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Thannhausen

27.08.2017

Kerosin-Nebel über der Stadt

Die Wakeboard-Anlage von Thannhausen und im Hintergrund die 6100-Einwohner-Stadt selbst. Bis jetzt wussten weder Bürger noch die politisch Verantwortlichen, was über den Köpfen der Menschen geschehen ist. Die stellvertretende Landrätin und der Bürgermeister Thannhausens fordern eine umfassende Aufklärung.
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Die Wakeboard-Anlage von Thannhausen und im Hintergrund die 6100-Einwohner-Stadt selbst. Bis jetzt wussten weder Bürger noch die politisch Verantwortlichen, was über den Köpfen der Menschen geschehen ist. Die stellvertretende Landrätin und der Bürgermeister Thannhausens fordern eine umfassende Aufklärung.
Bild: Ulrich Wagner

Um in Notfällen Gewicht vor einer Landung zu reduzieren, lassen Großraumflugzeuge Flugbenzin ab. Dreimal ist das zwischen 2010 und 2016 im Landkreis Günzburg passiert. Kommunalpolitiker sind alarmiert.

Sie ist „entsetzt und sehr besorgt“: Diese Gefühlslage trifft auf Vizelandrätin Monika Wiesmüller-Schwab ( CSU) zu, nachdem sie aus dem Bayern-Teil unserer Zeitung erfahren hat, dass in den beiden vergangenen Jahren von Flugzeugen insgesamt 101 Tonnen Kerosin über der Gegend um Thannhausen abgelassen worden sind. Das geschieht in Notsituationen, wenn beispielsweise nach dem Start technische Probleme auftreten, die einen sicheren Weiterflug nicht gewährleisten; oder ein Passagier einen Herzinfarkt erleidet. Das Gewicht ist mit den noch vollen Treibstofftanks deutlich zu groß. Um schnell landen zu können, wird tonnenweise Kerosin abgelassen. Am 20. November 2015 (50 Tonnen) und am 23. Juni 2016 (51 Tonnen) ist das in der Umgebung von Thannhausen geschehen. Wiesmüller-Schwab, die Landrat Hubert Hafner (CSU) im Urlaub vertritt, ist höchst irritiert darüber, was da geschehen ist. Den örtlichen Behörden sind diese Notfall-Aktionen nicht bekannt gewesen. Allerdings erschien der Name der Stadt Thannhausen bereits im Oktober 2016 in einer Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage verschiedener Grünen-Bundestagsabgeordneten und der Grünen-Fraktion.

Dass Thannhausen fast ein Viertel der gesamten bayerischen Belastung (410,5 Tonnen) in den Jahren 2015 und 2016 abbekommen hat und der Landkreis Günzburg damit ein „absoluter Hotspot“ ist, will die Kommunalpolitikerin nicht akzeptieren. In wortgleichen Schreiben vom Freitag an Umweltministerin Ulrike Scharf, Gesundheitsministerin Melanie Huml und den Bundestagsabgeordneten Georg Nüßlein (alle CSU) fordert sie „zum Schutz unserer Bürger und deren Lebensgrundlagen Luft, Wasser und Boden“ Aufklärung darüber, weshalb über 100 Tonnen Kerosin in zwei Jahren über dem Gebiet um Thannhausen entleert wurden. Außerdem solle die Verantwortlichkeit festgestellt werden. Es müsse darüber hinaus untersucht werden, wie sich das Ablassen des Flugzeugtreibstoffs auf Mensch, Boden und Nutzpflanzen im Landkreis Günzburg auswirkt. Kerosin, führt Wiesmüller-Schwab aus, ist laut GHS (das steht für ein weltweit einheitliches System zur Einstufung und Kennzeichnung von Chemikalien) als gesundheitsgefährdend und umweltgefährlich klassifiziert. Benzol, ein Bestandteil von Flugsprit, wurde von der internationalen Agentur für Krebsforschung (IARC) als hochgradig krebserregend eingestuft, wenn der aromatische Kohlenwasserstoff eingeatmet wird oder über die Haut in den Körper gelangt.

Das in kleinste Tröpfchen abgelassene und verwirbelte Kerosin kommt nach Berechnungen nur zu etwa acht Prozent auf dem Erdboden an. Der weitaus größere Teil des Kerosin-Nebels verdunste in noch höheren Luftschichten und verbleibe in der Atmosphäre, bis die Strahlungsenergie der Sonne ihn in Wasser und Kohlendioxid umwandele. Nach Ansicht der Bundesregierung werden die erforderlichen Konzentrationen bei Weitem nicht erreicht, um gesundheitliche Schäden bei Menschen hervorzurufen. Eine weitere Forderung Wiesmüller-Schwabs lautet, das Netz der Luftmessstationen im Kreis enger zu knüpfen. Und: Es müsse „mit sofortiger Wirkung“ ein Verbot erlassen werden, über dem Landkreis Günzburg Kerosin abzulassen.

Auch Thannhausens Bürgermeister Georg Schwarz verfasste gestern – im Urlaub – einen Brief an Landesumweltministerin Scharf und protestierte darin „gegen die bisherige, völlig intransparente und einseitige Belastung unserer Bürgerinnen und Bürger in Thannhausen und Umgebung“.

Er bittet um Informationen darüber, welche Initiativen das Bayerische Umweltministerium ergreift, um das Ablassen von Kerosin nachprüfbar auf das absolut notwendige Maß zu beschränken. Außerdem will er wissen, wie es vermieden wird, bestimmte Regionen überproportional stark zu belasten. Und Schwarz möchte, dass die von derartigen Maßnahmen Betroffenen stets informiert werden.

Was gestern weder Schwarz noch Wiesmüller-Schwab wussten: Thannhausen taucht in der Antwort der Bundesregierung, die deutschlandweit alle Fälle ab 2010 auflistet, noch einmal auf: Am 29. Juni 2010 wurden bei Thannhausen 27,8 Tonnen Kerosin abgelassen.

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