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Landkreis Günzburg

08.12.2020

"Lernen zuhause": Was das für Schüler und Lehrer im Kreis Günzburg bedeutet

Ab Mittwoch müssen Schüler ab der achten Klasse in Corona-Hotspots in den Distanzunterricht. Das bedeutet: Lernen am Laptop, statt pauken im Klassenzimmer.
Bild: AZ-Archiv

Plus Schüler ab der 8. Jahrgangsstufe müssen zumindest bis zu den Weihnachtsferien daheim alleine lernen. Was das bedeutet, verrieten Leiter zweier Schulen. Warum dem Schulamtsdirektor bange ist und wo Kritikpunkte liegen.

Präsenzunterricht, Wechselunterricht, Distanzunterricht - und wieder zurück: So könnte man das "Wechselbad" für die heimischen Schulen in der Corona-Krise umschreiben. Ab Mittwoch, 9. Dezember gelten im Kreis Günzburg wieder einmal neue Regeln, viele Schüler sind während des Unterrichts wieder zuhause. Ein Schulleiter kritisiert die Informationsarbeit des Kultusministeriums mit deutlichen Worten

Ab Mittwoch, 9. Dezember, gilt in Corona-Hotspots mit einem Inzidenzwert über 200 für Schulen die Regelung, dass ab der Jahrgangsstufe 8 Schüler komplett in den Distanzunterricht wechseln müssen. Für sie gilt, dass sie sich daheim vor ein Tablet, einen Laptop oder einen PC setzen müssen, um am digitalen Unterricht entweder in Echtzeit teilzunehmen, oder sie müssen Aufgaben, die ihnen von den Lehrern übermittelt wurden, erledigen. Ausgenommen sind Abschlussklassen. Sie dürfen weiterhin ins Schulhaus kommen und werden weiterhin im Präsenzunterricht beschult.

Unklar war bis zuletzt an den Schulen noch, wie die elften Klassen behandelt werden. In der Wechselunterrichtszeit galten sie als Abschlussklassen und durften ebenfalls im Schulhaus unterrichtet werden. Eine gleichlautende Anordnung vom Kultusministerium fehlte am Dienstag am Vormittag noch. Im Entwurf der neuen 10. Infektionsschutzverordnung, der uns vorliegt und am Mittwoch in Kraft treten soll, wenn der Landtag es in seiner Dienstagnachmittagssitzung absegnet, wurde allerdings die 11. Jahrgangsstufe nicht mehr als Abschlussklasse definiert. Nur noch die jeweils letzten Jahrgangsstufen einer Schule, dürfen dann im Präsenzunterricht bleiben, ebenso Grundschüler, Förderschüler und die Jahrgangsstufen fünf bis sieben.

Die Informationen an Schulen gehen spät ein

Mit Andreas Eberle, dem Schulleiter des St. Tomas-Gymnasiums des Schulwerks der Diözese Augsburg in Wettenhausen telefonierten wir kurz nach einer Durchsage seinerseits an seine Schüler. Darin wies er sie an, all ihre Arbeitsmaterialien aus der Schule mit nach Hause zu nehmen, damit sie diese im Distanzunterricht ab Mittwoch auch parat hätten.

Da sich seit vergangener Woche einige Klassen bereits im Wechselunterricht befunden hätten und nicht alle Schüler im Schulhaus seien, habe er bereits am Freitag den Schülern gesagt, dass sie sich auf den drohenden Distanzunterricht vorbereiten sollten. Allerdings ist Eberle auch leicht sauer auf die Informationspolitik des Freistaats.

Er trage alle Regelungen der Corona-Pandemie mit, das sei keine Frage, doch habe er bis zuletzt keine offizielle Information von staatlicher Seite bekommen. Stets erfahre man erst aus den Medien, was ab wann wieder gelten solle. Mit einer gehörigen Portion schwarzen Humors sagte er am Dienstag: „Wir haben ja noch Zeit bis morgen früh um sieben Uhr, denn der Unterricht beginnt ja erst um acht Uhr.“ Durch die fehlende Information habe er auch noch keinen Elternbrief über die neue Unterrichtsregelung rausschicken können.

Lehrer senden ihren Unterricht vom leeren Klassenzimmer in Wettenhausen in die Heim-Büros der Schüler

Den Distanzunterricht muss man sich so vorstellen, dass die Lehrer in der Regel in die Schule kommen. „Bei uns kann von jedem Klassenzimmer aus gestreamt werden, jeder Lehrer hat von Trägerseite her ein Gerät dafür bekommen“, sagt Eberle. Da die Lehrer ja in der Regel auch in den Präsenzklassen unterrichten müssten am gleichen Schultag, könnten sie den Unterricht für die Distanzklassen dann aus dem leeren Klassenzimmer heraus erteilen. Die Schule mit ihren knapp 640 Schülern und über 50 Lehrern biete auch Leihgeräte für Schüler an. Die Schule habe rund 80 Stück bekommen, die aber nur zu einem Drittel bis jetzt verliehen seien. Die Lehrer und auch die Schüler seien inzwischen trainiert, mit dem System Teams zu arbeiten, sagt Eberle. Um die Stoffvermittlung sei es ihm nicht bange, eher um die seelische Gesundheit der jungen Menschen macht er sich Sorgen, wenn man sich nicht mehr persönlich treffen könne.

An der Realschule in Krumbach macht man sich Sorgen um die Neuntklässler

Hermann Bicker, Konrektor an der Staatlichen Realschule Krumbach, verabschiedet gerade fünf Kollegen in Quarantäne wegen eines positiven Covid-Falls in einer Klasse, als die Redaktion sich bei ihm meldet. Immerhin könnten diese Lehrer jetzt den Distanzunterricht von daheim aus trotzdem erteilen. Distanzunterricht erleichtere die Komplexität des Vertretungsplans, für den er zuständig sei. Wenn die Lehrer selber keine Symptome hätten, könnten sie weiter digitalen Unterricht erteilen. Sorgen macht sich Bicker um die Eltern. „Die haben durch den Distanzunterricht jetzt richtig Stress“, sagt er. Oft seien sie selber im Homeoffice und müssten dann mit den Kindern klarkommen und koordinieren, wann die Kinder an den Computer dürften, um ihre Aufgaben zu erledigen, denn oft sei in einer Familie eben nur ein einziges solches Gerät vorhanden.

Auch seine Schule verfüge über Leihgeräte für Schüler. Derzeit seien sieben verliehen. Drei Notebooks liegen noch zur Ausleihe bereit und weitere zehn Geräte bekomme die Schule noch, da gebe es aber Lieferschwierigkeiten. „Wir haben nicht so viele Geräte bestellt, weil die Nachfrage an unserer Schule nicht groß war“, erklärt Bicker. Allerdings habe er den Verdacht, dass viele sich nicht trauten, zuzugeben, dass sie doch ein Gerät brauchen könnten. Manche Schüler versuchten, daheim alles auf dem Handy zu erledigen. Weil sie nicht drucken könnten, schrieben sie die Matheaufgaben ab, lösten sie, fotografierten die Lösung und schickten diese dann dem Lehrer zurück. Manche Schüler hätten generell auch Schwierigkeiten mit der Internetverbindung von Zuhause aus. Etwa in Deisenhausen sei kein Livestream möglich. Andere hätten tatsächlich gar keinen Internetanschluss zur Verfügung. Sie behelfen sich manches Mal mit dem mobilen Datenkontingent des Handys, was auch nur eine schlechte Lösung sei.

Verpflichtenden Leistungsnachweise reduzieren

Was Bicker und auch Realschulleiter Rudolf Kögler beklagen, ist auch die Situation bei den vorgeschriebenen Leistungsnachweisen. Schon in Wechselunterrichtszeiten sei es schwierig, diese zu organisieren, jetzt im Distanzunterricht könnten sie nicht stattfinden und müssten verschoben werden. „Wohl auf den St. Nimmerleinstag“, seufzt Bicker ironisch. Bicker und Kögler wollen von offizieller Seite mal eine Anweisung bekommen, dass die geforderte Zahl der Leistungsnachweise gekürzt wird. Dazu habe man auch bereits mit Schulleiterkollegen telefoniert.

Die verbleibende Zeit für die Leistungsnachweise werde ja immer kürzer und „wir wollen die Kinder ja beschulen und nicht permanent Leistungsnachweise verlangen“. Auch hätte sich Bicker gewünscht, dass die neunten Klassen vom Distanzunterricht ausgenommen werden würden. Diese Kinder hätten bereits im Lockdown im Frühjahr in der 8. Klasse kaum Unterricht gehabt. Da blieben einfach Lücken. Jetzt im Wechselunterricht sei das nicht aufzuholen gewesen und wenn diese Schüler jetzt Distanzunterricht, dessen Ende ungewiss sei, hätten, „dann werden diese Jugendlichen ein bitteres zehntes Schuljahr, das Jahr ihrer Abschlussprüfung, haben“, fürchtet Bicker. In den Distanzunterricht werden in der Krumbacher Realschule drei achte und drei neunte Klassen geschickt.

Sorgen um die Schulkinder macht sich auch Schulamtsdirektor Thomas Schulze vom Schulamt Krumbach. Er ist für die Grund- und Mittelschulen im Kreis Günzburg zuständig. „Uns ist angst und bange um die achten Klassen“, sagt er. Sie hätten im ersten coronabedingten Lockdown zum Teil nur neun Unterrichtstage gehabt und „da klafften Lern- und Leistungslücken sperrangelweit auf“. Dazu käme, dass diese Schüler nicht durchgängig elterliche Unterstützung hätten. „Sie tun sich außerdem schwerer selbstständig und eigenverantwortlich zu lernen.“ Er sähe es lieber, wenn diese Schüler weiter zum Lernen in die Schule kommen dürften.

Zusammen mit Landrat Hans Reichhart hat Schulze eine Information vorbehaltlich der Landtagsbeschlüsse vom Dienstagnachmittag herausgegeben. So sei noch nicht sicher gewesen, ob zum Beispiel die Förderschulen auch vom Distanzunterricht betroffen seien, da müsse man auf den Landtagsbeschluss warten. Kurz vor Redaktionsschluss informierte uns der Grünen-Landtagsabgeordnete Max Deisenhofer darüber, dass es wohl eine Mehrheit dafür geben werde, dass alle Jahrgangsstufen der Förderschule weiterhin den Präsenzunterricht besuchen dürfen.

Lehrer und Schüler seien inzwischen auf einem anderen Stand als im Frühjahr beim Digitalunterricht. Mit der Plattform Teams konnten alle 36 Grund- und Mittelschulen im Landkreis Günzburg versorgt werden (Günzburger Schulen kamen später dazu, weil sie zuvor noch eine andere Plattform nutzten). „Ich bin stolz darauf, wie die Digitalisierung in wirksamer Weise eingesetzt wird, das ist nicht einfach ein bisschen Gedaddel“, meinte der Schulamtsdirektor. Die Lehrer böten einen rhythmisierten Unterrichtsvormittag und seien mit Korrekturen und direktem Feedback oft bis in den Abend hinein beschäftigt, wenn das gut gemacht werde.

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