekauft werden. „Die Kunden sehen sofort, wenn etwas dreckig ist.“ Felix hat früher in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung gearbeitet. Aber er wollte mehr und auch seine Betreuer sahen bei ihm Motivation und Potenzial. Um ihn heranzuführen an einen regulären Arbeitsplatz, suchten und fanden sie im Autohaus Landherr einen Betrieb mit rund 40 Mitarbeitern, der Felix einen „ausgelagerten Arbeitsplatz“ anbieten konnte.

Nach Thannhausen vermittelt

Hier erhielt Felix die Möglichkeit zu testen, ob er auf dem ersten Arbeitsmarkt bestehen kann. Der eher introvertierte junge Mann musste sich an die Dynamik in der Autowerkstatt erst gewöhnen. Ihm wurde deutlich, dass, anders als in einer Werkstatt für Menschen mit Handicap, der Leistungsgedanke im Vordergrund steht und es weniger Freiheiten gibt. Die Arbeitszeiten werden strenger kontrolliert, es gibt weniger Pausen, der Urlaub muss mit den Kollegen abgesprochen sein. Ähnlich ging es anfangs auch Alex, der erst die richtige Einstellung zu diesem Arbeitsplatz finden musste. Er wurde vom Integrationsdienst Schwaben nach Thannhausen vermittelt. Mit großem Selbstvertrauen gestartet, stand ihm seine Impulsivität zunächst immer wieder im Wege. „Am Anfang haben wir offen mit den beiden darüber gesprochen, was nicht so gut läuft und was wir stattdessen erwarten“, erzählt Chefin Andrea Landherr. „Dann haben sich Felix und Alex auffallend schnell an unser System gewöhnt und sind heute im Team voll integriert.“

ecsImgBannerNewsletter250x370@2x-1315723864673274678.jpg

So wie Alex können Menschen mit Handicap mittels eines Betriebspraktikums hineinschnuppern in den ersten Arbeitsmarkt. Dieses dauert gewöhnlich bis zu drei Monate und ist für den Betrieb kostenfrei. Als nächste Stufe bietet sich ein ausgelagerter Werkstattarbeitsplatz an, wie ihn Felix hat. Dauer und Lohn werden hier frei vereinbart, wobei die Lohnnebenkosten durch die Werkstatt für Menschen mit Behinderung getragen werden. Die Lohnkosten sind darüber hinaus auf die Ausgleichsabgabe des anstellenden Betriebes anrechenbar. Eine kurzfristige Beendigung des Arbeitsverhältnisses ist ebenso möglich wie der Ausbau auf einen befristeten oder unbefristeten Arbeitsvertrag. Für Betriebspraktikum sowie ausgelagerten Arbeitsplatz steht jeweils ein Integrationsbegleiter der Dominikus-Ringeisen-Werkstätten zur Verfügung, der Interessierte aus Betrieben und Werkstätten zusammenbringt, regelmäßig Kontakt hält und beide Seiten berät.

Begleitung durch das Ursberger Dominikus-Ringeisen-Werk

Eine neue Möglichkeit zur Inklusion auf dem Arbeitsmarkt ist das „Budget für Arbeit“. Es will sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze für Menschen mit Handicap schaffen. Dass diese weniger leistungsfähig sind, wird durch den Beitrag der bayerischen Bezirke zu den Lohnkosten ausgeglichen. So gewinnen beide Seiten wertvolle Zeit, Anpassungsschwierigkeiten zu überwinden. Das Budget für Arbeit soll Unternehmern Befürchtungen beim Betreten dieses Neulands nehmen und für eine möglichst stressfreie Einarbeitungszeit sorgen.

Claudia Madl vom „Inklusionsprojekt Südlicher Landkreis“ des Dominikus-Ringeisen-Werks (DRW) freut sich über die Entwicklung von Alex und Felix. Das DRW begleitet viele seiner Klienten auf ausgelagerten Werkstattarbeitsplätzen vom Handwerksbetrieb über das Gastgewerbe bis hin zu Krankenhäusern und im Einzelhandel. „Unser Anliegen ist es, für Menschen mit psychischen, geistigen oder körperlichen Einschränkungen einen Platz in der Gesellschaft zu finden. Inklusion findet gerade auch im Arbeitsleben statt. Hier gibt es gute Chancen für Menschen mit Beeinträchtigungen aber auch für den Arbeitgeber, sich weiterzuentwickeln, wenn die Bereitschaft dazu gegeben ist.“ Um bei Unternehmern die unterschiedlichen Möglichkeiten der Förderung von Menschen mit Handicap vorzustellen, hat sie zusammen mit ihrer Kollegin Anita Landherr (nicht verwandt mit dem Autohaus Landherr) eine Informationsveranstaltung in Krumbach durchgeführt. Hier traten auch Andrea Landherr, Ehemann Josef Landherr sowie Alex und Felix auf, um von ihren guten Erfahrungen zu erzählen. „Wir brauchen solche positiven Beispiele.

Empathie und Verständnis sind nötig

Das kann viele andere Betriebe ermutigen, solche besonderen Arbeitsplätze zu schaffen“, sagt Claudia Madl, deren Aufgabe es ist, in Sachen Inklusion zu beraten. Arbeitgeberin Andrea Landherr ist begeistert von Felix und Alex und beschreibt sie als sehr motiviert. „Die wollen“, bringt sie es auf den Punkt. Sie konnte es in ihrem Betrieb erleben, wie ein solcher Arbeitsplatz zwei Menschen mit Handicap dabei hilft, ihre Potenziale zu erkennen und sie zu nutzen. Sie weiß aber auch, dass dies nicht auf Knopfdruck geschieht. Beiden Seiten benötigen Zeit, sich aufeinander einzustellen. Nicht nur Alex und Felix fiel der Anfang schwer. Auch ihr neuer Arbeitgeber musste zunächst Abstriche an den eigenen Erwartungen machen. „Anfangs haben wir zu viel Wissen vorausgesetzt“, gibt Andrea Landherr zu. Heute weiß sie: Ein Betrieb, der einen Menschen integrieren möchte, der die Schlagzahl des ersten Arbeitsmarkts sowohl vom Wissenstand als auch von der Arbeitshaltung nicht gewohnt ist, darf den Neuen, aber auch der Stammbelegschaft nicht zu viel abverlangen.

Auch Lohnkostenzuschüsse alleine reichen nicht aus, um Inklusion am Arbeitsmarkt zu verwirklichen. Mit viel Empathie, Verständnis und gutem Willen ist es dem Autohaus Landherr gelungen, Felix und Alex eine berufliche Perspektive zu schaffen. Aufgrund der guten Erfahrungen ist Unternehmerin Landherr offen für einen weiteren Mitarbeiter, der in diese Arbeitswelt hineinwachsen möchte. Und Alex und Felix können sich ihrerseits vorstellen, sich auf ihrem Berufsfeld weiter zu qualifizieren. Alex hat schon ganz konkrete Pläne: Er würde gerne eine Lehre als Mechatroniker absolvieren. Erst aber nimmt er Nachhilfe in Mathe und Deutsch, um die Zulassungsprüfung zur Ausbildung zu bestehen. Felix möchte ebenfalls auf dem ersten Arbeitsmarkt bleiben. Er ist noch auf der Suche nach einer passenden Ausbildung. Ihren eingeschlagenen Weg wollen beide fortsetzen.

Informationen und Beratung

  • Inklusionsprojekt südlicher Landkreis Günzburg: Claudia Madl, 08281/92-2973 o. 0170/1991689, E-Mail: claudia.madl@drw.de
  • Direkter Kontakt zu Sozialdienst & Integrationsbegleitung der Dominikus-Ringeisen-Werkstätten: Elke Ulrich, 08281/92-2622, E-Mail: elke.ulrich@drw.de
Themen Folgen

Sie haben nicht die Berechtigung zu kommentieren. Bitte beachten Sie, dass Sie als Einzelperson angemeldet sein müssen, um kommentieren zu können. Bei Fragen wenden Sie sich bitte an moderator@augsburger-allgemeine.de.

Bitte melden Sie sich an, um mit zu diskutieren.

Lesen Sie dazu auch
Copy%20of%20deisenhausenkigargesamt.tif
Deisenhausen

Deisenhausen treibt Kindergarten-Bau voran

WhatsappPromo.jpg

Alle News per WhatsApp

Die wichtigsten Nachrichten aus Augsburg, Schwaben
und Bayern ganz unkompliziert auf Ihr Smartphone.

Hier kostenlos anmelden