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Krumbach

09.07.2015

Lange wach bleiben mit offenem Herzen

Sarah Lesch alias Chansonedde begeisterte die Krumbacher im Biergarten des Wiedemanns Keller.
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Sarah Lesch alias Chansonedde begeisterte die Krumbacher im Biergarten des Wiedemanns Keller.
Bild: Mark Hettich

Sarah Lesch, alias „Chansonedde“ begeisterte das Krumbacher Publikum mit ihrem sensiblen Gespür für große und kleine Alltagshelden

Sie wirkt wie ein erwachsen gewordenes Hippie-Mädchen, das sich trotz allem eine ehrliche herzerfrischende Naivität bewahrt hat. Routiniert, aber keineswegs gelangweilt, spielt sie mal Ukulele, mal Gitarre. Ihre Augen blitzen schalkhaft auf, wenn sie lachend mit dem Publikum scherzt, während sie ihr Instrument stimmt. Wie beiläufig erzählt sie zwischen den einzelnen Liedern von den kleinen und großen Begebenheiten, die mit ihren Liedern untrennbar verknüpft sind.

Oft baut sie vor den Refrains ihrer Songs subtile kleine Pausen ein. In dieser Stille traut sich niemand zu atmen, um die Spannung des Moments durch eine Schwingung in der Luft nicht zu zerstören. Nur ein paar Vögel zwitschern, während das Publikum gebannt auf den Gesang der Liedermacherin wartet. Der Zeitpunkt des Vogelgesangs könnte nicht besser passen: gerade spielt sie ein Cover von „Wellensittiche und Spatzen“ – im Original von Gerhard Schöne (den sie charmant als eine ostdeutsche Variante einer Mischung aus Rolf Zukowski und Reinhard Mey vorstellt).

Wo ist eigentlich die Moral, wenn man sie braucht?

Sarah Lesch alias „Chansonedde“ glänzt beim Stubenmusik-Konzert im Wiedemanns Keller durch ihr Charisma und ihr gelassenes Gitarrenspiel – vor allem aber durch ihre Wortakrobatik. „Komm wir bleiben lange wach und machen uns statt Gedanken ein Bier und das Herz auf“, fordert sie in ihrem Stück „Nichts“. Das Publikum im Luvo-Biergarten kommt all diesen Aufforderung gerne nach.

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Die ursprünglich aus Thüringen stammende Singer-/Songwriterin lebt in Tübingen, ist aber auch oft in Augsburg anzutreffen. Neben ihrer Bookerin Cornelia Salz weilt da auch ein Mitmusiker, dem sie den Namen „Der eiserne Heinrich“ gegeben hat. Von der Fuggermetropole ist der Weg nach Krumbach gar nicht so weit. Das Konzert am vergangenen Samstag wurde von den Stubenmusik-Machern mit Unterstützung des Krumbacher Kult-Vereins auf die Beine gestellt: die Buchung erfolgte im Rahmen des Crowdfundings zu Sarahs neuem Album „Von Musen und Matrosen“. Eine noch recht neue, unkonventionelle Art, eine Platte zu finanzieren.

Unkonventionell waren auch die Gedichte, die Sarah in das Konzert einstreute. Wie in ihren Liedern kam auch hier ihr sensibles Gespür für große und kleine Alltagshelden zum Ausdruck. Sie berichtet von einem Barkeeper, der ihr klar macht, dass inzwischen auch Leute, die zehn Jahre jünger sind als sie, schon einen Führerschein besitzen – und nennt das den „Barkeeper-Effekt“. Sie singt vom freiheitsliebenden Wolf und ertappt dabei im Publikum immer wieder Herren, die verständig nicken und zu erkennen geben, dass sie sich selbst in der Rolle des streunenden Wolfes gefallen. „Der Kapitän“ hat sie Stefan Schmidt gewidmet, der Flüchtlinge aus Seenot gerettet und in Italien an Land gebracht hat. Dort wurde er wegen „Beihilfe zur illegalen Einreise“ festgenommen.

„Wo ist eigentlich die Moral, wenn man sie mal braucht?“, fragt sie in ihrem Lied „Wir halten uns“ – und bleibt die Antwort nicht schuldig: „Die sitzt vor dem Fernseher und regt sich über Ausländer auf“.

Das Publikum bestimmt die Zugabe

Gekonnt lässt sie ihr Wechselbad der Gefühle auch für die etwa 50 tapferen Krumbacher ein, die trotz Rekordhitze im Wiedemanns Keller ihren Liedern lauschen. Von melancholischer Sehnsucht über herrlich unverkrampfter Albernheit bis hin zu purer kindlich-unbeschwerter Lebensfreude reicht die Bandbreite der Emotionen, die ihre vielschichtige Stimme zu wecken vermag.

Kein Wunder, dass sie den Abend also nicht ohne eine Zugabe beschließen durfte. Auf Wunsch des Publikums meisterte sie souverän den Mundart-Text von HMBCs Hit „Von Mellau bis Schoppernau“ und forderte ihre Zuhörer zum gemeinsamen „Schnänänä“ auf (lautmalerisches Mitsingen von Songs, deren Text man eigentlich gar nicht versteht).

Dieser Ausflug zur Stubenmusik soll mit einem letzten Zitat aus einem der vielen kleinen Chansonedde-Meisterwerke enden: „Wo ist eigentlich die wahre Schönheit?“ - „Die ist in München und lässt sich die Nase korrigieren“. Eine weitere mögliche Antwort wäre: in den Liedern von Sarah Lesch.

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