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Ichenhausen

09.04.2018

Nadeln, Steine und Schlagmarken

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2 Bilder
Einfach und zweckmäßig ist die von Rudolf Schlecker erfundene und gefertigte Halterung für Schlagsteine, die Alfred Engel zeigt.
Bild: Irmgard Lorenz

Rudolf Schlecker und Alfred Engel aus Ichenhausen erzählen von ihrer Arbeit als Feldgeschworene. Vieles hat sich im Lauf der Jahre verändert, aber eines ist geblieben.

Von wegen sieben! Gerade mal zwei gibt es noch in Ichenhausen, denn es ist bei den Feldgeschworenen wie auch bei manchen anderen Ehrenämtern. „Es sind fast keine Jungen da. Dann müssen halt die Alten weitermachen“, sagt Alfred Engel. Er wird bald 73 und ist seit etwa 30 Jahren Feldgeschworener in Ichenhausen. Mit ihm zusammen übt noch Fridolin Bissinger dieses Ehrenamt aus. Traditionell wurde oft eine Siebener-Gruppe bei der Kennzeichnung von Grundstücksgrenzen und Flurstücken eingesetzt, weshalb Feldgeschworene auch einfach kurz „Die Siebener“ genannt werden.

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„Ich hab mich einfach bereit erklärt, da mitzuschaffen“, sagt Rudolf Schlecker, der mit seinem Rentenantritt auf Bitte des Bürgermeisters das Ehrenamt angenommen und es bis 2017 ausgeübt hat. Mit 88 Jahren denkt er immer noch gern an die 24 Jahre als Feldgeschworener. „Da wirsch vereidigt!“, sagt Schlecker, und mit diesem kurzen Satz drückt er die Verantwortung aus, die Feldgeschworene auch heute noch haben, wenngleich sie nicht mehr zwangsläufig als Siebenergruppe agieren und längst dem Vermessungsamt unterstellt sind. Die Behörde schätzt das Wissen und die Ortskenntnis der Feldgeschworenen, die meistens ja auch wissen, wem welches Grundstück gehört.

Auf die Frage nach der Zusammenarbeit zwischen den Ehren- und Hauptamtlichen Grenzexperten sagt Alfred Engel: „Es hat halt solche und solche Vermesser gegeben.“ Seit etwa 20 Jahren aber, sind die Herren vom Amt „lauter Guade“, sagen Schlecker und Engel.

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Der eine ist Schmid, der andere Landwirt

Schlecker und Engel, beide gebürtige Ichenhauser, der eine ehemaliger Schmied, der andere Landwirt, haben es allerdings auch verstanden, sich Respekt zu verschaffen. Der 88-jährige Schlecker erinnert sich noch gut an den Bau eines Wegs nach Ettenbeuren. Da kam ein großer Quader als Grenzstein zutage, je etwa 30 Zentimeter breit und hoch und um die 75 Zentimeter lang. Der Ingenieur habe verlangt, dass die Feldgeschworenen das schwere Trumm ausgraben. Rudolf Schlecker hat auch damals kein Blatt vor den Mund genommen. Nach einem deftigen schwäbischen Ausspruch des Schmieds war die Sache jedenfalls erledigt. Der Stein blieb, wo er war.

Körperlicher Einsatz war und ist Teil der Arbeit von Feldgeschworenen. „Beim Grenzstein suchen muss man halt auch graben“, sagt Alfred Engel. Da gibt es Grenzsteine, die so tief liegen, dass sie kaum zu finden sind, und hin und wieder fehlt auch einfach mal einer. Der ehemalige Landwirt hat schon erlebt, dass Grenzsteine nach Auffüllungen einen dreiviertel Meter tief im Boden lagen. Dass sie auch mal ganz verschwunden sind, habe meistens mit Unwissenheit zu tun, sagt er. Heute werden Grenzsteine oft nicht mehr nur 30, sondern 40 Zentimeter tief gesetzt, damit es keine Probleme gibt, wenn Landwirte mit großen Maschinen drüber fahren.

Inzwischen ist die Arbeit auch körperlich etwas leichter, weil statt Steinen oft Schlagmarken verwendet werden, sagt Engel, da muss man nicht mehr so viel graben. Trotzdem musste und muss ein Feldgeschworener früher wie heute körperlich gut bei Kräften sein. „Da hasch müssa etliche Kilometer laufa“, erinnert sich Rudolf Schlecker an Grenzsetzungen in freier Natur, beispielsweise bei der Teilung von Äckern. Heutzutage, sagt Alfred Engel, werden bei Erbfällen öfter mal Äcker geteilt, denn Land ist kostbarer denn je. „Da ist jeder froh“, wenn er ein Stückle kriegt, sagt Engel, vor allem wenn die Aussicht besteht, dass aus dem Acker mal Bauland werden könnte.

Bauplätze und Straßen vermessen helfen, das fand Rudolf Schlecker immer besonders interessant. Und als ehemaliger Schmied hat er auch in dieses Ehrenamt sein handwerkliches Können eingebracht. Die Stadt, so Schlecker, hatte nur „so Sakramentszuig“, in seinen Augen jedenfalls nichts Gescheites. Das hat dem Handwerker nicht getaugt, und so hat er als Ersatz für einen Holzstößel einen Pickel gefertigt.

Und dann ist da auch noch die genial einfache und überaus zweckmäßige Halterung für Schlagsteine, die Schlecker ersonnen und geschmiedet hat. Sie dient den Ichenhauser Feldgeschworenen noch heute als verlängerter Arm. Denn wer hält schon gerne einen Schlagstein fest, wenn ein anderer den Hammer schwingt, um mit aller Wucht draufzuschlagen? Überhaupt, der Anhänger, in dem jetzt alles drin ist, was die Feldgeschworenen für ihre Arbeit brauchen – Schlecker zählt mit leuchtenden Augen auf: Schaufeln, Pickel, Kreuzhauen, Stoßeisen, Grenzsteine, Grenznägel, Grenzpunkte, Pylonen und die rot-weißen Vermessungsstäbe und – eigentlich eine Rarität – die handgeschmiedeten Vermessungsnadeln, die er als Schmied aus den alten Zinken von Kreiselheuern gefertigt hat. Diese Nadeln kamen und kommen je einen Meter von der Grenze weg in den Boden, dann wird von ihnen aus die Mitte gemessen und der Grenzstein gesetzt. So liegt die Mitte des Steins akkurat auf der Grenze. Auf Beton ersetzt ein Kreidestrich die Nadel.

Der Anhänger mit dem Handwerkszeug der Feldgeschworenen steht im Bauhof der Stadt Ichenhausen. Circa zehnmal im Jahr werden die Feldgeschworenen Alfred Engel und Fridolin Bissinger von der Stadt oder vom Vermessungsamt um ihre Hilfe gebeten. Dann sind sie bereit, egal, ob es eiskalt ist, in Strömen regnet oder die Sonne vom Himmel brennt. Dann suchen sie nach rot gefärbten Grenzpunkten und blauen Vermessungspunkten, graben nach Grenzsteinen und sind trotz Laservermessung oft auch mit dem Maßband zur Stelle, damit die Leute vom Vermessungsamt Grenzbolzen, Grenzsteine und Schlagmarken korrekt platzieren können. Wichtig dabei ist, „dass das Vermessungsamt mit uns auskommt und wir mit denen“, sagt Alfred Engel.

In der Bevölkerung sind Feldgeschworene nach wie vor angesehene Leute. Ihr Ehrenamt – das heute mit etwa zehn Euro pro Einsatzstunde vergütet wird – geht auf das 13. Jahrhundert zurück, als fränkische Gerichte erkannten, dass man vor Ort redliche Leute brauchte, die Grenzen ermitteln, beaufsichtigen und auch abmarken konnten. Rudolf Schlecker und Alfred Engel haben in Ichenhausen diese Akzeptanz und diesen Respekt in vielen Jahren als Feldgeschworene erlebt. Nur einmal, sagt Engel, habe es Ärger gegeben. Ein Garageneigentümer habe nicht glauben wollen, dass das Gebäude tatsächlich schräg über die Grenze ein bisschen auf das Nachbargrundstück ragte. „Das war das einzige Mal, dass wir heimgeschickt worden sind“, sagt Alfred Engel.

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