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Naichen

23.05.2019

Naichen: So bunt und verführerisch konnte Werbung sein

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2 Bilder
Werbeplakat (Anton Reitenberger, Zuckerwaren-Fabrik, Augsburg); um 1930; Offsetdruck.
Bild: Thomas Niedermair

Welche ungewöhnlichen Akzente die neue Naichener Sonderausstellung „Verlockungen“ setzt.

„Herrlich schmeckt Pekareks Tee!“– „Am liebsten ist mir schon von je: Der gute Günzburger Kaffee!“ – „Zur Erholung gesünder rauchen!“ Was hier versprochen wird, klingt durchaus verheißungsvoll. Mit welchen Mitteln in früheren Zeiten versucht wurde, Produkte einer potenziellen Kundschaft schmackhaft zu machen, ist im Museum Hammerschmiede und Stockerhof Naichen anschaulich nachzuvollziehen. Die neue Sonderausstellung „Verlockungen: Genussmittel und Werbung früher“, die am Sonntag, dem Internationalen Museumstag, bei werbewirksam strahlendem Sonnenschein eröffnet wurde, vermittelt vielfältige Einblicke in diverse Verkaufsstrategien vergangener Jahrzehnte. Sie zeigt, auf welche Weise einstige Luxusgüter, wie etwa Kaffee, Schokolade oder Tabakwaren, die mit zunehmender Industrialisierung (ab Mitte des 19. Jahrhunderts) für immer mehr Menschen erschwinglich wurden, an den Mann und an die Frau gebracht werden sollten.

Zum Ausstellungsstart kamen zahlreiche Besucher nach Naichen, um sich durch die im Museum zu sehenden Exponate, wie etwa farbenfrohe Verpackungen, Werbeaufsteller und -plakate, in die Vermarktungsmechanismen der Ära vor der Digitalisierung entführen zu lassen. Bezirkstagspräsident Martin Sailer erinnerte in seiner Begrüßung daran, dass es früher allenfalls an Sonntagen einen Braten, Bohnenkaffee oder Süßigkeiten gegeben habe, „während heute alles jederzeit verfügbar ist“. Er wies darauf hin, dass es unter den Objekten auch schwäbische Produkte zu entdecken gäbe, „zum Beispiel Zigaretten aus Memmingen oder Kaffee aus Günzburg“.

Mit virtuosem Hackbrettspiel und im reizvollen Kontrast mit dem rundum hörbaren Vogelgezwitscher machte auch Komalé Akakpo neugierig auf die Ausstellung. Seine in charmantem Schwäbisch gesungenen Lieder „A Schtara-Heisela“ und „Kaffee mit der Bäs“ waren gewissermaßen zum Thema passende musikalische „Verlockungen“ und ähnlich appetitanregend wie die von fleißigen Helfern vorbereitete Verköstigung im Museum.

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Museumsleiterin Dr. Beate Spiegel machte die Gäste auf das Begleitprogramm zur Ausstellung und auf den Deutschen Mühlentag (am 10. Juni) aufmerksam.

Sie dankte „allen, die an Konzept und Gestaltung mitgewirkt haben“, wonach ihre Mitarbeiterin Caroline Wolf die Besucher in einer kurzen Einführung mit den gezeigten Objekten vertraut machte. Den Grundstock bilde eine private Sammlung aus Niederbayern. Dank dieser und weiterer Leihgaben präsentiere die Ausstellung, so Caroline Wolf, „optisch reizvolle Werbeaufsteller aus der Zeit der Kolonialwaren- und Kramerläden, deren Ende durch den Siegeszug der Supermärkte bedingt wurde“.

Wichtig war die Schaufensterwerbung

Einrichtungsgegenstände eines solchen Tante-Emma-Ladens, nämlich des von Viktoria Linder bis 1993 in Bobingen geführten Einzelhandelsgeschäftes und früheren Kolonialwarenladens, sind im Erdgeschoß zu sehen, während im Obergeschoß diverse „Verlockungen“ zu näherer Betrachtung anregen. Besonders wichtig war seinerzeit die Schaufensterwerbung, mit der auf einstige Luxus- und nunmehrige Konsumgüter, wie Zucker, Tee, Kaffee, Kakao, Schokolade, Spirituosen oder Tabakwaren, möglichst einprägsam hingewiesen wurde. Gesundheit und Glück wurden versprochen, farbenfrohe und von angesehenen Grafikern entworfene Plakate, Schilder und Tafeln sollten Wiedererkennungswert und langfristige Kundenbindung garantieren.

Hinzu kam um 1900 das Bemühen, einen Hauch Exotik ins Spiel zu bringen, wenn etwa mit stereotypen Darstellungen von lustigen Chinesen für Tee oder von fröhlichen Alpenbewohnern für Schokolade geworben wurde.

Während des Ersten Weltkriegs sollten „Krügerol-Katarrh-Bonbons mit dem Werbespruch „Der Neid der Feinde“ verkauft werden. Für Zigarettenwerbung hingegen war um 1920 die junge, emanzipierte Großstadtfrau, die als „Flapper“ („flatterhafte Person“) – nach dem Vorbild von Schauspielerin Louise Brooks – rauchte, trank und in Bars Jazz hörte, das bevorzugte Zielpublikum.

In den fünfziger Jahren schließlich bewarb die Kosmos Zigarettenfabrik GmbH (Memmingen) ihren „Supra Filter“ vor Urlaubskulisse mit dem Slogan „Mit Supra Filter in die Ferien!“, während der „Kathreiner Kneipp-Malzkaffee“ seine Warenverpackung mit dem Porträt des weithin beliebten und bekannten Pfarrers Sebastian Kneipp gestaltete.

Mitmachstationen für alle, die ihr Wissen über die verschiedenen Genussmittel selbst testen wollen, runden die aufschlussreiche Sonderausstellung ab. Deren Besuch sei hiermit ruhigen Gewissens empfohlen, da er – im Unterschied zu Alkohol- oder Tabakwaren – keine gesundheitsschädliche Wirkung entfalten kann, sondern vielmehr eine durchaus verführerische Zeitreise in die Vergangenheit ermöglicht.

Die Ausstellung „Verlockungen“ im Museum Hammerschmiede und Stockerhof Naichen ist bis zum 3. November 2019 zu sehen. Öffnungszeiten: Sonntag (13 bis 17 Uhr), 10. Juni (Pfingstmontag).

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