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Krumbach

19.01.2021

Mit der „Polarstern“ vier Monate am Nordpol: Das haben zwei Krumbacher erlebt

Spezielle Polaranzüge waren bei Temperaturen bis zu 35 Grad minus die wichtigsten Utensilien. Unser Bild zeigt das Paar (links) im Gespräch mit einem Mannschaftskameraden.
Bild: Sammlung Schlagenhaufen

Plus Das Ehepaar Schlagenhaufen aus Krumbach hat die jüngste Arktistour des deutschen Forschungsschiffes aufmerksam verfolgt. Denn vor mehr als 37 Jahren waren sie als Arzthelferin und Techniker selbst dabei.

„Die vier Monate auf der Polarstern waren das Highlight unseres bisherigen Lebens.“ In diesem Punkt einig sind sich Kurt und Ursula Schlagenhaufen aus Krumbach, wenn sie über ihre „interessanteste und abenteuerlichste Seefahrt“ erzählen, die sie als Besatzungsmitglieder auf dem Forschungsschiff erlebten. Sie liegt inzwischen mehr als 37 Jahre zurück, doch die Fahrt durch eine der kältesten Regionen der Erde ist für sie bis heute ein prägendes Erlebnis.

Sie blättern noch gern in den Fotoalben ihrer früheren Schiffstouren: Ursula und Kurt Schlagenhaufen.
Bild: Sammlung Schlagenhaufen

So fällt es ihnen leicht, über Details und diverse Erlebnisse zeitnah und spannend zu berichten. Neu in Erinnerung gekommen sind diese für das Ehepaar nach der bisher längsten und aufwendigsten deutschen Arktis-Expedition der Polarstern. Sie war bekanntlich vom 20. September 2019 bis mitte Oktober 2020 für das Alfred-Wegener-Institut erneut in der Arktis unterwegs, ein Unternehmen, das mit einem Budget von 140 Millionen Euro ausgestattet war und die Erforschung des Polarmeeres nahe des Nordpols zum Ziel hatte.

Die Fahrt der "Polarstern" begann im April 1983

Ursula Schrom und Kurt Schlagenhaufen gehörten nach der Indienststellung des Forschungseisbrechers im Dezember 1982 zur Besatzung der ersten Arktis-Tour und zwar als Helferin für den Schiffsarzt sowie als Techniker zur Betreuung der Maschinenanlage und der Forschungsobjekte. Die Expeditionsfahrt dauerte damals von April bis August 1983. Was sie dabei erlebten? Geradezu ins Schwärmen geraten die beiden, wenn es darum geht, sich an einmalige Erlebnisse zu erinnern. Einige Beispiele dafür? Sie reichen von „es ist in den über vier Monaten nie Nacht geworden“, über „sogar einen Eisbären haben wir gesehen, der mit einer Robbe im Maul unterwegs war“ bis zu „gut überstanden haben wir mehrere arktische Stürme und Tage mit extremer Kälte“. Was beide zusätzlich als „positives Novum“ noch heute sehen, ist die „erlebte Kameradschaft und das Gemeinschaftsgefühl zwischen studierten Forschern und der aus den verschiedensten Nationen zusammengesetzten Besatzung“. Das heutige Ehepaar: „Wir lernten aus uns unbekannten Berufen und Ländern Menschen kennen, die wir vorher nie gesehen hatten und reiften in diesen vier Monaten zu einer Mannschaft, auf die sich jeder in jeder Situation verlassen konnte.“

Solche Unterschiede waren es aber schon die Jahre vorher, die das Paar im eigenen Leben erfahren hatte. Geboren ist Ursula Schrom in Krumbach, wo sie nach der Schulzeit beruflich als Arzthelferin in der Röntgenabteilung des Krankenhauses tätig war. Ihr späterer Mann Kurt Schlagenhaufen ist Österreicher und stammt aus der Nähe von Graz, wo er als Techniker von einer deutschen Elektrofirma ins Afrikanische Nigeria geschickt wurde. Reisen war schon immer das Hobby der beiden. Sie bewarb sich mit 22 Jahren bei der Hamburger Reederei Hapag Lloyd als Stewardesse. Ihre ersten Seefahrten erlebte sie auf einem Stückgutfrachter und war zuständig für die Verpflegung der Besatzung.

Von Indonesien bis Brasilien war die "Polarstern" unterwegs

Sie lernte Hafenstädte in Indonesien, Südafrika, Brasilien, der Karibik und natürlich auch in Europa sowie im Mittelmeer kennen, bevor sie oft Monate später wieder nach Hamburg zurückkehrte. Sie erinnert sich noch gut: „Unser Frachter blieb für die Be- und Entladung verschiedentlich mehrere Tage im Hafen und so hatten wir Zeit für Landgänge. Mir war dabei immer wichtig, Land und Leute kennenzulernen.“ Heute sei dies kaum noch möglich, da die Liegezeit der Schiffe in den Häfen sehr teuer sei und deshalb möglichst kurz gehalten werde. Was noch hinzukommt: „Heute gibt es in der Großschifffahrt fast nur noch Containerfrachter, die mittels Kräne in Stunden verladen werden.“ Ihre Erkenntnis daraus: Zeit für einen Landgang bleibt nicht mehr.

Die Polarstern war für das Paar bei ihrer Arktisexpedition vor 37 Jahren über vier Monate lang das „Zuhause“.
Bild: Sammlung Schlagenhaufen

Ähnliches erlebte der ihr damals noch unbekannte Kurt Schlagenhaufen. Er hatte im gleichen Alter das gleiche Ziel: „Als ich in einem Hafen in Nigeria einige Ersatzteile abholen musste, kam mir die Idee: Ich gehe aufs Schiff.“ Er kündigte sein Arbeitsverhältnis, flog zurück in die Heimat, fuhr weiter nach Hamburg und heuerte auf dem Frachtschiff Harmonia an, das im August 1982 dort im Hafen lag und für die Fahrt nach Indonesien beladen wurde. Das Schicksal war ihnen gut gesinnt. Zur gleichen Zeit erhielt Ursula Schrom den Auftrag, die Harmonia als Stewardesse nach Singapur zu begleiten. Wenige Tage an Bord „funkte“ es. Ursula und Kurt lernten sich kennen und erkannten rasch, dass daraus mehr werden könnte. Die Folge: Auf der dreimonatigen Fahrt nach Indonesien „hat es gut harmoniert“, mit dem Ergebnis: Es folgte ein gemeinsamer Urlaub und danach schipperten die beiden über ein Jahr lang auf dem gleichen Frachter quer durch die Weltmeere.

"Physisch starkes Personal" wurde in Hamburg gesucht

Zurück in Hamburg erfuhren sie, dass für die erste Arktis-Forschungsfahrt der Polarstern „physisch starkes Personal“ gesucht werde. Das Paar bewarb sich, bestand die geforderten Untersuchungen über Gesundheit und Seetauglichkeit mit Erfolg und wurde als Röntgen- und Arzthelferin sowie als Serviceexperte für die Schiffstechnik und die Betreuung der Forschungsanlagen gebraucht. Anfangs April 1983 begann die Reise zum Nordpol in Bremerhaven und führte in der Nordsee entlang von Norwegen und Spitzbergen direkt in das Eismeer vor dem Nordpol. Während sich die Forschungsteams immer wieder abwechselten, blieb die Besatzung bis zum Ende der Expedition gleich. Wichtigstes Utensil war in den folgenden Monaten die speziell für jedes Mitglied geschneiderte Polarkleidung für Temperaturen von 0 bis 25 Grad minus. Erreicht wurde ihres Wissens das Ziel der Expeditionsreise in vollem Umfang: „Neue Erkenntnisse über die sich verändernden Eisverhältnisse in der Arktis und Untersuchungen des dortigen Meeresbodens mittels Schallwellen.“

Es sollte die letzte große berufliche Seereise der beiden sein. „Wir haben viel von der Welt gesehen, waren immer wieder an einem anderen Flecken dieser Erde und erlebten die unterschiedlichsten Typen von Menschen. Was uns besonders freut, sie waren immer freundlich, kameradschaftlich und wenn notwendig auch hilfreich“, so ihre Erkenntnis. Und das Fazit daraus: „Es hat gereicht und jetzt genießen wir unser Wissen bei privaten Reisen zu Städten, die wir damals vom Schiff aus kennengelernt haben.“

Paar aus Krumbach heiratete im November 1983

Es gab einen weiteren Grund: Im November 1983 wurde geheiratet. Nach der Geburt eines Sohnes und einer Tochter folgten Beschäftigungen im Augsburger Hauptkrankenhaus als Röntgenfachkraft sowie als Techniker in Mering. Fünf Jahre später zogen sie zu ihren Eltern nach Krumbach und kauften vor zwei Jahren ein Haus im Hopfenweg. Kurt Schlagenhaufen machte sich als Servicetechniker für Fräsanlagen selbstständig und besucht seine Kunden noch immer in ganz Europa. Seine Frau Ursula hat ihren Beruf aufgegeben und erledigt seit 20 Jahren als Mädchen für alles die anfallenden Büroarbeiten ihres Mannes. Was sie aber noch immer nicht lassen können? „Die Seefahrt war für uns beide die schönste Zeit unseres Lebens und so reisen wir auch heute noch gerne in fremde Länder – allerdings erst wieder nach Corona.“

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