17.07.2010

Jüdische Spurensuche

Mit großem Interesse verfolgten die Chormitglieder von Ranot die Erläuterungen von Herbert Auer (rechts) über die Historie des Jüdischen Friedhofs in Krumbach und über die Geschichte der Juden an der Kammel bis zum Zweiten Weltkrieg. Eberhard v. Wartenberg (Zweiter von rechts) von der Kirchengemeinde Thannhausen übersetzte für die Gäste ins Englische. Foto: Peter Voh
Bild: Peter Voh

Thannhausen Knapp drei Tage war der israelische Chor Ranot Gast der Evangelischen Kirchengemeinde in Thannhausen. Ein Großteil der 30-köpfigen Gruppe war bei Kirchenmitgliedern in und um die Mindelstadt fürsorglich untergebracht. Der Chor kam im Rahmen seiner zweiwöchigen Deutschland-Tour.

Dem Empfang schloss sich ein kleiner Rundgang durch Thannhausen an. Hans Rettenmaier und Herbert Kramer vom Heimatverein führten die Delegation zur Stadionkapelle und erläuterten den Gästen die Situation der Juden in Thannhausen im späten Mittelalter. Zum Ende des 16. Jahrhunderts bestand hier auch eine jüdische Druckerei, wovon ein Buch heute noch in der Bibliothek im englischen Oxford existiert. Der Heimatverein Thannhausen besitzt Kopien daraus, die Pfarrer Karl B. Thoma anlässlich einer Studienreise vor vielen Jahren angefertigt und mitgebracht hat.

Beeindruckt waren die Gäste von der Geschichte der Stadionkapelle. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts erwarb Graf Stadion die Herrschaft Thannhausen und ließ die Juden vertreiben. Etliche von ihnen ließen sich daraufhin in Krumbach und Ichenhausen nieder. Die Synagoge in Thannhausen aber wurde von Stadion in eine Kapelle umgebaut, wie sie heute noch besteht und im Volksmund noch gelegentlich als Judenkapelle bezeichnet wird.

Tags darauf besuchten die Ranot- Sänger den jüdischen Friedhof in Krumbach. Herbert Auer, Experte des Judentums in der Kammelstadt, informierte sie über die Geschichte im früheren Hürben, dem heutigen östlichen Stadtteil von Krumbach.

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Auf halbem Weg

Nachdem die doch zahlreichen Juden in der Region seinerzeit zentral auf dem jüdischen Friedhof in Burgau bestattet wurden, konnte man 1628 auf halbem Weg von Hürben zum Krumbad eine eigene Grabstätte anlegen. 1898 wurde ein Tahara-Haus zur Waschung und Einkleidung der Toten gebaut. Der Friedhof wurde in der NS-Zeit mehrfach geschändet, ein Teil der Grabsteine wurde als Baumaterial zweckentfremdet.

Unter den im Friedhof Beigesetzten ist auch die Schriftstellerin Hedwig Lachmann (1863-1918). Die letzten Bestattungen jüdischer Bürger fanden noch in den Jahren unmittelbar nach Ende des Zweiten Weltkrieges statt. Die Gäste aus Israel waren vom guten Zustand des Friedhofs überrascht und dankten Herbert Auer für seine fachkundige Führung.

Am Rande des Besuches spielte sich eine kleine persönliche Überraschung ab. Nelly Sommer von der Evangelischen Kirchengemeinde Thannhausen, die ihren Gast aus Israel auf den jüdischen Friedhof begleitete, stieß dort auf einen Grabstein, wo sie ihre Großmutter ver-mutet. Die Vorfahren von Sommer sind im 19. Jahrhundert an das Schwarze Meer ausgewandert, wo sie in der heutigen Ukraine geboren wurde, bevor sie über Kasachstan vor 15 Jahren nach Thannhausen übersiedelte. Herbert Auer wird nun versuchen, Nelly Sommer auf den Spuren ihrer Vorfahren zu helfen.

Das Ranot Vocal Ensemble verabschiedete sich nach dem großartigen Konzert in der Christuskirche. Neben einem Besuch der KZ-Gedenkstätte Dachau hatten sie ihren finalen Auftritt in München, bevor sie, voll guter Eindrücke besonders aus Thannhausen, in ihr Heimatland zurückgeflogen sind. (vop)

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