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06.06.2009

Krumbach/Ziemetshausen Wenn jemand den Ziemets

Krumbach/Ziemetshausen Wenn jemand den Ziemetshauser Franz Maier als mittelschwäbisches Urgestein bezeichnet, dann wird man ihm wohl kaum widersprechen. Maier, im Mai 1945 noch keine 20 Jahre alt, ist seit vielen Jahrzehnten im öffentlichen Leben seiner Heimatgemeinde Ziemetshausen wie in der Sprache Mittelschwabens gleichermaßen verwurzelt. Doch dann ist da dieser Moment, in dem man einen ganz anderen Franz Maier erlebt. Einen Augenblick scheint er ganz in sich selbst versunken zu sein und plötzlich murmelt er einige Worte Französisch. Nein, nicht dieses typische deutsche Schulfranzösisch. Für Momente hat man das Gefühl, dass Maier in dieser Sprache zu Hause zu sein scheint. Der Mittelschwabe Franz Maier war in französischer Gefangenschaft. Die Gefangenschaft hat sein Leben verändert wie das vieler Soldaten aus unserer Heimat.

Es sind bekannte Namen wie Franz Maier, die Krumbacher Alfred Hennings, Otto Schorer (beide jahrelang in russischer Gefangenschaft) oder Hans Kling, Lothar Birzle und auch Georg Dietrich aus Breitenthal (alle drei waren in einem britischen Gefangenenlager in Ägypten), die für das Schicksal vieler Männer aus Mittelschwaben stehen.

Während in Deutschland die Waffen endlich schweigen, bleiben elf Millionen deutscher Soldaten oft noch jahrelang in den Gefangenenlagern der Alliierten. Hinzu kommt noch etwas anderes: Hunderttausende von Zivilisten, Frauen, Kinder und alte Menschen werden verschleppt, sie müssen in den Weiten der Sowjetunion Fronarbeiten leisten. Über eine Million deutsche Gefangene sterben - vor allem in der Sowjetunion, aber auch in Frankreich. Bis vor Moskau und Stalingrad waren die Deutschen gekommen, dann drängt die Rote Armee die Wehrmacht Kilometer für Kilometer nach Westen zurück. Auf ihrem Vormarsch erobern die Sowjets ein systematisch verwüstetes und ausgeplündertes Land zurück. Es ist eine Begegnung mit beispiellosen Verbrechen. Dazu gehört auch der Mord an den sowjetischen Kriegsgefangenen. Von insgesamt 5,75 Millionen sowjetischen Kriegsgefangenen sterben 3,3 Millionen in deutschen Lagern.

Gesten der Menschlichkeit

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Nun trifft der Hass der Sieger die Besiegten - und er trifft, wie das meist im Krieg ist, oft die Unschuldigen. In der Sowjetunion überleben viele der drei Millionen deutschen Soldaten, die im Osten gefangen genommen wurden, schon den Marsch in die Lager nicht. Doch es gibt auch Gesten der Menschlichkeit. Immer wieder stecken russische Zivilisten, die selbst an Hunger leiden, deutschen Gefangenen Lebensmittel zu. Gefürchtet bleibt die sowjetische Gefangenschaft dennoch.

Der Ort der Gefangennahme hing oft von bisweilen merkwürdigen Zufällen ab. Franz Maier aus Ziemetshausen ist dafür ein bemerkenswertes Beispiel. Der 1925 in Erkheim geborene Landwirtssohn kämpft jahrelang als Gebirgssoldat an der Eismeerfront unweit der sowjetischen Hafenstadt Murmansk in einer unwirtlichen Gegend gegen die Rote Armee. In solch erbitterten Kämpfen ist die Wahrscheinlichkeit, dem Gegner als Gefangener in die Hände zu fallen, nicht gering. Doch Maier gerät am 17. März 1945 an der Westfront zunächst in amerikanische Gefangenschaft und kommt schließlich nach Frankreich. Maier wird auf einem französischen Bauernhof untergebracht. Andere müssen in Bergwerken und Steinbrüchen arbeiten, manch einer sieht keinen anderen Ausweg, als sich bei der französischen Fremdenlegion zu verpflichten - um in einem erbitterten Kolonialkrieg in vietnamesischen Reisfeldern zu sterben. Im Vergleich zu den Gefangenen in Frankreich und insbesondere der Sowjetunion finden die Gefangenen der Briten und Amerikaner meist vergleichsweise erträgliche Bedingungen vor. Lagerbibliotheken, täglich Weißbrot, Cornflakes, Schweinebraten, Steaks: So mancher der deutschen "Prisoners of War" in den USA kehrt halbwegs gut genährt nach Hause zurück - um in den Hungerwintern der Nachkriegszeit in Deutschland eine böse Überraschung zu erleben.

In der Regel korrekt behandeln auch die Briten die deutschen Gefangenen. Aus Frankreich kehren die Kriegsgefangenen in der Regel bis zum Jahre 1948 zurück. Mitte der 50er-Jahre befinden sich aber immer noch rund 10 000 Deutsche in sowjetischer Gefangenschaft - unter ihnen aber auch fanatische Nazis wie beispielsweise einige SS-Ärzte aus Auschwitz.

Diplomatischer Drahtseilakt

1955 reist Bundeskanzler Konrad Adenauer nach Moskau. In einem heiklen diplomatischen Drahtseilakt gelingt es ihm, die letzten deutschen Kriegsgefangenen in der Sowjetunion nach Hause zu holen. Es ist die legendäre "Heimkehr der Zehntausend". Im Oktober 1955 kommen die ersten im Lager Friedland an. Als die Klänge des Chorals "Nun danket alle Gott" zu hören sind, scheint für die geschundenen Männer, die nach vielen Jahren ihre Frauen und Kinder sehen, der Krieg endgültig vorbei zu sein. Aber da ist auch etwas anderes: Viele groß gewordene Kinder erkennen ihre Väter nicht mehr - die Väter, die das Überstandene oft nur schwer oder gar nicht in Worte fassen können. Es sind Momente, wie sie Wolfgang Borchert bereits 1947 in seinem Werk "Draußen vor der Tür" eindringlich beschrieben hat. Die Begegnung mit einer Heimat, die einem fremd geworden ist: Nach der Rückkehr aus dem ägyptischen Gefangenenlager schreibt der Breitenthaler Georg Dietrich (Jahrgang 1926) am 16. September 1948 in sein Tagebuch: "Die Menschen haben sich innerlich und äußerlich sehr verändert. Viele habe ich nicht mehr erkannt."

Der Rückkehr von Gefangenen folgt mitunter eine menschliche Entfremdung im engsten Familienkreis. Der Krumbacher Alfons Schier (Jahrgang 1937) erinnert sich an seinen Vater Alfons (geboren 1913). Er geriet kurz vor Kriegsende auf der Halbinsel Kurland in sowjetische Gefangenschaft. Aus einem Lager bei Moskau kehrte er erst 1949 zurück. Die Schiers waren inzwischen aus Nordböhmen vertrieben worden. Der junge Alfons ist zwölf Jahre alt, als er seinen Vater wiedersieht: "Mein Vater war lange Zeit wie ein fremder Mann für mich."

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