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Krumbach

17.03.2018

„Jetzt bin ich Krumbacher“

Beim Vortrag der Arbeiterwohlfahrt im Munding: Organisator Peter Tschochohei, Nasser Algadia, Integrationsbeauftragter Achim Fißl und Referent Dr. Peter Barth.
Bild: Marc Hettich

Warum der Syrer Nasser Algadia seine Heimat verlassen musste und wie er hierher kam

2011, Daraa/Syrien: Sicherheitskräfte suchen eine Grundschule auf. Sie verhaften mehrere Kinder im Alter von 10 bis 12 Jahren – wegen regierungskritischer Parolen an den Schulwänden. Die besorgten Väter sprechen beim zuständigen Sicherheitschef vor (ein Schwager von Präsident Assad), um die Freilassung der Schüler zu erbitten. Die bestürzende Antwort: „Vergesst eure Kinder. Bringt mir eure Frauen, dann machen meine Männer und ich euch bessere Kinder“. Für viele Syrer war dieser Vorfall die Initialzündung zum Aufstand. Mitten im Arabischen Frühling gehen die Menschen auf die Straße. Auch der heute 28-jährige Nasser Algadia ist dabei.

„Ich bin Beduine. Und Beduinen machen immer Reise, Reise, Reise…“ Was ihm an Grammatik mangelt, macht er durch seine zurückhaltende, aber deutliche Mimik wett. Nasser kommt aus Syrien. Seit Herbst 2015 lebt er in Krumbach. Vor knapp 40 Zuhörern interviewte Krumbachs Integrationsbeauftragter Achim Fißl den 28-Jährigen im Gasthof Munding beim „Länderabend Syrien“, organisiert von der Arbeiterwohlfahrt.

Der in Kuwait geborene Syrer berichtet von seiner Heimatstadt Deir ez-Zor. Seine Flucht nimmt hier mit einem Boot über den Euphrat nach Aleppo ihren Anfang. Aus der Türkei bringt ihn ein Schleuser auf die griechische Insel Kos. Nach zwei Tagen in Athen ist er 45 Tage zu Fuß von Mazedonien nach Serbien unterwegs. „Lange Spazieren gegangen“, nennt er das grinsend. Insgesamt drei Monate und 15 Tage hat seine Reise gedauert. Warum hat der dreifache Vater all diese Strapazen auf sich genommen? Warum hat er die Revolution zurückgelassen?

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Anfangs beflügelt Hoffnung die Aufständischen. Kreativ, mutig und mit demokratischen Werten im Sinn, marschieren sie mit Fahnen in den Händen und Revolutionsliedern auf den Lippen durch die Straßen. Das Regime geht immer skrupelloser vor. Unzählige Regimegegner verschwinden in den Verliesen der Sicherheitskräfte. Viele brechen unter den willkürlich in die Menge abgefeuerten Salven zusammen. Die Verzweiflung wächst. Dazu trägt wesentlich die Tatsache bei, dass der Westen tatenlos zusieht. Durch all die unschuldigen Toten wachsen Wut und Enttäuschung. Erste Stimmen fordern Rache und wollen Gewalt mit Gegengewalt beantworten. Nasser und viele andere, die den friedlichen Weg vorziehen würden, werden überstimmt. Sieben ranghohe Offiziere sprechen sich im Fernsehen dagegen aus, für das Regime zu arbeiten. Die freie syrische Armee entsteht.

Keine Probleme zwischen den Religionen

„Vor dem Krieg gab es keine Probleme zwischen den Religionen“, erinnert sich Nasser. Tatsächlich gab es unter den vielen religiösen Fraktionen im säkularen Syrien zumindest an der Oberfläche keine nennenswerten Probleme. Assad und sein Apparat sind Alawiten. 80 Prozent der Bevölkerung gehören dagegen dem sunnitischen Islam an. Daneben gibt es Kurden, Drusen, Ismaeliten und viele weitere Minderheiten. Schnell bekommt die Freie Syrische Armee Unterstützung aus Ländern wie Saudi Arabien, Katar und auch aus der Türkei. So wird der (wahabitisch) sunnitische Einfluss auf die Aufständischen immer größer. Vom Westen enttäuscht und von ohnmächtiger Wut beflügelt, machen sich fundamentalistische Gruppierungen wie Al Kaida, Al Nusra und der islamische Staat unter den aufständischen breit. Radikalisierung als Antwort auf den Terror des Assad-Regimes.

Nasser macht eine eindeutige Geste mit der Hand an seinem Hals: „Sie haben ihm Kopf abgeschnitten“. In diesem Augenblick erfüllt betretenes Schweigen den Saal im Hause Munding. 2014 rückt der Islamische Staat gegen die freie syrische Armee vor. Nach der Eroberung richten die Islamisten viele Menschen hin. Darunter auch Nassers Bruder. Alle fünf Geschwister sind tot. Eine Schwester starb während eines Bombenangriffs der regulären syrischen Armee. Die zweite Schwester starb bei einer nächtlichen russischen Bombenattacke, zusammen mit ihrem Mann und vier Kindern. Zwei weitere Brüder sind im Kampf gegen Assad gefallen. Nasser vermisst seine Heimat. Als Beduine fehlen ihm besonders die Pferde und Schafe. Was er nicht mehr vermissen muss: seine Frau und die drei Kinder. Dank Familie Schlecker – die ihm in Krumbach nicht nur das Gefühl einer neuen Heimat schenkt, sondern auch einen Job in ihrem Unternehmen Beltane Naturkost.

Nasser fühlt sich in Krumbach willkommen. „Zu 90 Prozent“, fügt er hinzu. Syrische Flüchtlinge in ihre Heimat zurückschicken möchte die Alternative für Deutschland. Einige Bundes- und Landtagsabgeordnete aus Nordrhein-Westfalen um Dr. Christian Alex bereisen derzeit Syrien und zeigen Bilder aus friedlichen Regionen wie beispielsweise Damaskus. Daraus ziehen die Parlamentarier den Schluss, dass die syrischen Flüchtlinge in ihre Heimat zurückkehren sollten. Schließlich sei es dort sicher. „Er sitzt in einem Hotel unter der Kontrolle der russischen Armee und sagt, dass es Syrien gut geht“, kommentiert das Nasser mit einem bitteren Lächeln. Wenn der Krieg vorbei ist, möchte er gerne nach Syrien zurück. „Für meine Kinder ist Deutschland aber besser“, sinniert er. Auch viele türkische Einwanderer sind damals nicht zuletzt wegen ihrer in Deutschland sozialisierten Kinder hiergeblieben. Eine Rückkehr ist für viele Syrer nicht nur wegen der zerstörten Infrastruktur in ihren Heimatregionen schwierig. Auf junge Männer wartet der Kriegsdienst für ein Regime, das ihre Geschwister, Frauen, Eltern und Kinder vom Geheimdienst foltern lässt. Lösungen für den Konflikt sind nicht in Aussicht. Auch Professor Dr. Peter Barth von der Hochschule München sieht keine Musterlösung. Der Friedensforscher schildert ausführlich und mit vielen Fakten unterfüttert während des Länderabends im Munding die komplexen Hintergründe. Er hofft auf eine Einigung zwischen Russland und den USA, sowie auf eine stärkere Unterstützung syrischer Flüchtlinge in Jordanien.

„Jetzt bin ich Krumbacher“, verkündet Nasser lachend. Der dreifache Vater beantwortet die Frage, wen er denn gerne als Herrscher in Syrien sehen würde: „Die Sufis“. Diese islamischen Mystiker sind für ihre weltoffene, friedliche Grundhaltung bekannt. „Jenseits von richtig und falsch liegt ein Ort. Dort treffen wir uns“, sagte einst der berühmte persische Sufi Rumi. Bleibt zu hoffen, dass Syrien eines Tages diesen Ort findet.

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