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Neuburg

02.05.2020

Luitpold Zahler - eine markante Persönlichkeit aus Neuburg

Vor rund 55 Jahren starb mit Luitpold Zahler aus Erisweiler eine markante Persönlichkeit des mittelschwäbischen Raumes.
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Vor rund 55 Jahren starb mit Luitpold Zahler aus Erisweiler eine markante Persönlichkeit des mittelschwäbischen Raumes.
Bild: Sammlung Jekle

Luitpold Zahler aus dem Ortsteil Erisweiler ist vor rund 55 Jahren gestorben. Seine Lebensleistung, die durch die Brüche der Zeitgeschichte geprägt ist, rückt jetzt wieder ins Bewusstsein.

Unübersehbar, fast dominant, erhebt sich ein Grabstein am Eingang zum Neuburger Friedhof. Ganz oben steht „Luitpold Zahler – Gutsbesitzer von Erisweiler“. Vor 55 Jahren starb mit Zahler eine markante Persönlichkeit des mittelschwäbischen Raumes. Er war unter anderem Kreisrat, Marktgemeinderat und Kreisobmann des Bayerischen Bauernverbandes. Viele Schicksalsschläge musste er hinnehmen. Er trug aber auch einen Umstand in sich, der ihn schwer belastete. Als Mitglied der NSDAP musste er sich nach Kriegsende einem umfassenden Entnazifierungsverfahren stellen. Die nationalsozialistische Ideologie war ihm jedoch offenbar fremd. Darauf deutet eine Vielzahl von eidesstattlichen Erklärungen von Bürgern, Bauern und Amtsträgern hin.

Zahler erblickte in Erisweiler im April 1895 das „Licht der Welt“. Im Mai 1915, während des Ersten Weltkriegs, wurde er zur Armee einberufen und an der Westfront eingesetzt. Im Januar 1919 entließ ihn das Heer als Unteroffizier. Ein Jahr zuvor erlitt er einen Kopfschuss. Im Jahr 1931 übernahm er den stattlichen Gutshof von seinem Vater Georg und heiratete im selben Jahr die Bauerstochter Karolina Arzt aus Bubesheim, die 1946 starb. Vier Jahre später vermählte er sich mit der Kriegswitwe und Heimatvertriebenen Erna Brückner aus dem Sudetenland. Bereits 1930 trat Zahler in die NSDAP ein. Verführt von nationalsozialistischen Schlagworten, vertraute er dieser Partei und hoffte auf Verbesserungen für die Landwirtschaft. Er erkannte offensichtlich keine Anhaltspunkte für die verbrecherischen Ziele dieser Partei. Aktive Parteiarbeit betrieb er jedoch nicht. Nach Kriegsausbruch beugte er sich wohl unter dem Druck der Kriegseinsatzbestimmungen einer Anordnung der NSDAP-Kreisleitung. Zahler übernahm die Geschäftsführung der Ortsgruppe Neuburg, nachdem der damalige Ortsgruppenleiter zur Wehrmacht einberufen worden war.

Versammlungen trotz Mahnungen nicht abgehalten

Sein Jahrgang blieb davon in den ersten Kriegsjahren des Zweiten Weltkrieges verschont. Die aufdringliche Propaganda der NSDAP war ihm jedoch offenbar zuwider und fremd. Vorgeschriebene Mitgliederversammlungen hielt er trotz Mahnungen durch die Kreisleitung nicht ab. Nationalistisches Gedankengut hat er offensichtlich nicht vertreten. Im Rahmen des Spruchkammerverfahrens nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges haben sich zahlreiche Befragte positiv über Zahler geäußert. In den uns aktuell vorliegenden Dokumenten gibt es allerdings keinen Hinweis, in welche Kategorie Zahler letztlich eingestuft wurde.

Luitpold Zahler - eine markante Persönlichkeit aus Neuburg

Wie umgehen mit den Verbrechen der Nazis, aber auch mit der Durchdringung des Alltags durch die nationalsozialistische Ideologie? Das waren wichtige Fragen der sogenannten Entnazifizierungsverfahren, die nach 1945 in den Besatzungszonen höchst unterschiedlich abliefen. In der amerikanischen Zone, zu der auch Mittelschwaben gehörte, mussten alle Einwohner über 18 Jahre (13 Millionen in der US-Zone) einen Fragebogen ausfüllen. Vor deutschen „Spruchkammern“ gab es zahlreiche Verfahren. Die Betroffenen wurden schließlich in fünf Kategorien eingestuft: 1. Hauptschuldige, 2. Belastete, 3. Minderbelastete, 4. Mitläufer, 5. Entlastete. Im Zuge der zunehmenden Blöckekonfrontation („Westen“-„Ostblock“) während des „Kalten Krieges“ verloren die Alliierten allmählich das Interesse an diesem Verfahren. Oftmals wurden frühere Einstufungen abgemildert, beispielsweise von „Minderbelastet“ zu „Mitläufer“.

Als Kreisbauernführer habe sich Zahler, so der Blick in die uns vorliegenden Akten, für die berufständischen Interessen der Landwirtschaft und nicht für die politischen Bestrebungen des Nationalsozialismus eingesetzt. Sein Kampf gegen Methoden der Willkür, Gewalt und Unterdrückung wie auch seine Haltung in religiösen Dingen und seine Einstellung gegen die nationalsozialistische Rassenlehre waren offensichtlich in Neuburg bekannt. So kamen auch viele politisch oder rassistisch Verfolgte mit ihren Anliegen zu ihm. Zahler half, wo er nur helfen konnte. „Luitpold Zahler hat solange gegen die Nazis gearbeitet, bis ich als Nazigegner eine Schafweide bekommen habe. Luitpold Zahler hat mir geholfen, dass ich und meine Familie, ich hatte acht Kinder, nicht brotlos geworden bin“, bestätigte beispielsweise ein Schafhalter aus Unterbleichen im Mai 1947. Und es gibt noch viele weitere schriftlich fixierte Aussagen. So versicherte der damalige Bürgermeister Franz Xaver Dopfer aus Neuburg im August 1946, dass sich in der Gegenwart Zahlers Nichtparteimitglieder Kritik am Dritten Reich und seiner Führung erlauben konnten. Sie liefen nicht in Gefahr, von ihm verraten und dafür herangezogen zu werden. „Er ist nie als Vertreter des Naziregimes aufgetreten, sondern war immer nur Vertreter, Betreuer und Beschützer des Bauernstandes“, bestätigte ebenfalls im Juni 1947 ein Bürger aus Niederraunau. Bekannte Gegner des Nationalsozialismus beließ Zahler trotz Verbotes in ihren führenden Stellungen bei Darlehenskassenvereinen, Molkereigenossenschaften und ähnlichen Einrichtungen und unterstützte sie gegen jeden „Angriff“ vonseiten der Partei.

Mutter und Vater früh verloren

Für Zahler, der mit 23 Jahren (1918) seine Mutter und mit 36 Jahren (1931) seinen Vater verloren hatte, begann nach dem Krieg die schwierigste Zeit seines Lebens. Im Juli 1945 wurde er aus politischen Gründen im Internierungslager Moosburg inhaftiert. Kurz zuvor, am 5. Mai 1945, hatten französische Truppen seinen Gutshof in Erisweiler geplündert, geraubt und alles zusammengeschlagen. Der Hof war quasi verwüstet. Während seiner Haft bewirtschaftete ein Treuhänder die Landwirtschaft mit einer Fläche von 40 Hektar Acker und Wiesen sowie 13 Hektar Wald so recht und schlecht. Acht Pferde, 25 Schweine und 20 Milchkühe mit Nachzucht mussten versorgt werden. Zahler hatte keinen Einfluss auf die Geschehnisse im Hof. Am schmerzhaftesten war für ihn jedoch, dass er im Juni 1946 nicht an der Beisetzung seiner ersten Frau teilnehmen durfte. Ein Freigang zur Beerdigung wurde ihm verwehrt. Drei Jahre später, im Jahr 1948, wurde er mit Freispruch aus der Haft entlassen. Abgemagert kehrte er auf seinen Gutshof zurück. In Freiheit und voller Optimismus verhalf er seinem heruntergekommenen und im miserablen Zustand befindlichen Anwesen zu neuem Glanz.

Ein Schlepper mit 20 PS

Neben den Pferden war ein Schlepper mit gerade mal 20 PS die einzige maschinelle Unterstützung. Trotz der vielen Arbeit nahm er noch zwei Flüchtlingsfamilien auf seinem Hof auf. Nach den Kriegsjahren engagierte sich Zahler ehrenamtlich in vielen Bereichen. Er kehrte 1956 bis zu seinem Tode an die Spitze des Kreisverbandes Krumbach des Bayerischen Bauernverbandes zurück, dessen Leitung er bereits von 1940 bis 1945 innehatte. Der ehemalige Kreisobmann fühlte sich stets als Sachwalter der Bauernschaft und hatte mutig deren Interessen vertreten. Auch im Kreistag Krumbach, dem er seit 1952 bis zu seinem Tode angehörte, war er wegen seiner Sachlichkeit und Loyalität geschätzt. Im Neuburger Marktrat setzte er sich als aufgeschlossener und korrekter Bürger für die Belange seiner Mitmenschen ein. Als Gebietsvertreter beim Arbeitsamt wie als Vorstandsmitglied von Genossenschaften und ländlichen Vereinen hatte der Verstorbene auch seine Spuren hinterlassen. Unerwartet starb er im Jahr 1964 im Alter von 69 Jahren. Fast eine ganze Seite füllten die Nachrufe in den MN und erinnerten an einen engagierten allseits anerkannten Gutsbesitzer.

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