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Landkreis

24.04.2015

Kriegsende: Freude, Erleichterung, aber auch Angst und Scham

Das Kriegsende in Krumbach: Am 27. April 1945 marschierten US-Truppen in die Kammelstadt ein. Unser Bild zeigt sie in der Mantelstraße in dem Bereich wo sich heute die AOK befindet.
Bild: Sammlung Hilber

Die Region kommt im April 1945 mit einem „blauen Auge“ davon. Doch da sind die zahllosen Toten an den Fronten, die Vermissten, die Gefangenen, die Vertriebenen.

Das Foto hat keine sonderlich hohe Qualität. Doch das Lächeln von Sergeant Ed Bernstein ist unverkennbar. Alles deutet auf ein Erinnerungsfoto für die Heimat in den USA hin. Bernstein ist Soldat der 12. US-Panzerdivision. Das Lächeln, die lässige Haltung neben einer großen Tafel mit der Aufschrift „Sie überschreiten jetzt die schöne blaue Donau…“ – es ist auch die Botschaft, dass alles gut gegangen ist, der Krieg wohl nicht mehr lange dauern wird. Im Handstreich überwindet die Division, die noch vor Monaten an der Westfront in schwere Kämpfe verwickelt gewesen war, die Donau.

Viele Menschen haben Angst vor den Standgerichten

In Dillingen überwältigen sie die völlig überraschte deutsche Brückenwache und erobern die Donaubrücke unversehrt. Weiter südwestlich sind es die Soldaten der 10. US-Panzerdivision, die die Iller am 24. April auf breiter Front überschreiten.  Hier der amerikanische Handstreich an der Donau, dort die Durchhaltereden der NS-Elite.  Der Günzburger Kreisleiter Georg Deisenhofer hält eine dieser Reden, die im Frühjahr 1945 landauf-landab zu hören sind. Er spricht bei der offiziellen Trauerfeier für die Opfer des Bombenangriffs auf Günzburg einige Tage zuvor. „Wir geloben ihnen (den Toten) in dieser Stunde, unsere ganze Kraft einzusetzen und nicht zu wanken, bis der Sieg unser ist.“ Bereits am 28. April werden die US-Truppen in Augsburg stehen. Der Krumbacher Georg Hofmeister ist in diesen Tagen des Frühjahrs 1945 elf Jahre alt. Er erinnert sich an das von Westen hörbare Artilleriefeuer, die Gespräche in Krumbachs Straßen. „Die Amis sind schon in Weißenhorn, morgen sind sie wohl in …“ Immer wieder zieht sich die Familie in ihren Keller in der Krumbacher Karl-Mantel-Straße zurück. Viele Menschen haben Angst, denn da sind auch die Standgerichte, die SS-Männer. Und der Befehl Himmlers, der fordert, dass aus einem Haus, aus dem eine weiße Fahne erscheint, ohne zu zögern alle männlichen Personen im Alter über 14 Jahren zu erschießen seien.

In Jettingen spitzt sich am 24. April die Lage zu. Die Berliner Journalistin Ursula von Kardorf wird vor Ort Zeugin der Ereignisse. „Nachmittags fünf Uhr. Vorhin kam eine Frau in den Garten gestürzt: Sie sind schon am Bahnhof, auf der Kirche weht die weiße Fahne.“ Doch es hatte sich offenbar um eine Falschmeldung gehandelt. Dann werden „Pfarrer, Bürgermeister, Gendarm und Ortsgruppenleiter von der SS verhaftet und abgeführt“. Der Pfarrer berichtet später von der Verhandlung im Scheppacher Gasthof zum Adler. Dort tagt ein Standgericht unter Vorsitz eines SS-Generals. Kein Zweifel: Es droht die Todesstrafe. Doch als die Amerikaner rasch näher rücken, ergreifen die Angehörigen des Standgerichts die Flucht, glücklicher Ausgang für die schon beinahe Verurteilten. Viele andere haben in diesen Wochen weniger Glück. Günzburg ist in diesen Apriltagen 1945, wie in der offiziellen Stadtchronik von Franz Reißenauer nachzulesen ist, übervoll von Flüchtlingen.

Freibier für die SS-Angehörigen

Am 25. April überqueren amerikanische Soldaten die gesprengte, aber noch passierbare Brücke an der Heidenheimer Straße. Die NS-Elite der Stadt war geflohen, so fällt bei der Übergabe der Stadt dem Kaufmann Ottmar Frick eine besondere Rolle zu. In geschliffenem Englisch spricht er „Sir, I have the honour to lay the fate of our town in your hands“ („Mein Herr, ich habe die Ehre, das Schicksal unserer Stadt in Ihre Hände zu legen“). Quasi im Stundentakt fällt Ortschaft für Ortschaft in amerikanische Hände. Nach dem Fall Günzburgs stehen US-Truppen vor Ichenhausen. Eine Mutter und zwei kleine Kinder kommen durch amerikanischen Artilleriebeschuss ums Leben. Ein von einem Wehrmachtsfahrzeug erfasster Bub stirbt. In der Stadt randalieren einige SS-Angehörige, die Lage droht zu eskalieren.

Da kommt Josef Demharter, den die Nazis 1933 aus dem Stadtrat gemobbt hatten, auf eine ungewöhnliche Idee. Er lässt den SS-Angehörigen Freibier ausschenken. Das verfehlt seine Wirkung nicht. Helene Rau (Jahrgang 1929) schildert in der Ichenhauser Stadtchronik, was dann passiert: „Die SS ist schließlich mit ihren Pferden in Richtung Krumbach davongeritten. Am 27. April wagten wir uns zu Fuß durch den Park und kamen bis zur Rohrer Straße. Dort stand bereits der spätere Bürgermeister Demharter mit einer weißen Fahne und wartete auf die Amerikaner.“

Im Raum Krumbach hatten die Amerikaner am 26. April Deisenhausen erreicht, um Mitternacht schlagen Granaten im Osten der Stadt ein, vier Menschen sterben. Die Kammelbrücke in der Karl-Mantel-Straße ist zur Sprengung vorbereitet. An der Brücke finden sich immer wieder Menschen ein, um gegen die Sprengung zu protestieren. Unter Ihnen ist, wie sich Georg Hofmeister erinnert, auch sein Vater Franz. „Er kam ganz schockiert zurück“, berichtet Georg Hofmeister. SS-Angehörige an der Brücke hatten offenbar gedroht, ihn zu erschießen. Bürgermeister Konrad Kling und der Oberstabsarzt im damaligen Reservelazarett Krumbad, Dr. Adalbert Wohllaib, erreichen schließlich, dass das Krumbad – und damit auch Krumbach – als Lazarettort anerkannt wird. In der Ulmer Straße schreiten Kling und Wohllaib den Amerikanern in den Morgenstunden des 27. April entgegen.

Es bleiben viele Narben

Kurz darauf rollen US-Panzer durch die Stadt. Thannhausen war bereits einen Tag zuvor kampflos besetzt worden. Der spätere Bürgermeister Hans Bronnenmaier hält diese Tage in seinen Aufzeichnungen fest. Mit Blick auf die erbitterten Endkämpfe im Osten oder auch die schweren Bombenangriffe in der Schlussphase des Krieges wird das Kriegsende in der heimischen Region oft als glimpflich bezeichnet. Schwere Kampfhandlungen blieben der Region 1945 erspart, doch da sind diese vielen anderen Narben. Die jüdischen Gemeinden in Ichenhausen und Hürben? Ausgelöscht. Der aus Günzburg stammende KZ-Arzt Josef Mengele auf der Flucht. Menschen mit Behinderung? Rund 800 wurden umgebracht, etwa zu gleichen Teilen aus der damaligen Heil- und Pflegeanstalt Günzburg und aus den Anstalten der St.-Josefs-Kongregation Ursberg. Tausende von den Nazis verschleppte Zwangsarbeitern befinden sich nach Kriegsende noch in der Region. Tausende von Heimatvertriebenen sollten erst kommen. Tausende blutjunge Soldaten waren vor allem in der letzten Kriegsphase gefallen wie etwa der 18-jährige Bruder des späteren Bundesfinanzministers Dr. Theo Waigel. All diese bitteren Erlebnisse werden die Menschen in den Jahren und Jahrzehnten danach nicht loslassen.

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